Nr. 22/2005 vom 02.06.2005

Über Grenzen blinzeln

Bereits zum 22. Mal werden wir den Takt los - und um einige Hörerlebnisse reicher.

Von Bettina Dyttrich

Das Blinzeln über die Grenzen war schon immer zentral am Taktlos. Während gegen Ende der neunziger Jahre in vielen Szenen die Elektronik dominierte, arbeiten heute wieder mehr ElektronikerInnen mit InstrumentalistInnen zusammen. Anderseits haben aber auch viele der einst puristischen Gitarrenbands heute ein paar Gerätchen für seltsame Klänge dabei. Aber der Reihe nach.

Freitag: Traum

Beinahe traditionell beginnt der Freitag mit Day & Taxi. Das Schweizer Trio mit Christoph Gallio am Sax, Christian Weber am Bass und Marco Käppeli am Schlagzeug spielt Jazz zwischen fester Form und Improvisation. Doch dann nimmt der Abend eine Wendung in die Traumwelt. Die Amerikanerin Zeena Parkins und die Japanerin Ikue Mori trafen sich Anfang der achtziger Jahre in New York, als es dort drunter und drüber ging: Die Kraft von Punk verband sich mit Freejazz und moderner Komposition zu einer glühenden Mischung namens No Wave. Mori, die sich von der Drummerin immer mehr zur Elektronikerin wandelte, und die Harfenistin Parkins - die in letzter Zeit oft mit Björk unterwegs war - spielten im Lauf der Jahre immer wieder zusammen. Aber erst letztes Jahr erschien ihr erstes Duoalbum: «Phantom Orchard». Zeena Parkins spielt neben der Harfe auch Orgel und Synthesizer, Ikue Mori verfremdet das Ganze elektronisch. Im faszinierend schönen «Phantom-Obstgarten» der beiden leben Zikaden und seltsame Vögel, aber auch dunkle Kräfte: «Es ist ein Ort, wo ich nie war, aber von dem ich geträumt habe, eine Frucht oder Blume aus einem mysteriösen Garten», beschreibt Mori. «Aber ein dunkler Garten, kein glücklicher», präzisiert Parkins.

Wie ein Traum in intensiven Farben geht der Abend weiter mit dem Kammerflimmer Kollektief. Dieses war ursprünglich ein Soloprojekt von Thomas Weber aus Karlsruhe und wurde dann - weil Weber nicht ganz allein mit dem Laptop auf der Bühne stehen wollte - als Band nachgebaut. Ans Taktlos kommt das Kollektief als Sextett: Weber (Gitarre, Elektronik) hat Dietrich Foth (Saxofon), Heike Aumüller (Harmonium), Heike Wendelin (Violine), Johannes Frisch (Bass) und Christopher Brunner (Drums, Vibrafon) mitgenommen. Sie spielen eine vielschichtige Mischung aus Zeitlupenjazz, Ambient und moderner Komposition. Manchmal erinnern sie an Soft Machine, nie lärmig, aber bedrohliche Schübe geben den Träumen der Zuhörenden einen dunklen Farbton.

Samstag: laut

Wer noch dem Freitag nachhalluziniert, wird am Samstag von wildem Pianogehämmer geweckt. Der Schwede Sten Sandell gehört zu den ersten Protagonisten der freien skandinavischen Szene, die den Jazz in alle Richtungen erweitert. Zu seinem Trio gehören Johan Berthling (Bass) und Paal Nilssen-Love (Drums).

Mit dem New Yorker Pianisten Borah Bergman geht es leiser weiter - vielleicht. Der 78-Jährige hat mit «Meditations for Piano» ein stilles, intensives Album eingespielt. Bergman zuzuhören, kann die Hirnhälften ganz schön heiss laufen lassen. Denn sein Ziel ist es, mit der linken Hand etwas ganz anderes zu spielen als mit der rechten. Zum Beispiel links John Coltrane, rechts Ornette Coleman. Und ob sein Konzert wirklich so leise wird, ist gar nicht sicher. Denn Altersmilde gibt es bei Bergman nicht - man ist nie zu alt für Lärm!

Manche Skandinavier wollen schon gar nicht mehr von Jazz reden. Zum Beispiel Mats Gustafsson. Er war ein junger Punk im nordschwedischen Umea und hörte eines Tages den Saxofonisten Sonny Rollins. Tief beeindruckt begann er selber Sax zu lernen - inzwischen beherrscht er alle Grössen, hat sogar selbst eine Art Saxofonflöte, das Fluteophone, erfunden. Gustafssons Saxofon kann wie eine E-Gitarre klingen oder wie eine schreiende, jaulende, flüsternde Menschenstimme, jedenfalls immer expressiv bis zum Äussersten.

Mit seinem Trio The Thing (mit Paal Nilssen-Love und Ingebrigt Håker Flaten) ist Gustafsson zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt - (Punk-)Rock. The Thing spielen nämlich gerne Coverversionen von The White Stripes und The Yeah Yeah Yeahs oder auch von PJ Harvey. Und diese Wendung mache ihn sehr glücklich, sagt Gustafsson. Seine Musik sei auch politisch: «Es geht um Widerstand und um eine Alternative zum Business und zu Massenkommerz, Massenmedien, Massenhypnose, diesem ganzen Scheiss. Es ist unsere Aufgabe, das zu bekämpfen.» Am Taktlos spielen The Thing zuerst mit dem Chicagoer Saxofonisten Ken Vandermark, danach mit dem Sten Sandell Trio als The Thing Sextet. Genug Energie, dass ihr nachher die ganze Nacht nicht schlafen könnt, garantiert.

Sonntag: Klangfarben

Die Drehleier lebt ein Schattendasein. Wer hat schon je eine in der Hand gehabt, und an welcher Musikschule kann man ihr Spiel erlernen? Im Mittelalter und in der Renaissance war das ganz anders; damals gehörte sie zur Grundausrüstung der fahrenden Spielleute. Zu Recht: Ihr hypnotischer, obertonreicher Klang fasziniert fast alle, die sie genauer kennen lernen. Wir freuen uns also, auf der Taktlos-Bühne eine Drehleier begrüssen zu dürfen, gespielt von Stevie Wishart. Das Konzert von Wishart mit Fred Frith und Carla Kihlstedt ist ein Fest der Saiteninstrumente: Frith entdeckt auch nach mehr als dreissig Jahren «Karriere» immer noch neue Töne in seinen verschiedenen Gitarren, Kihlstedt spielt Violine und Nyckelharpa, ein schwedisches Folkinstrument. Und gerade die Übergänge zwischen unglaublich schönen Freefolkharmonien und freier Improvisation waren immer eine Stärke von Fred Frith, schon in seiner Band Skeleton Crew oder im Soundtrack zum Film «Step Across the Border». Sie sind auch eine Stärke dieses Trios.

Ganz andere Klangfarben erzeugen Jason Kahn - Timelines, ein Elektronikprojekt, dem neben Kahn Norbert Möslang, Tomas Korber, Günter Müller und Steinbrüchel angehören - und Christian Weber, der schon am Freitag bei Day & Taxi dabei war. Die Musik von Timelines ist oft fast nicht wahrnehmbar, verschwindet immer wieder. Die grossen Maschinen sind nicht mehr da, die Zeit der Schwerindustrie ist vorbei. Was bleibt, ist das Summen von Kühlschränken, Laptops, künstlichen Insekten. Knacken und Flackern. Wer die Ohren spitzt, entdeckt die Feinheiten.

PS: Das Taktlos findet dieses Jahr nur in Zürich statt. Liebe BaslerInnen, wenn ihr genug laut protestiert, raufen sich die Taktlösler in Basel vielleicht zusammen und machen nächstes Jahr wieder mit.

Taktlos.05 in: Zürich Rote Fabrik, Fr, 3. Juni, 20 h, Day & Taxi, Phantom Orchard, Kammerflimmer Kollektief. Sa, 4. Juni, 20 h. Sten Sandell Trio, Borah Bergman, The Thing + Ken Vandermark, The Thing Sextet. So, 5. Juni, 20 h, Fred Frith, Carla Kihlstedt und Stevie Wishart, Jason Kahn - Timelines. Infos: www.taktlos.com

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