Nr. 22/2005 vom 02.06.2005

Ist kastrieren schlimm?

Interview: Nicole Ziegler, Foto: Ursula Häne

Dennis C. Turner: «Wer das Verhalten der Jagdbeute beurteilen konnte, war unter den steinzeitlichen Jägern bevorzugt.»

Ihre Spezialität ist die Erforschung der Beziehung zwischen Mensch und Heimtieren. Sie dozieren in Zürich, aber auch an einer Universität in Japan. Gibt es einen Unterschied zwischen der Heimtierhaltung in der Schweiz und der in Japan?
In Japan gibt es nicht so viele Haustiere wie hier – das fängt erst jetzt so richtig an. Wenn ich dort über die Verantwortung gegenüber Heimtieren spreche, dann fällt das auf unbeackertes Land. Die Leute hören zu, weil sie nicht – wie hier – aus Erfahrung vermeintlich schon alles wissen. Für die Japaner hat das Heimtier dafür oft einen Accessoirecharakter: Hunde werden in Kleider gesteckt oder in Taschen mit herumgetragen. Das ist eine Vermenschlichung von Tieren, die ich unerträglich finde.

Das ist doch häufig so – vor allem wenn es darum geht, Gefühle von Tieren zu interpretieren.
Das stimmt. Wir haben die Tendenz, Tierverhalten mit unserem eigenen zu vergleichen. Wie Studien zeigten, ist das sogar von Nutzen, um das Verhalten von Tieren richtig vorauszusagen und zu interpretieren. Schon die Jäger vor 150 000 Jahren machten das so. Wir gehen davon aus, dass es eine natürliche Selektion dafür gab: Wer diese Fähigkeit besass, war unter den steinzeitlichen Jägern bevorzugt und ernährte seine Familie besser.

Diese Diskussion geht vom Menschen aus. Haben Tiere tatsächlich so starke Gefühle?
Bis vor zehn Jahren hätten Ihnen noch die meisten Verhaltensbiologen – Ethologen – gesagt, Tiere hätten keine Gefühle ausser vielleicht Angst. Doch die Forschungen, die in den letzten zehn, fünfzehn Jahren – nicht zuletzt auch von meinem Institut – gemacht wurden, zeigen, dass Tiere Gefühle haben und ausdrücken: Sie verspüren unter anderem Freude, Eifersucht und Angst. Das ist heute auch in der Zoologie unbestritten.

Und diese Erkenntnis ist wohl ein ausschlaggebender Punkt, wenn es um Diskussionen im Tierschutz geht?
Mit diesen Forschungsergebnissen können wir wissenschaftlich belegen, dass gewisse Forderungen im Tierschutzbereich – beispielsweise eine verantwortungsvolle Heimtierhaltung nach den Bedürfnissen der Tiere – wichtig und nötig sind. Das neue Tierschutzgesetz, das nächste Woche im Nationalrat beraten wird, ist leider eine zögerliche Vorlage ohne Biss. Im Bereich der Tierversuche beispielsweise geht es hinter die Vorschriften zurück, die sich die Zürcherischen Hochschulen selbst geben. Und auch für Heimtiere sieht das Gesetz nicht vor, später Verordnungen mit Richtlinien für deren artgerechte Haltung zu erlassen. Ich begreife nicht, wie der Bundesrat das Gesetz so vorlegen konnte.

Die BefürworterInnen sagen, dieses Gesetz sei eines der schärfsten in Europa.
Das stimmt nicht! Das war bei der letzten Revision des Gesetzes vor dreissig Jahren so, mittlerweile haben die anderen Länder längst aufgeholt. Gerade was die Heimtierhaltung anbelangt, sind dort neueste Forschungsergebnisse eingeflossen. Bei falscher und schädlicher Haltung kann Anzeige erstattet werden, und die Besitzer müssen sich vor dem Gesetz verantworten. In der Schweiz haben wir 1,3 Millionen Katzen und rund 500 000 Hunde, unzählige Nagetiere, Fische und Vögel, die als Heimtiere gehalten werden – bei schweizerischen Tierschutzorganisationen gehen jährlich rund 10 000 Anzeigen von falscher Haltung bis hin zur Tierquälerei ein; machen kann man dagegen kaum etwas, weil die Richtlinien für einen Vollzug fehlen.

Was wünschten Sie sich für die Diskussion im Nationalrat?
Der Ständerat hat immerhin das Gesetz in einigen Punkten verbessert, beispielsweise bei der Ferkelkastration, die nun nicht mehr ohne Betäubung vorgenommen werden darf. Ich hoffe, der Nationalrat nimmt diese Verbesserungen nicht zurück und bringt im Gegenteil noch einige zusätzlich ein. Es wäre beispielsweise wichtig, dass die Kantone Tierschutzanwälte bestimmen, welche die Interessen der Tiere vertreten – so wie es der Kanton Zürich schon lange hat.

Apropos Kastration: Ich habe seit zwei Jahren ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Kater kastrieren liess. Der war so im Stress, als er liebestoll war, kam mit zerfetztem Ohr nach Hause, lief greinend durch Wohnung und Strassen – ich dachte, es gehe ihm ohne Hoden besser ...
Es geht ihm besser. Er lebt länger, weil er für bestimmte Krankheiten weniger anfällig ist, weil er weniger streunt, deshalb weniger gefährliche Strassen überquert und weniger Rivalenkämpfe hat. Und 
er vermisst auch nichts, weil er durch 
die Kastration die Hormone, welche für gewisse Sehnsüchte und Gefühle zuständig sind, nicht mehr produziert. Sie haben ihm auf jeden Fall einen Gefallen 
getan.

DENNIS C. TURNER, 57, ist unter anderem Direktor des Instituts für angewandte Ethologie und Tierpsychologie I.E.T. in Hirzel, Doktor der Wissenschaft, Privatdozent an der Universität Zürich, ständiger Gastprofessor in Japan, Mitglied des Exekutivkomitees des Welttierschutzbundes und Autor mehrerer Bücher über Katzenverhalten und die Mensch-Tier-Beziehung.

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