Nr. 23/2005 vom 09.06.2005

Was nützen Haustiere?

Interview: Nicole Ziegler, Foto: Ursula Häne

Dennis C. Turner: «Katzen können depressive Stimmungen und schlechte Laune verbessern.»

Warum sollen Heimtiere überhaupt gesetzlich geschützt sein, was hat der Mensch für ein Interesse daran?
Dennis C. Turner: Die vielen Forschungen der letzten Jahre haben mir gezeigt, dass das Heimtier bei richtiger Haltung eine enorm positive Wirkung auf den Menschen hat. Es ist also durchaus in seinem Interesse, das Tier gut und richtig zu behandeln.

Welche positive Wirkung haben 
die Tiere denn?
Sie sind beruhigend und bringen uns der Natur näher. Katzen beispielsweise können depressive Stimmungen und schlechte Laune verbessern – sie streichen dem Menschen dann intensiver um die Beine und vokalisieren – «sprechen» – mehr. Dieses Verhalten reduziert beim Menschen auch Introvertiertheit und Ängste. Allerdings können Katzen eine bereits gute Laune nicht noch besser machen! Bei Kindern erhöhen die Tiere das Selbstwertgefühl und die Empathie, das Mitgefühl für «das Andere», einschliesslich anderen Menschen.

Das ist ja schön und gut, aber 
für gute Laune allein muss man kein Tierschutzgesetz erlassen.
Eine Studie des IEMT, des Instituts für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung, mit Daten des Bundesamtes für Statistik hat gezeigt, dass Halter von Hunden oder Katzen monatlich zehn bis zwanzig Franken weniger Gesundheitskosten haben als Nichttierhalter. Das ist ein wirtschaftlicher Aspekt. Die positiven Effekte der Heimtierhaltung auf die Gesundheit des Menschen sind in der Wissenschaft in den letzten Jahren bewiesen worden – doch diese Ergebnisse sind die ersten, die so ausführlich die wirtschaftlichen Konsequenzen für unser Gesundheitssystem belegen. Die Einsicht, dass Heimtiere für den Menschen sehr wichtig sind, verbreitet sich immer mehr und wird durchaus salonfähig. Aber ein Tierschutzgesetz soll ja auch nicht nur dem Menschen, sondern vor allem auch dem Tier nützen.

Das mag vielleicht in unseren 
Breitengraden wichtig sein. In Entwicklungsländern können Heimtiere doch gar nicht diese Bedeutung haben. Sind diese Forderungen nicht einfach unnötiger Luxus?
Heimtiere werden in sämtlichen Kulturen der Welt gehalten und geschätzt. Der Welttierschutzbund (WSPA), wo ich in der Exekutive mitarbeite, die IAHAIO (der Internationale Zusammenschluss aller Organisationen, die in der Mensch-Tier-Beziehung forschen), die ich präsidiere, und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeiten momentan an einem gemeinsamen Projekt für Entwicklungsländer: In der Schule sollen die Kinder im Umgang mit Tieren lernen, wie wichtig Hygiene für die Gesundheit und das Wohlergehen eines Lebewesens ist. Wir entwickeln Lehrmittel, die sowohl den Kindern wie auch den Tieren nützen. Die Erkenntnisse in der Mensch-Tier-Beziehungs-Forschung liefern dafür unsere Grundlagen und sind für den Umgang mit den Tieren unabdingbar.

Wie weit soll Tierschutz denn 
gehen?
Ich bin kein Extremist, und für mich ist klar, dass ein Menschenleben immer mehr wert ist als ein Tierleben. Ich bin für Tierschutz, will aber, dass er begründet ist. Und gerade deswegen sind unsere Studien wichtig. Diese können dann festlegen, was ein Tier braucht, damit es ihm gut geht, und unter welchen Umständen es Fehlverhalten und Störungen entwickelt. Ich propagiere im Umgang mit Heimtieren das Fairnesskonzept: Jeder erfüllt die Wünsche des anderen, sofern es ihm möglich ist und solange der andere ihm auch seine Wünsche erfüllt. Man kann von einem Tier also durchaus Leistung und einen gewissen Nutzen erwarten, aber es darf dabei nicht leiden oder Schmerzen haben, und es muss auch seine Bedürfnisse befriedigen können. Wenn die Leute begreifen, was die Tiere ihnen schenken und was sie bedeuten, dann werden sie automatisch umsichtiger und respektvoller mit ihnen umgehen. Das ist mein Ziel, und das soll meiner Meinung nach das Ziel von Tierschutz sein.

Sie haben selbst zwei Katzen. 
Was mögen Sie an ihnen?
Dass sie unabhängig und enorm sensibel sind. Aber ich mag auch Hunde. Wenn ich pensioniert bin und weniger reisen muss, will ich mir gerne einen anschaffen. Nur ist meine Frau bis jetzt noch dagegen. Sie meint, nach meiner Pensionierung würden wir erst recht reisen. Mal gucken.

DENNIS C. TURNER, 57, ist unter anderem Direktor des Instituts für angewandte Ethologie und Tierpsychologie in Hirzel, Privatdozent an der Universität Zürich, ständiger Gastprofessor in Japan und Präsident des Instituts für Interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT-Schweiz) in Zürich.

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