Nr. 34/2005 vom 25.08.2005

Sind wir zu rational?

Von Esther Banz (Text) und Armin Büttner (Foto)

Luc Schaedler: «Früher wäre ein Linker, der Joga praktiziert oder meditiert, noch verspottet worden.»

Gendun Choephel, die Person, um die sich Ihr Dokumentarfilm «Angry Monk» dreht, könnte mit Ihrer Hilfe zur Kultfigur werden, eine Art Che Guevara für junge TibeterInnen.
Ich will mit dem Film keinen Helden kreieren. Deshalb habe ich mit Choephel einen Menschen gewählt, der letztlich gescheitert ist. Eine Person, die nicht so geradlinig ist und an Widersprüchen zerbricht, lässt sich retrospektiv anders betrachten als eine, die mit Erfolg zum Ziel kommt. Aber gut, man könnte einen Märtyrer aus ihm machen.

Es gibt Leute, die sich daran stören, dass die WOZ an dieser Stelle zuweilen kritisch über den Dalai Lama berichtete. Dabei hat er vielleicht Recht und uns würde etwas mehr Glaube und Spiritualität gut tun?
Die Linke war schon immer sehr rational. Ich will jetzt nicht der Irrationalität das Wort reden, aber es war stets ein Problem der Linken, dass sie es nicht schaffte, die Leute auf einer psychologischen Ebene abzuholen, bei ihren ureigenen Bedürfnissen.

Sie sprechen in der Vergangenheit. Ist es heute nicht mehr so?
Mir scheint schon, dass sich in meinem politischen Umfeld der Trichter geweitet hat. Früher wäre ein Linker, der Joga praktiziert oder meditiert, noch verspottet worden. Heute nehme ich mehr Offenheit und Neugierde wahr. Aber ob das für die ganze Linke gilt, kann ich nicht sagen. Es gibt immer stiere Säcke, die nur einem Schema folgen und die Welt nur nach ihrer Ideologie einordnen.

Waren Sie mal ein stierer Sack?
Wahrscheinlich schon. Aber ohne mich besser darstellen zu wollen, als ich war: Mein Zugang zur Politik war stets geprägt von einem stark kulturellen und existenzialistischen Ansatz.

Und welches war dabei die zentrale Frage, die Sie umtrieb?
Ich konnte damals noch nicht formulieren, was mich politisch antrieb. Aber beim Besetzen von Häusern kristallisierte sich immer klarer heraus, dass es mir dabei nicht in erster Linie um die Analyse der Pensionskassen ging, die ihr Geld so investierten, dass billiger Wohnraum vernichtet wurde, was wiederum Ausländer und andere schlecht Verdienende an die Peripherie drängte ... All diese ganzen Ausbeutungssysteme bewegten mich natürlich schon. Aber mein Ding war eher, die Gegebenheiten grundsätzlich zu hinterfragen, nicht alles hinzunehmen und diesem Widerstand eine ästhetische und witzige Form zu geben. Man könnte sagen: sich und andern Zuversicht geben. Zeigen, dass es Wege gibt, sich im Alltag zu wehren.

Damals waren Sie Teil einer Bewegung, heute sind Sie Ihr eigener Regisseur und Produzent. Vom Kollektivtäter zum Einzelkämpfer?
Ja, das hat was. Ich habe ja bereits bei meinem ersten Film «Made in Hong Kong» und jetzt auch bei «Angry Monk» alles weitgehend selber entschieden. So sehr weicht das aber nicht von meiner Vergangenheit in den Achtzigern ab. In den Kollektiven gab es ja keine Chefs, also war es allen möglich, selber treibende Kraft zu sein. Alles andere hätte mich ehrlich gesagt gestresst.

Einen wesentlichen Unterschied gibt es aber: Heute müssen Sie als alleiniger Chef die Auseinandersetzungen mit sich selber austragen.
Ja, und das ist sicher ein Nachteil. Jedoch nicht in erster Linie in Bezug auf den Austausch, den es jetzt durchaus gibt. Aber ich habe niemanden, der mir Grenzen setzt.

Und der Sie hin und wieder lobt?
Doch, die Personen, die mich moralisch unterstützen, gibt es. Zum Glück, denn ich muss gestehen, dass das Politisch-Moralische schon ein Motor für mich ist, Filme zu drehen. Aber Egoismus, der Wunsch, mich ästhetisch auszudrücken, und ein gewisses Sendungsbewusstsein wiegen mindestens ebenso schwer. Diese Erkenntnis ist zwar unangenehm, aber man muss sich auch eingestehen können, dass man gelobt werden will.

Das Bedürfnis nach Lob ist also der noch grössere Antrieb, als sich mitteilen zu wollen?
Ich glaube, das beeinflusst sich wechselseitig. Bei mir persönlich verhält es sich, pathetisch ausgedrückt, wohl so: Die Dinge, die ich mache, sind für mich immer auch ein Versuch, mit meinem existenzialistischen Unbehagen gegenüber der Welt, das manchmal ein politisches, manchmal ein psychologisches oder ein ästhetisches ist, zurechtzukommen. Da gehört vielleicht dazu, dass ich mich exponiere ... aber manchmal verfluche ich mich dafür, diesen Drang zu haben.

Hängt dies davon ab, ob die Reaktionen positiv oder negativ sind?
Es gibt Leute, die es durchaus geniessen, gehasst zu werden. Ich gehöre nicht dazu. Mit stichhaltiger Kritik kann ich zwar umgehen. Aber ich exponiere mich nicht wahnsinnig gern mit kontroversen Sachen. Das merkte ich jetzt in dieser ganzen Dalai-Lama-Geschichte. Differenziertheit ist mir wichtig – nicht, weil ich ein gescheiter Siech bin, sondern aus einem gewissen Harmoniebedürfnis heraus.

Dann hoffen wir auf einen harmonischen Kinostart von «Angry Monk» – und auf ganz viel Lob ...
Ja! Alles andere wäre Horror (lacht).

Luc Schaedler ist Ethnologe, Filmwissenschaftler und Tibet-Kenner.

Nachtrag: Siehe auch die Besprechung von Luc Schaedlers Film «Watermark» in WOZ Nr. 45/13.

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