Nr. 15/2005 vom 14.04.2005

Diese Hitze!

Der Debütroman des Journalisten und Musikers Frank Heer lässt einen Schweizer durchs Death Valley taumeln.

Von Wolfgang Bortlik

Man liest das Buch durch, legt es weg und denkt: endlich einmal ein radikal unschweizerischer Roman, wiewohl von einem Schweizer Schriftsteller geschrieben. Das muss wohl damit zusammenhängen, dass der Autor fast zehn Jahre in New York gelebt hat. Dann nimmt man das Buch noch mal zur Hand, blättert, liest gewisse Passagen neu und denkt sich: Verdammt noch mal, dieser Roman hat doch etwas schwer Robert-Walserisches beziehungsweise etwas ganz eigen Scheichenwartz-Schweizerisches. Denn die Hauptfigur, ein gewisser Viktor Scheichenwartz, aus der Ostschweiz stammend, ehedem Deutschlehrer in Zürich und ohne besondere Eigenschaften, fährt und wandert im Death Valley, in einer der heissesten und unwirtlichsten Wüsten der Welt, umher und taumelt uns da ganz schön was vor. Also hallo, LiteraturwissenschaftlerInnen, schmeisst mir die Stichwörter zu: Hat dieser Scheichenwartz etwas von Käpten Ahab, ist er eher Melmoth der Wanderer oder doch mehr Karl Rossmann? Ein Mitglied der internationalen literarischen Fussballelf der Fliehenden, Getriebenen, Suchenden, Scheiternden, Untergehenden und dennoch irgendwie einer, der als Sieger nach Punkten übrig bleibt. Wie Peter Schlemihl, der seinen Schatten für ein Elektropiano hergibt.

Flucht in die Wüste

Doch wir wollen Viktor Scheichenwartz nicht allzu grosse Schuhe anziehen. Vorerst scheint er wie gesagt zu fliehen. Die Handlung des Romans ist nicht leicht zu erzählen. Möglicherweise hat Viktor in Zürich eine seiner Schülerinnen umgebracht, die ihm dabei einen Finger abgebissen hat. Aber unser Held hat Probleme mit der Erinnerung. Zugleich hat seine Urgrosstante eine Ansichtskarte aus den USA erhalten, die aus gottgegebenen Gründen 92 Jahre lang unterwegs war. Darin grüsst Viktors Urgrossvater aus Rhyolite, einer Goldgräber-Boomtown aus der Zeit um 1900, die heute eine Geisterstadt ist. Wieso soll Viktor nicht die sterblichen Überreste des Vorfahren suchen gehen? Nur weg aus der Schweiz!

Unterwegs in den Wüsten Nevadas trifft er auf Jade, in die er sich verliebt. Jade, die von einem Planeten weit ausserhalb des Sonnensystems zu stammen scheint, kann Viktors Zuneigung nicht erwidern, dennoch begleitet sie ihn. Auf dem Friedhof von Rhyolite treffen sie auf den «Häuptling», den letzten Bewohner der Geisterstadt, einen durchgeknallten Vietnam-Veteranen, und schliesslich taucht sogar noch das Skelett des Urgrossvaters auf, welches noch eine wichtige Rolle zu spielen hat.

«Flammender Grund» nannten die Paiute-Indianer das Death Valley - aus nahe liegenden Gründen. Diese gnadenlose Hitze, die Verletzung an der Hand, Jade, das alles tut Viktor nicht gut. «Ich kann mich nicht erinnern. Es trifft mich keine Schuld», sagt er. Jade ist verschwunden, und er ist plötzlich Dick Cassidy geworden, ein musikalischer Alleinunterhalter in einem Spielcasino in Las Vegas. Viktor wechselt die Rollen und die Identitäten. Es geht drunter und drüber! Fangen wir noch mal an: Frank Heer, 1966 bei St. Gallen geboren, die letzten zehn Jahre in New York als Journalist und Musiker tätig, hat seinen ersten Roman geschrieben. Es ist eine Mischung aus Roadmovie und Schauerroman, gesättigt mit amerikanischen Mythen und Symbolen der Popkultur oder des Trash - wie immer man das auch nennen will, was da am unteren Rande der Hochkultur hektisch pulsiert und hampelt und seine Tentakel auch noch in die harmlosesten Gegenwartsromane schiebt. In «Flammender Grund» gibt es etwa das Motiv des abgebissenen Fingers, der wieder ausgekotzt wird. Urban Legends nennt man so was - bekannt vor allem aus dem Kino.

Spiel mit Identitäten

Das Ungewisse stellt Heer auch in den Identitäten dar. Aus Viktor wird Dick. Wenn die Rolle als Schlemihl oder als Rossmann nicht passt, wird sie gewechselt. Wer sich an nichts erinnert, hat keine Schuld. Die gesellschaftlichen Übereinkünfte wie Gesetze, Besitz und so weiter zählen hier kein bisschen. Immerhin beginnt der Roman damit, dass Viktor oder eine seiner neuen Identitäten eine Tankstelle überfällt und 3548 Dollar erbeutet.

Frank Heer hat eine lakonische Art zu schreiben, zu beschreiben: «Ein prähistorischer Ozean aus oxydiertem Kalk, der bei Sonnenuntergang den Eindruck erweckt, als hätte man der Erde die Schädeldecke weggerissen.» Er bringt dabei diesen ganzen Wust an Bildern und Bedeutungen, Anspielungen und Referenzen sehr unpathetisch herüber. Auch wenn die Konstruktion des Romans vielleicht ein bisschen zu kühn ist und das Spiel mit den diversen Identitäten des Helden spätestens mit dem Auftauchen des Trash-Schauspielers Lex Barker zu üppig wird, so ist doch «Flammender Grund» ein beeindruckender Erstlingsroman. Ob er jetzt unschweizerisch ist oder nicht, ist ja egal.

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