Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

Wenn die Eltern nur ein Skypebild sind

Die Kinder sind die Zukunft eines Landes, heisst es. Doch was für eine Zukunft hat ein Land elternloser Kinder? In Moldawien wächst die Hälfte aller Kinder ohne Mutter, ohne Vater oder ganz ohne Eltern auf. Das hat Folgen.

Von Martin Nejezchleba, Diana Laarz (Text) 
und Constanze Flamme (Foto), Gura Galbenei

«Meine Eltern mussten gehen, es war eine Notwendigkeit»: Oksana Hemei aus Gura Galbenei gehört zur Hälfte der moldawischen Kinder, die zum Teil oder ganz ohne Eltern aufwachsen.

Drei Jahre alt war Oksana, da verliess ihre Mutter zum ersten Mal die Familie, um in Israel die Kinder anderer zu betreuen. Sie kam nach drei Jahren zurück ins Dorf Gura Galbenei, südlich von Moldawiens Hauptstadt Kischinau, blieb einige Monate und ging dann wieder fort. Am Tag des erneuten Abschieds schickte sie ihre Tochter zur Grossmutter. Auf halbem Weg kehrte die sechsjährige Oksana um. In der Einfahrt ihres Elternhauses traf sie ihre Mutter, schon mit den Koffern in der Hand. Oksana, inzwischen achtzehn Jahre alt, spürt noch heute die Wut, die sie als kleines Mädchen empfand: «Ich war zu klein, um zu verstehen, dass meine Mutter nicht ging, weil sie es wollte oder gern tat.»

Als ihre Mutter das letzte Mal zur Arbeit im Ausland aufbrach – in diesem Frühjahr –, verliess Oksana schon am frühen Morgen das Haus. Die Mutter verschwand dann im Laufe des Tages. Nachdem Oksana am Abend wieder nach Hause gekommen war, durchkämmte sie die Zimmer und sperrte alles, was von ihrer Mutter liegen geblieben war, in die Schränke.

Ein Land entzweiter Familien

In Moldawien wächst eine halbe Generation wie Oksana auf. Fast ein Fünftel der Bevölkerung ist gegangen, um im Ausland zu arbeiten. Studien gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte der Kinder in Moldawien zeitweise ohne Mutter oder Vater aufwächst. Jedes fünfte Kind bleibt ganz ohne Eltern: Zustände, wie man sie aus Mittelamerika oder ländlichen Gegenden Chinas kennt – und das am Rand von Europa.

Oksana Hemei gehört zur zweiten Gruppe. Auch ihr Vater arbeitete viele Jahre in Israel. Die Zeiten sind schon lange vorbei, als sie noch Bilder malte mit allen Familienmitgliedern darauf und die Zeichnungen den Eltern hinterherschickte. Heute sagt sie: «Ich werde immer dankbar sein für das, was meine Eltern für mich getan haben.» Als Oksana dreizehn Jahre alt war, entschied sie, dass sie von nun an nicht mehr bei den Grosseltern leben wollte, sondern allein im Haus ihrer Eltern in Gura Galbenei. Die Eltern waren dagegen, Oksana ging trotzdem. Es war ohnehin niemand da, der sie hätte aufhalten können.

Oksana hält das Haus klinisch sauber. «Ich bin die Hausherrin», sagt sie. Sie erzählt, dass sie ihre Mutter oder ihren Vater manchmal als Eindringlinge empfinde, wenn sie in dieses Haus kommen. Doch jeden Abend spricht Oksana via Internet mit ihrer Mutter Jelena. Über die Kinder, die die Mutter betreut, möchte Oksana nichts hören: «Sie haben grosses Glück, diese tolle Frau ständig um sich haben zu dürfen.» Oksana bekommt regelmässig Pakete aus Israel. Darin ist alles, was sie im Alltag brauchen kann: Shampoo, Geschirrspülmittel und auch mal eine Plüschkatze zum Kuscheln. Oksana schläft im Ehebett ihrer Eltern, sie lässt dabei immer eine kleine Lampe an.

Wenn Oksanas Eltern nicht fortgegangen wären, hätte ihr um einige Jahre älterer Bruder nie studieren können. Oksana wäre dann wahrscheinlich in einem baufälligen Haus aufgewachsen und mit Eltern, die sich stets Sorgen gemacht hätten, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Es ist eine äusserst schwierige Frage für ein achtzehnjähriges Mädchen, was denn wichtiger sei: das Geld und die Möglichkeiten, die es schafft, oder die elterliche Geborgenheit? Oksana versucht, sie souverän zu beantworten: «Wir brauchen das alles, wir brauchen die moderne Technik, wir können nicht einfach so leben.» Dann wirkt sie zum ersten Mal unsicher, stockt: «Ich weiss nicht, vielleicht brauchen wir es auch nicht.» Es scheint, als denke sie in diesem Moment zum ersten Mal über diese Frage nach. Und dann flüchtet sie sich in einen Satz, den sie zuvor schon mehrere Male gesagt hat: «Sie mussten gehen, es war eine Notwendigkeit.»

Moldawien war einst eine der wohlhabendsten Sowjetrepubliken, der Obst- und Gemüsegarten der UdSSR. Durch die 1991 erlangte Unabhängigkeit der Republik wurde der junge Staat von seinem traditionellen Absatzmarkt abgeschnitten. Heute ist Moldawien das ärmste Land Europas und kann seine rund vier Millionen EinwohnerInnen nicht ernähren. Arbeit finden die Menschen, wenn überhaupt, in der Landwirtschaft – für rund 120 Franken im Monat.

Bereits schätzungsweise 700 000 MoldawierInnen haben deshalb ihre Heimat verlassen. Die Männer schuften auf russischen Baustellen, die Frauen putzen Haushalte und pflegen fremde Kinder in Italien, der Türkei oder eben in Israel. Viele sind illegal in diesen Ländern. Ihre Söhne und Töchter wachsen bei Grosseltern, Geschwistern oder allein auf. In den kleinen Dörfern zwischen hügeligem Ackerland harren nur noch Kranke, Alte und Kinder aus. Die Summe der Gelder, die die Ausgewanderten in ihre Heimat schicken, ist grösser als der Staatshaushalt der Republik. Die Lebenshaltungskosten für Essen, Wohnen und Arztbesuche verschlingen einen Grossteil der Rücküberweisungen.

Liebe heisst Geld oder Markenkleider

PsychologInnen greifen schnell zum Wort «Katastrophe», wenn man sie nach den Auswirkungen dieses Familienmodells fragt. In Moldawien sei eine halbe Generation traumatisiert, glaubt etwa Ian Feldman: «Es ist das Trauma eines Kindes, das seine Eltern verloren hat, obwohl sie noch am Leben sind.» Feldman hat an einer Erhebung über die Folgen der Massenauswanderung mitgewirkt und dabei gelernt: Kinder wie Oksana glauben, dass elterliche Liebe vor allem heisst, in regelmässigen Abständen Geld oder Pakete voller Markenkleidung und Spielzeug zu bekommen. Was ihnen fehlt, ist die Nähe ihrer Eltern: Blecherne Stimmen und verschwommene Skype-Bilder sind ein schwacher Ersatz für echte Gespräche und Umarmungen.

«Den Kindern fehlt Zuneigung. Also suchen sie diese bei anderen Erwachsenen», sagt Feldman. «Doch leider gibt es immer wieder Menschen, die das ausnutzen.» Etwa zehn Prozent dieser «Waisenkinder» würden sexuell missbraucht. Auch weil viele der betroffenen Kinder nie von ihren Eltern gelernt haben, wo die Grenzen körperlicher Nähe liegen.

Wie die Zukunft des Landes aussehen wird, wenn diese verstörte Generation selbst einmal Kinder bekommt, alarmiert nicht nur PsychologInnen wie Feldman. SoziologInnen vermuten, dass viele dieser Kinder in Zukunft mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben, da sie sich mit Junkfood statt mit Selbstgekochtem vom heimischen Herd ernährt haben. Und sie rechnen damit, dass diese Menschen als junge Erwachsene emotionale Probleme haben werden, denn sie haben nie erlebt, wie man etwa als Familie alltägliche Probleme meistert oder wie man Liebe zeigt. Für Feldman ist klar: Diese Kinder brauchen psychologische Unterstützung, ebenso wie die Eltern. «Die Eltern opfern sich für ihre Kinder auf, nur um später zu hören: Ich habe dich gebraucht, nicht dein Geld.»

Lehrerin und Ersatzmutter

Als das Klingeln der Schulglocke ertönt, kehrt auf dem polierten Steinboden des Lyzeums Hyperion in Gura Galbenei schlagartig Ruhe ein. Wie überall auf dem Land sind die Auswirkungen der Massenauswanderung in den Schulen besonders spürbar. Seit diesem Jahr steht der Nordflügel des Gebäudes leer. Wenn Paare wegen der Arbeitsmigration getrennt sind, bleibt der Nachwuchs aus. Das Dorf hat zu wenig GrundschülerInnen, um die Bänke in allen Klassenzimmern zu füllen. Noch vor zehn Jahren lebten im Dorf mehr als 1500 SchülerInnen. Eine Schule wurde bereits geschlossen. Nun gibt es nur noch das Lyzeum mit 572 Kindern. Jedes zweite von ihnen hat einen oder beide Elternteile im Ausland.

Um die wenigen ErstklässlerInnen kümmert sich Valentina Rasmelitza. Sie ist mit ihren sechzig Jahren eigentlich schon in Rente. Doch zu Hause möchte sie nicht bleiben. «Ich bin ihre Mama und ihr Papa zugleich», sagt sie über die SchülerInnen. Ihr Dorf zerfalle: «Alle wollen hier weg. Alle wollen ein besseres Leben.»

Für Oksana ist es die letzte Schulstunde an diesem Tag. Sechzehn MaturandInnen sitzen auf viel zu kleinen Stühlen, die Beine eingekeilt unter den viel zu kleinen Tischen. Die Jugendlichen tragen Winterjacken. Im ungemütlichen Herbst wird die Schule noch nicht beheizt. Ganz vorne sitzt Oksana, neben ihr Diana und Adriana. Auch deren Eltern gingen fort, als sie noch kleine Kinder waren. Die Eltern von Adriana sind im Sommer aus Israel zurückgekehrt und sind nun arbeitslos. Die Mutter ihres achtzehnjährigen Klassenkameraden Ion arbeitet seit acht Jahren in Italien.

Zu Hause andere Probleme

Tatjana Savastru, die Sozialarbeiterin von Gura Galbenei, macht den ArbeitsmigrantInnen keinen Vorwurf. «Den Kindern, deren Eltern ins Ausland gehen, geht es besser», glaubt sie. Mehr Sorgen bereiten ihr die Familien, die im Dorf bleiben: Dort herrschen Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Gewalt. Ohne Geld komme schnell Verzweiflung auf, mit allen negativen Folgen.

Oksana Hemei wird im kommenden Sommer ihre Matur machen, voraussichtlich eine sehr gute. Sie weiss auch schon, wie ihr Leben in zwanzig Jahren aussehen soll. Sie will dann in einem grossen Haus leben, mit einem Ehemann und Kindern. Sie beschreibt ein alltägliches Familienleben, wie sie es nie kennengelernt hat. Die junge Frau möchte versuchen, in Kanada oder den USA zu studieren. «Vielleicht bleibe ich dann für immer dort.»

Im nächsten Jahr, wenn Oksana zum Studium das Dorf verlassen wird, will ihre Mutter für immer zurückkehren in die Heimat. Der Vater arbeitet als Fahrer und ist manchmal tagelang irgendwo in Osteuropa unterwegs. Dann ist niemand mehr da, der das Haus hütet. Die Mutter kommt, wenn die Tochter geht. Zusammenzuleben war ihnen nie vergönnt.

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