Nr. 32/2005 vom 11.08.2005

Sind wir alle verwirrt?

Von Esther Banz (Text) und Armin Büttner (Foto)

Luc Schaedler: «Wenn du ein gutes Leben führst, darfst du ins Bordell.»

«Angry Monk» hatte diese Woche Vorpremiere. Was wollten die Leute im Anschluss von Ihnen wissen?
Luc Schaedler: Einer fragte, was für einen Rat ich Gendun Choephel, dem Protagonisten des Films, geben würde, wenn ich ihn heute treffen könnte.

Und?
Ich sagte, ich würde viel lieber ein Bier mit ihm trinken, als ihm Ratschläge zu erteilen. Wer wäre ich denn? Ich hab ja einen Film über ihn gemacht und nicht umgekehrt.

Im Film erfährt man, dass der Mönch soff, rauchte und rumvögelte. Ist das nicht im Widerspruch zur buddhistischen Lehre?
Schwierig, das hier im Detail zu erklären, aber der Buddhismus ist eine Religion, die Eigenverantwortung und Toleranz lehrt. Ein eigenverantwortliches Leben heisst auch, die andern in Ruhe zu lassen bei dem, was sie tun. 
Es gibt zwar ein Regelwerk, aber im puristischen Festhalten an Regeln sieht der tibetische Buddhismus nicht den alleinigen Schlüssel zur Erleuchtung. Wenn du ein gutes Leben führst, kannst du auch ins Bordell gehen.

Oh, vielleicht macht das die Faszination aus?
Der Buddhismus ist ein komplexes Gebilde. In der kulturellen Übersetzung wird aber stark vereinfacht. Gerade in dieser Vereinfachung, die passieren muss, damit wir im Westen das asiatische Konzept Buddhismus verstehen, liegt eine Art von Unmittelbarkeit, die uns offenbar fehlt.

Wir sind wohl verwirrt hier im Westen, gerade was Spiritualität betrifft …
Ja, es gibt ein Unwohl- und Nicht-
beheimatet-Sein in spirituellen Fragen und vor allem eine grosse Sehnsucht nach einfachen Erklärungen. Der Buddhismus scheint da vielen – positiv 
ausgedrückt – Halt zu geben.

Und bedient ein selbstbezogenes Streben nach Höherem, ideal also für unsere westlichen Luxusprobleme?
Ja, auch, aber Fragen wie «wer bin ich?», «was mach ich hier eigentlich?», «wie weiter?» stellen sich viele, auch ich. Hier liegt eine der grossen Qualitäten des Dalai Lama: Er schafft es, diese Fragen auf offene und sympathische Art anzusprechen. Zudem: Er hat einfach Charisma, er strahlt aus, was er ist.

BuddhistInnen würden vermutlich sagen, das sei seine Weisheit, die hier ausstrahlt. Aber bei uns löst der Begriff Charisma ein «Obacht, gefährlich!» aus.
Ja, wenn mans übersetzt auf die charismatischen Führer in der jüngsten Geschichte, sind wir natürlich gebrannte Kinder. Handkehrum ist es ein Problem von uns Linken, Themen wie Autorität und Hierarchie zu tabuisieren. In der Spontiszene hatten wir immer Mühe mit Hierarchien. Meine Erfahrung dort war die, dass man Leuten mit mehr Erfahrung ebendies zum Vorwurf gemacht hat. Man war zwar abhängig von ihrem Wissen, wollte davon profitieren, hat sie aber gleichzeitig dafür bestraft. Man sagte nie: «Die haben mehr Erfahrung, und drum hat das, was sie sagen, auch mehr Gewicht.» Diese Tabuisierung ist beste Voraussetzung für Ressentiments und Mobbing. So ist es jetzt auch bei den Tibetern: Das Mass an Frustration, das viele kritischer und ungeduldiger werden lässt, hat genau damit zu tun, dass die Fragen darüber, wie es weitergehen könnte, kaum öffentlich und selten kontrovers diskutiert werden. Es heisst sofort: Aber der Dalai Lama hat gesagt …

Also doch! Aber wir haben letzte Woche ja die Differenzierung des «Tibeter sind Weicheier» versprochen …
Es ist wichtig, bei dieser ironischen Zuspitzung nicht nur die Frage zu stellen, was an zusätzlichem Widerstand, an Aktionen gegen China möglich wäre, sondern auch Folgendes zu bedenken: Man kann den Kampf der Tibeter nicht mit der Art, wie man in Südafrika und Indien – mit Erfolg – gekämpft hat, vergleichen. Die Schwarzen in Südafrika kämpften in ihrem eigenen Land und waren dort in der Mehrheit. Auch die Inder hatten eine überwältigende Mehrheit gegenüber den britischen Kolonialisten. Und unter den Briten gab es Widerstand gegen die eigene Politik. Ähnlich in Israel, wo es Intellektuelle gibt, die 
die Palästinapolitik des eigenen Landes kritisieren. Im Fall Tibet und China liegen die Verhältnisse ganz anders: gerade mal sechs Millionen Menschen gegenüber 1,5 Milliarden!

Wie sieht es denn mit kritischen Stimmen innerhalb Chinas aus?
Dadurch, dass es dort keine demokratische Öffentlichkeit gibt, sind sie nicht hörbar. Aber es gibt sie.

Luc Schaedler ist Ethnologe, Filmwissenschaftler und Tibet-Kenner.

Nachtrag: Siehe auch die Besprechung von Luc Schaedlers Film «Watermark» in WOZ Nr. 45/13.

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