Nr. 25/2005 vom 23.06.2005

Mag der Papst Tiere?

Interview: Nicole Ziegler, Foto: Ursula Häne

Dennis C. Turner: «Ich wäre am liebsten eine Hauskatze – aber eine, die Auslauf hat.»

Wo sind Sie aufgewachsen,
 Herr Turner?
In den USA, in San Diego, Südkalifornien. In die Schweiz bin ich 1974 auf den Rat meiner Schwägerin hin gekommen. Sie sagte mir, als ich meine Frau, die Schweizerin ist, kennen lernte: «Bevor du mit deiner Frau für deine Forschungen irgendwohin in die Welt gehst, solltest du erst eine Weile in ihrer Kultur gelebt haben.» Ich habe dann per Zufall noch im gleichen Jahr an der Universität Zürich eine Stelle als Postdoktorand bekommen, und dann sind wir hier geblieben.

Sie kennen beide Länder sehr gut: Gibt es einen Unterschied im Umgang mit Tieren zwischen den USA und der Schweiz?
In den USA haben die Tiere eher den Stellenwert einer «Sache». Das ist in der Schweiz, in Europa ja anders: Hier ist das Tier im Gesetz eine eigene Kategorie, etwas zwischen Mensch und Sache. Europa ist da viel fortschrittlicher, und ich hoffe, dass sich das in den USA ändern wird.

Sie haben schon davon gesprochen, dass beispielsweise auch in Japan der Umgang mit den Tieren ein anderer ist als hier.
Der Umgang mit Tieren ist sicher kulturabhängig und damit wahrscheinlich eng verknüpft mit der religiösen Einstellung. Es gibt dazu aber noch keine umfassenden Untersuchungen. Deswegen ist das auch eines meiner zwei Projekte, die ich noch vor meiner Pensionierung in acht Jahren beginnen und auch abschliessen möchte: ein Kulturvergleich im Umgang mit Tieren. Mir ist bereits ein Interview mit dem Dalai Lama in Aussicht gestellt worden, und ich hoffe auf eine Audienz beim Papst.

Interessiert sich der Papst für 
Tiere?
Ich denke schon, da er selber eine Katze hatte. Sicher aber kann er mir darüber Auskunft geben, wie das katholische Christentum zum Tier steht. Das ist, was mich interessiert. Das Gleiche will ich mit dem Dalai Lama besprechen, ebenso mit muslimischen Würdenträgern.

Was versprechen Sie sich von dieser Studie?
Wir bekämen neben dem rein mechanistischen Verständnis der Mensch-Tier-Beziehung, das wir durch Beobachtungen bekommen, ein wirkliches Verständnis dieser Beziehung auf einer philosophisch-geistigen Ebene. Wenn wir verstehen, wie Tiere in anderen Kulturen betrachtet werden und warum sie so behandelt werden, dann können die westlichen Tierschutzorganisationen ihre Argumente für den Tierschutz auch ins Gedankengut anderer Kulturen sinnvoller einbetten. Es geht mir auch hier darum, mehr Respekt und eine bessere Haltung für das Tier in allen Kulturen zu erreichen. Leider muss ich auf einen Sponsor für dieses Projekt noch warten.

Welches ist das zweite Projekt?
Der ethologische und psychologische Vergleich von Mensch-Hund- und Mensch-Katzen-Beziehungen. Ich will die mechanistische Seite dieser Beziehungen möglichst umfassend begreifen: Ich beobachte und beschreibe, was ich sehe. Für die Besitzer gibt es dazu einen psychologischen Aspekt, der auch ihr Verhalten beeinflusst. Wenn ich diese beiden Projekte abschliessen kann, dann habe ich das Verständnis auf der kulturell-philosophischen einerseits und auf der mechanistisch-ethologischen und psychologischen Ebene andererseits – damit werden wir enorm viel über die Mensch-Tier-Beziehung begreifen. Das ist mein Ziel.

Gerade zur Mensch-Katzen-Beziehung haben Sie sehr viele Bücher veröffentlicht – auch populärwissenschaftliche. Sie haben damit grossen Erfolg, wie erklären Sie sich den?
In 25 bis 35 Prozent der westlichen Haushalte lebt mindestens eine Katze – es ist ein Thema, das die Leute ganz persönlich interessiert. Und ich glaube, in meinen Büchern gelingt es mir gut, komplizierte Erkenntnisse aus der Wissenschaft so darzulegen, dass der interessierte Laie sie verstehen kann. Das ist mir ein grosses Anliegen – nicht zuletzt, weil ja viele meiner Studien mit öffentlichen Geldern finanziert sind. Die Leute haben ein Recht, für das investierte Geld etwas zurückzubekommen.

Wenn Sie ein Tier sein könnten, was wären Sie?
Oh, ich wäre schon am liebsten eine Hauskatze – aber eine Katze, die Auslauf hat.

Warum?
Weil ich mich selber als unabhängige und eigenständige Person sehe und das auch als Tier sein wollte. Als Hauskatze wäre ich das, hätte aber trotzdem den sozialen Kontakt zu Menschen. Das entspräche mir sehr.

DENNIS C. TURNER, 57, ist unter anderem Direktor des Instituts für angewandte Ethologie und Tierpsychologie in Hirzel (www.turner-iet.ch) und Privatdozent an der Universität Zürich.

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