Nr. 13/2005 vom 31.03.2005

Die Burunduks als Geissel Gottes

Seit 1937 lebte die Familie Lykow in der sibirischen Taiga in völliger Isolation von der Aussenwelt. Erst 1978 wurde sie zufällig bei geologischen Luftaufnahmen entdeckt.

Von Alexander Schrepfer-Proskurjakov

Das Drama der Lykows hat seine Wurzeln in einem historischen Ereignis vor über drei Jahrhunderten. Der Zar Alexej Michailowitsch und der Patriarch Nikon führten 1653 eine Kirchenreform durch, deren Grundlage die Bereinigung der Übersetzungsfehler in der Bibel und eine Korrektur der Liturgie war. Dieser «Verrat am alten Glauben» versetzte damals ganz Russland in Aufregung und liess eine starke Oppositionsbewegung entstehen mit dem Namen Raskol - Spaltung. Die Altgläubigen der Raskol-Bewegung lehnten alles Weltliche ab: staatliche Gesetze, jede Staatsmacht, den Militärdienst, Pässe und Geld. «Freundschaft mit der Welt ist Feindschaft gegen Gott», behaupteten sie und zogen sich immer tiefer in die unzugänglichen Urwälder Sibiriens zurück.

Das Oberhaupt der Familie Lykow, Karp, wurde in einer Altgläubigengemeinde am sibirischen Fluss Abakan geboren. 1928 heiratete er die Glaubensgenossin Akulina und ging mit vier weiteren Familien noch tiefer in die Taiga. Die Sowjetmacht liess die Altgläubigen auch in der Taiga nicht in Ruhe, und so entschied sich Karp Lykow 1937, zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern, Sawwin und Natalija, eine Klause am Oberlauf des Flusses Abakan einzurichten. Diese Gegend galt als völlig unpassierbar. Bis zur nächstgelegenen Siedlung waren es 250 Kilometer flussabwärts.

Ein Leben ohne Salz

Die Isolation war vollkommen. Die Familie, die inzwischen noch um zwei weitere Kinder - Dimitri und Agaf'ja - gewachsen war, hat nicht einmal erfahren, dass es den Zweiten Weltkrieg gab. «Wie das - zum zweiten Mal, und wieder die Deutschen?», wunderte sich Karp, als ihn 1978 die GeologInnen besuchten und vom «grossen Krieg» berichteten.

Für Nahrung sorgte ein Gemüsegarten mit Kartoffeln, Rüben, Erbsen und Roggen. Die Taiga war der zweite Gemüsegarten der Lykows: Birkensaft, Brennnesseln, wilde Zwiebeln, Pilze, Himbeeren, Heidelbeeren, Preiselbeeren, Johannisbeeren und Zirbelnüsse lieferte ihnen der sibirische Urwald. Eine weitere Ernährungsquelle bildeten Fischfang und Jagd - Vieh oder Haustiere gab es keine. Karp und seine Söhne hoben Hetzjagdgruben aus und bauten Zäune und Hindernisse. Die Ausbeute war gering; der Fang eines Tieres wurde jedes Mal zu einem Festmahl. Mit Fischreusen und Angelruten fingen die Lykows im Abakan Äschen und Forellen.

Das Leben ohne Salz sei «wahre Qual» gewesen, berichteten die Lykows der Leiterin der Geologengruppe Galina Pisemskaja, die als Erste Kontakt zu den Eremiten hatte. Salz war auch das Einzige, was sie von den GeologInnen als Geschenk genommen haben.

In der kleinen Hütte mit einem einzigen Fenster in der Grösse eines A4-Blattes standen ein selbst gebasteltes Spinnrad und ein Webstuhl. Die Familie säte Hanf. Aus Hanfleinen nähten sie Sommerkleider, Kopftücher, Strümpfe und Fäustlinge. Und auch Wintermäntel: Zwischen Futter und Oberstoff kam trockenes Gras. Und das in Sibirien, wo es im Winter bis zu minus vierzig Grad kalt wird. Das Leben der freiwilligen Eremiten war ein Daseinskampf unter beinahe urgesellschaftlichen Bedingungen.

Eisen war Mangelware in der Taiga. Alles was die Lykows aus der früheren Siedlung mitgebracht hatten - einen alten Pflug, Spaten, Messer, Äxte, eine Raspel, eine Säge, Scheren, Nadeln - wurde wie ein Schatz behandelt. Das Werkzeug hatte sich in den vielen Jahren abgeschliffen und abgenutzt, nichts wurde jedoch weggeworfen. Nach einer verlorenen Nadel suchte die ganze Familie einmal stundenlang - und fand sie schliesslich.

Trotz ihrer Abgeschiedenheit von der «sündigen Welt» wussten alle Familienmitglieder ganz genau, an «welchem Tag wir leben». Nur der Kalender war anders: Der 15. Juni 1978 - der Tag, an dem die Lykows zum ersten Mal Besuch von den GeologInnen erhielten - war der 2. Juni 7486 «nach Adam». Der Kalender wurde dabei ausschliesslich «im Kopf» geführt, mit regelmässigen Überprüfungen nach Gebetsbüchern und Neumondphasen.

Hilfe durch drei Katzen

Weder Bären noch Wölfe haben den Lykows die grössten Sorgen bereitet, sondern ein kleines Tierchen namens Burunduk - ein niedliches sibirisches Streifenhörnchen. Doch in den Augen der Lykows war dieses Tierchen «eine Geissel Gottes, schlimmer als der Bär», denn beinahe die Hälfte der Körner aus der Ernte wurde von den Burunduks gefressen. Die Lösung des Problems wurde erst durch den Kontakt nach aussen möglich. Die GeologInnen brachten den Lykows zwei Katzen und einen Kater, die den Burunduks endlich das Handwerk legten. Diese Kontakte wurden bald unersetzlich. Auch das Schenkverbot wurde immer lockerer, und bald hatte die Familie einen grossen Vorrat an Nahrungsmitteln und Werkzeug. Auch andere Haustiere siedelten sich im Hof der Lykows an: ein Hund, Ziegen und Hühner.

Die zahlreichen BesucherInnen brachten aber noch etwas anderes in die abgeschiedene Hütte, ohne es selbst zu wissen: die Infektionen. Wie sonst kann man erklären, dass 1981 mit wenigen Monaten Abstand Sawwin (45), Dimitri (36) und Natalija (42) starben? Ihr vom täglichen Daseinskampf abgehärtetes Immunsystem war auf neue Gefahren völlig unvorbereitet.

1988 starb Karp Lykow mit 87 Jahren an Altersschwäche, und der letzte Sprössling der Familie, die damals 44-jährige Agaf'ja, blieb völlig allein in der sibirischen Taiga. Entfernte Verwandte der Lykows - ebenfalls Altgläubige - meldeten sich nach den zahlreichen Zeitungsberichten und erklärten sich bereit, Agaf'ja aufzunehmen. So verliess Agaf'ja für einige Wochen ihre Klause am Abakan und reiste zu ihren Verwandten in der Siedlung Abasa sowie in ein Frauenkloster am sibirischen Fluss Jenisej. Sie kehrte jedoch in ihre Hütte zurück, denn «fortzugehen gab der Vater seinen Segen nicht». «In der Welt zu leben, ist Sünde» - diese Anschauung hatte der alte Lykow bis zu seinem letzten Atemzug bewahrt. Das Einzige, was Karp Lykow auf dem Sterbebett Agaf'ja erlaubte, war zu heiraten.

Gescheiterte Flitterwochen

Ein Heiratsversuch 1989 endete jedoch im Desaster. Bei ihrem Besuch in Abasa hatte Agaf'ja einen Glaubensbruder, den 63-jährigen Iwan Tropin, kennen gelernt. Er erklärte sich bereit, in ihre Klause einzuziehen. Agaf'ja schrieb den Nonnen am Jenisej einen Brief mit der Bitte, ihrer Heirat den Segen zu geben. Sie hatte aber vor, «wie Bruder und Schwester zusammenzuleben». Dies passte ihrem Bräutigam überhaupt nicht. «Wir sind doch lebendige Menschen!», meinte er, und die Flitterwochen wurden vorzeitig abgebrochen.

Seitdem lebt die heute 61-Jährige allein in der Taiga. Vor einigen Jahren hat sie Briefkontakt zum Gouverneur des sibirischen Gebiets Kemerowo, Aman Tuleew, aufgenommen. In ihrem letzten Brief, den eine Touristengruppe Ende August 2004 Aman Tuleew zustellte, bat Agaf'ja um Heu, ein Fischnetz, eine Motorsäge, Saatgut, Schiesspulver, einen Hund sowie einen Kater und eine Katze. Die Warenverpackungen sollten dabei unbedingt ohne Strichcode sein, denn dieser enthalte dreimal die Sechs, die biblische «Zahl des Tieres».

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch