Nr. 36/2006 vom 07.09.2006

Blinde Berglöwen, hungrige Schakale

Fünf Jahre nach dem 11. September 2001: Die Rückkehr der Taliban.

Thomas Ruttig, Kabul

Der Mann, der Usama bin Laden in den Bergen von Tora Bora zu entkommen half, sitzt heute als Abgeordneter im Parlament von Kabul. Denn wenn auch alle Kabuler Spatzen dieses Lied von den Dächern pfeifen, Hasrat Ali, US-Verbündeter der ersten Nach-Taliban-Stunde, ist nichts nachzuweisen. So betrachten ihn die US-Generäle immer noch als Verbündeten, während sie im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet nach wie vor den «Weltterroristen Nummer eins» jagen und dabei so tun, als ob Bin Laden längst zweitrangig geworden sei. Ebenso der Mann, der 1996 als Staatschef Afghanistans zwei Flugzeuge der staatlichen Luftlinie schickte, um Bin Laden samt Entourage aus Dubai abzuholen: Burhanuddin Rabbani sitzt im Parlament sogar in der ersten Reihe, als Elder Statesman hofiert von ausländischen DiplomatInnen wie von Präsident Hamid Karsai. So ambivalent wie die führende Personnage im Land, von dem aus al-Kaida die Fäden für die Anschläge des 11. September 2001 zog, sind auch die Ergebnisse des «Krieges gegen den Terrorismus» dort. Den US-Generälen und -PolitikerInnen fällt es nach wie vor schwer, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden.

In der Folge der Anschläge vom 11. September begann am 8. Oktober 2001 die militärische Intervention der USA. Landesweit wurden Talibaneinrichtungen bombardiert, doch offiziell galt der Krieg dem führenden Al-Kaida-Personal. Nach den vorliegenden Informationen waren die Taliban seinerzeit tatsächlich nicht in den grossen Terrorplot eingeweiht. Einige von ihnen ahnten höchstens, dass «etwas Grosses» bevorstehe. Heute sind aber auch die Taliban wieder als Gegner ausgemacht. Denn vor fünf Jahren stürzte zwar ihr Regime, doch ihre Spitzen entkamen in die Berge, wo sie sich reorganisierten. Heute ist von der relativ breiten, auf zahlreiche Paschtunenstämme gestützten Bewegung nur der Hardlinerkern um Mullah Mohammed Omar und Militärchef Mullah Dadullah übrig geblieben. Mithilfe islamistisch gesinnter, in den «Ruhestand» getretener wie wohl auch aktiver pakistanischer Militärs und Geheimdienstler reorganisierte man sich in Rückzugsbasen dieses Landes. Von den pakistanischen Städten Peschawar und Quetta aus ziehen zwei Talibanräte unbehelligt die Fäden im Kampf in Afghanistan, kanalisieren die Gelder, die weiterhin vom Golf herfliessen, aus pakistanischen islamistischen Kreisen sowie aus dem explosiv wachsenden Drogenhandel, in den auch Mitglieder des pakistanischen Geheimdiensts ISI verwickelt sind. Aus Pakistan scheinen ausserdem die immer präziseren Sprengfallen sowie weitere Ausrüstungen zu stammen, mit denen die Taliban immer mehr Opfer unter der Bevölkerung und dem ausländischen Militär schaffen.

Die Korruption ufert aus. Die Regierung ist nicht in der Lage, mit den ausländischen Hilfsmilliarden die Lebenslage wenigstens eines gewichtigen Teils der Bevölkerung zu verbessern. Dazu kommt die blindwütige Hau-drauf-Taktik der US-Armee, etwa ihre gewaltsamen Hausdurchsuchungen («search and catch»). All das lässt die Talibanpropaganda von der «Besetzung durch die Ungläubigen» langsam mehrheitsfähig werden. Und es treibt den Taliban - deren Gesamtprogramm aber durchaus nicht populär ist - neue Rekruten zu.

Zum x-ten Mal rief Präsident Karsai Ende August zum Kampf gegen die Korruption auf. Er erliess gar ein Dekret, in dem er den neuen Oberstaatsanwalt Abdul Dschabbar Sabet explizit mit diesem Kampf beauftragte. Aber das wäre nicht das erste Dekret, das nach anfänglichem Aktivismus der Vergessenheit anheimfiele. Von jenem über die Offenlegung von Ministervermögen ist genauso wenig zu hören wie vom Dekret über den Abbau der Antiautobombensperren. Diese Sperren umgeben die ausländischen Militäranlagen und Botschaften und symbolisieren die wachsende Distanz zwischen den AfghanInnen und ihren ausländischen HelferInnen. Sabet, ein Islamist, fiel bisher vor allem durch seinen kompromisslosen Kampf gegen den Alkoholhandel auf (was vor allem AusländerInnen betrifft) - als ob dem Land nicht schwerer wiegende Probleme gegenüberstünden.

Sabets Ernennung steht für einen Trend, der mancheR AfghanIn eine Gänsehaut verursacht: die wachsende Einbeziehung islamistischer Kräfte in die Regierung. Besonders gilt das für die radikal-islamische Hesb-e Islami Afghanistan (Islamische Partei / HIA), die vom früheren Mudschaheddinchef Gulbuddin Hekmatjar geführt wird. Nach aussen ist die Partei gespalten - in Hekmatjars Fraktion, die zusammen mit den Taliban kämpft, und einen Inlandflügel, der sich offiziell von ihm losgesagt hat und im Parlament stark vertreten ist. Die HIA stellt mehrere Provinzgouverneure. AfghanInnen, die diese Provinzen gut kennen, befürchten, dass sie mit je einem Bein in den verschiedenen Lagern stehen.

Inzwischen beherrschen die Taliban im Zentrum, Süden und Südosten mehrere Distrikte völlig oder teilweise. Dort sprechen sie - drakonisches - Recht, von dort fahren sie Angriffe auch in den bisher relativ ruhigen Norden. Die US-Truppen starteten derweil im Südosten eine neue Antitalibanoperation namens Mountain Lion. «Ein falscher Name», höhnt der demokratische Aktivist Saber Naseri. «Wenn der Berglöwe brüllt, zieht sich der Schakal in die Berge zurück. Den kann man nur mit List fangen.» Konflikte wie den in Afghanistan kann man nicht ausschliesslich militärisch lösen.

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