Nr. 33/2005 vom 18.08.2005

Wird Tibet regierbar sein?

Von Esther Banz (Text und Foto)

Luc Schaedler: «Bin ich blöd oder was? Das mach ich sicher nicht!»

Der Dalai Lama ist abgereist. Was hinterlässt er hier?
Offenbar waren seine Teachings ein grossartiger Event. Viele Leute sind hin und weg. Es ist wie bei einem spannenden Fussballspiel mit vielen Toren: Man wird noch Jahre davon sprechen ...

Aber ...?
Bei mir bleibt ein zwiespältiges Gefühl zurück. Zwar gab es in der Presse den scheuen Versuch eines etwas anderen Blicks auf den Dalai Lama und Tibet. Aber das, was letztlich bleibt, ist eine riesige Ratlosigkeit bezüglich der Zukunft Tibets. Solche Massen-Teachings schiessen am Ziel vorbei, wenn dabei unerwähnt bleibt, was im besetzten Land alles schief läuft, dass Leute unterdrückt werden, verschwinden, die Arbeitsbedingungen inakzeptabel sind, dass in China ein korruptes Regime an der Macht ist. Dass all dies zu keinem Zeitpunkt ein Thema war in der breiteren Öffentlichkeit, finde ich ziemlich bitter für diesen politischen Kampf.

Sie sind richtig stinkig ...
Ja! Denn diese Tage waren eine Riesenchance! Und was ist die politische Quintessenz davon? Nichts!

Seine Heiligkeit hat versagt?
Nicht nur er, wir alle. Man beruft sich ja immer auf den Dalai Lama, auch wenn man über die Tibet-Politik spricht und den politischen Kampf gegen China – deshalb geht es nicht an, dass so ein Event rein spirituell ist! Gäbe es ein Konzept, wonach der Dalai Lama nur noch solche Teachings erteilt, dann müsste es daneben eine zweite Kraft geben, die das Politische übernimmt und eine klare Agenda hat.

Angenommen, die ganzen Anstrengungen, der politische Kampf der Tibeter um Unabhängigkeit führte zum Erfolg: Würde diese Umstellung das Land nicht überfordern?
Das wäre eine Riesenaufgabe, sicher. Es fehlt an Erfahrung, auch im Exil, wo die alten Strukturen noch spürbar sind. In Tibet selber werden mittlerweile zwar vereinzelt Tibeter in Regierungspositionen gehievt, aber die Entscheide fallen in Beijing. Es wäre also eine grosse Herausforderung in doppeltem Sinne: Wie sind die Erfahrungen der Exil-Tibeter mit jenen der Bevölkerungsteile, die in Tibet unter chinesischer Herrschaft gelebt haben, zusammenzubringen? Und vor allem: Wie schafft man erst mal eine Diskussionsebene?

In Tibet leben heute fast so viele Chinesen wie Tibeter. Was würde mit ihnen unter einer unabhängigen tibetischen Regierung geschehen?
Das tibetische Volk ist seit Jahrhunderten gewohnt, mit Chinesen zusammenzuleben, vor allem in den Grenzgebieten. Es gibt einen Austausch. Ich glaube, die Bereitschaft wäre gross.

Aber sicher ist den Chinesen, die in Tibet leben, nicht ganz wohl bei dieser Vorstellung?
Natürlich nicht, auch der Dalai Lama weist immer wieder auf dieses Problem hin. Er hat stets versucht, der chinesischen Bevölkerung die Angst vor einem Pogrom zu nehmen. Aber viele sehen für sich nur eine Zukunft in Tibet, solange die Regierung in Beijing ihnen Protektion gewährt.

Würden die Exil-Tibeter ihr Land überhaupt wiedererkennen?
Es ist viel geschehen unter chinesischer Herrschaft, das Land wurde erneuert, modernisiert. Viele Chinesen sind dort geboren, hunderttausende haben eine Beziehung zu diesem Land, sind dort aufgewachsen, alle ihre Erinnerungen sind mit Tibet verbunden, also auch ein Teil ihrer Identität. Das ist natürlich der Horror für die Tibeter. Die Chinesen machen einen so grossen Teil der Bevölkerung aus, dass sie – zumindest in ökonomischer Hinsicht – die «Kontrolle» über das Land behalten könnten ...

Die Arbeit am Filmprojekt «Angry Monk» dauerte sechs Jahre. Wie hielten Sie das aus?
Ich weiss auch nicht. Man muss wohl spinnen (lacht). Vermutlich hilft, dass man am Anfang nicht weiss, was noch alles auf einen zukommen wird, worauf man sich überhaupt einlässt ...

... Krisen, Unsicherheit?
Ja, und Depressionen, Momente, wo man nicht weiterkommt. Wenn dir im Voraus jemand sagen würde: Schau, hier kommst du in eine Depressionsphase, und da wirds ganz mühsam, weil du jemanden entlassen musst, und dort ... Wenn dir all das im Voraus bekannt wäre, würdest du sagen: Bin ich blöd oder was? Das mach ich sicher nicht! Ich suche mir lieber einen Job als Angestellter mit fixem Lohn. Diesen Wunsch hab ich immer wieder.

Leiden Sie schnell?
(Schmunzelt) Ich gehöre sicher zu jenen Leuten, die immer wieder in Krisen fallen. Im Moment des Schmerzes, der Verzweiflung meint man, das halte man nicht aus, daran gehe man zugrunde. Aber kaum ist es vorüber, sind diese Gefühle relativ schnell wieder vergessen.

Luc Schaedler ist Ethnologe, Filmwissenschaftler und Tibet-Kenner.

Nachtrag: Siehe auch die Besprechung von Luc Schaedlers Film «Watermark» in WOZ Nr. 45/13.

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