Nr. 48/2005 vom 01.12.2005

Die Zeugen verschwinden

Die Entführungen der letzten Tage könnten das Ende des Einsatzes unabhängiger Organisationen bedeuten.

Von Karin Leukefeld

Die 43-jährige Deutsche Susanne Osthoff transportierte immer wieder Hilfsgüter und Medikamente in den Irak. Die Archäologin hatte bereits wenige Tage nach Beginn des Irakkrieges im März 2003 in Zusammenarbeit mit der Organisation Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges einen ersten Hilfstransport von Amman aus nach Bagdad organisiert. Am vergangenen Freitag wurde sie zusammen mit ihrem Fahrer im Irak entführt.

Einen Tag später traf es vier Mitglieder des Christian Peacemaker Teams (CPT). Sie wurden in Bagdad gekidnappt. Unter den entführten Friedensaktivisten befinden sich zwei Kanadier, ein US-Amerikaner sowie der 70-jährige britische Professor Norman Kember. Die Entführten seien in den Händen einer unbekannten Gruppe, sagt eine CPT-Mitarbeiterin in Bagdad. Aus Sicherheitsgründen wolle und könne man derzeit nicht mehr sagen. Irakische Freunde untersuchten die Entführung, man hoffe, bald ein Lebenszeichen der vier Männer zu erhalten.

Offen und unparteiisch

Drei der Männer waren nur für wenige Tage in den Irak gekommen, sie wollten «mit eigenen Augen sehen», unter welchen Bedingungen die irakische Bevölkerung lebt, um nach ihrer Rückkehr «Zeugnis abzulegen» und die Friedensbewegungen in ihren jeweiligen Ländern zu unterstützen. Diese Arbeit ist ein erklärtes Ziel von CPT, die sich jahrelang gegen die Uno-Sanktionen und seit 2002 gegen den Irakfeldzug der angloamerikanischen Kriegsallianz engagierten. Seit deren Invasion im Frühjahr 2003 hat das Team in geduldiger Kleinarbeit seine Kontakte unter den verschiedensten irakischen Gruppen ausgebaut, um Dialog und gewaltlosen Widerstand zu fördern. Ihr bester Schutz dabei war auch ihre oberste Devise: Unparteilichkeit und absolute Offenheit gegenüber ihren GesprächspartnerInnen. Vor einem Jahr begannen sie mithilfe irakischer Freunde, eine Gruppe in Kerbala aufzubauen, das Muslim Peacemaker Team. Gemeinsam organisierten die ausländischen und irakischen FriedensaktivistInnen Lichterketten und Friedensmärsche gegen US-Militäroperationen in Nadschaf und fuhren im Frühsommer 2005 in das zerstörte Falludscha, wo sie Familien vor Ort halfen, ihre Häuser wieder aufzubauen.

Der Spielraum für ihre Arbeit wurde jedoch immer enger. Die innerirakischen Auseinandersetzungen um die Verfassung und Neuwahlen gingen auch an den beiden Friedensteams nicht spurlos vorbei. Wiederholt wurden die AktivistInnen von CPT beschuldigt, im Auftrag der USA missionieren oder spionieren zu wollen, während ihre muslimischen KollegInnen sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, mit Ausländern zu kollaborieren. Weil sie FürsprecherInnen und Vertrauensleute in vielen Gruppen der irakischen Gesellschaft haben, könnte sich die Entführung der vier Männer als Versehen herausstellen. In jedem Fall macht sie deutlich, welchen Gefahren unabhängige Hilfs- und Friedensorganisationen im Irak ausgesetzt sind.

NGO auf dem Rückzug

Vor mehr als einem Jahr, am 19. Oktober 2004, wurde die langjährige Leiterin der britischen Hilfsorganisation Care International, Margret Hassan, im Irak von Unbekannten entführt. In einer gemeinsamen Stellungnahme von vielen nichtstaatlichen Organisationen (NGO) im Irak hiess es damals: «Die Entführung von Frau Hassan wirkt sich sehr negativ auf die humanitären Hilfsorganisationen im Irak aus und wird letzten Endes das Leben aller Iraker beeinflussen.» Einen Monat später, am 17. November 2004, bestätigte Care International offiziell den Tod ihrer Mitarbeiterin. Die auf einem Video festgehaltene Exekution einer Frau mit verbundenen Augen zeige aller Wahrscheinlichkeit nach Margret Hassan, hiess es. Ihre Leiche wurde nie gefunden, die Täter blieben namenlos.

Care International stellte seine dreizehnjährige Arbeit im Irak nach der Entführung komplett ein, andere Hilfsorganisationen agieren inzwischen von der jordanischen Hauptstadt Amman aus. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), seit den 1960er Jahren im Irak präsent, hatte schon vorher seine Aktivitäten eingeschränkt, nachdem auf das Bagdader Hauptquartier im November 2003 ein Bombenanschlag verübt worden war. Die Organisation zog alle ausländischen MitarbeiterInnen ab. Heute machen selbst die Briefe der Gefangenen in den irakischen Gefängnissen einen Umweg über Amman, bevor sie vom irakischen IKRK-Personal an die EmpfängerInnen im Irak verteilt werden.

Das NGO-Koordinationskomitee im Irak (NCCI), eine von der EU und den Vereinten Nationen unterstützte Organisation, versucht per Internet und Telefon, die Arbeit der 69 Mitgliedsorganisationen zu koordinieren. Viele unter grossem Einsatz entstandene Projekte der Wasser- und Gesundheitsversorgung mussten eingestellt werden. Die NGO hielten an ihren Prinzipien fest, sagte NCCI-Koordinator Kasra Mofarah gegenüber der Zeitung «Al Hayat»: «Gemeinnützigkeit, Demokratie, Unparteilichkeit und Neutralität, das ist unser Selbstverständnis.»

Doch nicht nur die Angst vor Anschlägen und Entführungen verdammt die NGO zum Nichtstun. Geplante Hilfsprojekte werden auch durch bürokratische Hindernisse seitens der US-Armee und der irakischen Regierung blockiert. Als kürzlich während einer der vielen Militäroperationen im westlichen Irak NCCI von den US-Behörden einen Korridor forderte, um Hilfsgüter zu den tausenden von Flüchtlingen zu transportieren, fiel die Antwort negativ aus: «Während der fünf- bis siebentägigen Operationen wird normalerweise jeder Zugang in die Region aus Sicherheitsgründen verweigert», hiess es in einem Schreiben des Verbindungsmanns des US-Militärs. Für den Fall einer sehr unwahrscheinlichen Ausnahme brauche man die Anzahl der Autos, Autotyp, Kennzeichen, Inhalt der Wagen, Namen und Ausweispapiere der Fahrer, Angabe des Zielortes und den Termin, an dem der Konvoi zu fahren wünsche. Jederzeit könnten sich die NGO aber an eines der Zivil-Militärischen Operationszentren wenden, die derzeit in den Gebieten Falludscha, Ramadi, Haditha und Husaiba im Einsatz seien und die humanitäre Hilfe organisierten.

Derweil agieren Hilfsorganisationen und Stiftungen aus den Nachbarländern - zumeist mit politischem oder religiösem Auftrag - nahezu ungehindert und unauffällig im Irak. Direkt nach dem Krieg hat die saudische König-Fahd-Stiftung ein zentrales Krankenhaus in Bagdad übernommen. Der Rote Halbmond der Vereinigten Arabischen Emirate (UAE) unterstützt die irakische Schwesterorganisation finanziell und hat eigene Büros in den irakischen Provinzen. Aus dem Nachbarland Iran beteiligen sich religiöse Stiftungen: Sie finanzieren den Bau von Religionsschulen (Medresen) und Moscheen in der irakischen Hauptstadt und an den heiligen Stätten der SchiitInnen in Al Kadhimiya, Nadschaf und Kerbala. Ausserdem helfen sie bei der Gesundheitsversorgung und fördern den Aufbau von Medien.

Allgegenwärtig sind auch staatliche Organisationen der USA wie die Agentur für Internationale Entwicklung (USAID), die unter Kontrolle des US-Aussenministeriums steht und auf humanitärem Gebiet tätig ist. Für die Umsetzung ihrer Massnahmen sorgen die in Washington über grossen Einfluss verfügenden US-Firmen Halliburton, Bechtel, Kellogg, Brown & Root (KBR) und ihre irakischen Subunternehmen. Im Auftrag von USAID wird im ganzen Land gebaut und repariert: Wasserleitungen, Elektrizitätswerke, Krankenhäuser und Schulen ebenso wie Polizeistationen und Gefängnisse. Krankenhauspersonal, JournalistInnen und LehrerInnen werden ausgebildet, IrakerInnen erhalten Lohn und Brot. Experten von USAID planen in der Landwirtschaft und im Bildungsbereich, helfen bei Wahlen und dem vergangenen Verfassungsreferendum, lokalisieren und dokumentieren Massengräber aus der Zeit des alten Regimes und leisten Hilfestellung bei der Gründung von irakischen NGO oder beim aktuellen Prozess gegen Saddam Hussein. USAID baut den «neuen Irak» und ist eng mit dem Ingenieurskorps der US-Armee verknüpft. Diese unterstehen dem Pentagon. Auch sie bauen Schulen und Krankenhäuser, Brücken, Strassen und Polizeistationen. Auch die irakischen Ölanlagen gehören zu ihrem Einsatzbereich. Nachdem sie, in Kooperation mit KBR, brennende Ölquellen gelöscht haben, reparieren und sichern sie heute die Anlagen.

Zivile Uniformierte

«Ich blicke durch den Nebel/in den frühen Morgenstunden/und sehe, der Morgenstern ist verschwunden». Mit diesem Zitat von William Shakespeare aus «Romeo und Julia» begann kürzlich eine Pressemeldung des US-Army-Ingenieurskorps. Es ging um die Erfolgsstory einer Frau K. aus Nasarija, die ihr Baugeschäft «Morgenstern» genannt hatte. «Morgenstern» erstellt, mit tatkräftiger Unterstützung des Ingenieurskorps der US-Armee, zwei Polizeistationen. Das Besondere an dem Geschäft: Es wird ausschliesslich von Frauen geführt. Ein anderes Projekt des Ingenieurskorps ist das Mutter-Kind-Krankenhaus in Nadschaf, das nach einjähriger Grundsanierung Ende des Jahres fertig sein soll.

Für viele bewaffnete Gegner der ausländischen Truppen im Irak sind die humanitären Helfer in Uniform militärische Ziele. So wurde am 24. November ein Autobombenanschlag auf das Spital in Mahmudija, einer Kleinstadt südlich von Bagdad, verübt. 32 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, wurden getötet und dutzende verletzt. Getroffen wurden auch vier US-Soldaten, die vor dem Spital postiert waren und den Kindern Süssigkeiten verteilten. Im Spital selber war zu diesem Zeitpunkt ein «ziviles Team» der US-Armee anwesend, das mit der Krankenhausleitung über Modernisierungspläne sprach.

Das grosse Misstrauen gegenüber Ausländern sei im Irak erst nach dem Sturz des alten Regimes entstanden, meint Kasra Mofarah vom NCCI. Der Grund liegt für ihn in der Vermischung von politischen, militärischen und humanitären Aktivitäten. Der jetzige «Krieg gegen NGO und Journalisten» würde so die «letzten internationalen Zeugen täglicher Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Morde im Irak» vertreiben. ◊

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