Nr. 38/2005 vom 22.09.2005

Was dürfen Sie erzählen?

Interview: Susan Boos, Foto: Ursula Häne

Giuse Togni: «Wenn mich die Sitzungen stressen würden, dann würde ich sofort aufhören.»

Giuse Togni, wir haben das letzte Mal über die Strassenbeleuchtung gesprochen. Manche Städte machen die Nacht zum Tag und vergeuden Strom. Ein Leser wollte nun wissen, was Sie vom Plan Lumière der Stadt Zürich halten.
Giuse Togni: Da bin ich nicht sattelfest, aber mit dem Plan Lumière wollen die Städte gewisse Orte aufwerten, indem sie Gebäude, Bäume oder Brücken gezielt beleuchten. Ästhetisch ist das wünschenswert, es braucht aber Elektrizität. Die Stadt Zürich hat sich selbst die Auflage gemacht, den Mehrverbrauch zu kompensieren: Was der Plan Lumière zusätzlich an Strom verbraucht, wird bei der gewöhnlichen Strassenbeleuchtung – zum Beispiel mit sparsameren Lampen – eingespart.

Sie sind seit rund acht Jahren Mitglied der Eidgenössischen Energieforschungskommission Core. Man hört, früher sei dies ein atomkritisches Gremium gewesen, heute nicht mehr. Ist es Ihnen wohl da drin?
Der frühere Präsident, Hansruedi Zulliger, war ein bekennender Atomgegner und hat die Core stark geprägt. Nun hat sich das Gremium verändert und ist weniger atomkritisch. Aber persönlich mag ich die Leute in der Kommission sehr, das Verhältnis ist offen und kollegial. Auch wenn wir inhaltlich und politisch in manchen Fragen überhaupt nicht einer Meinung sind, ist der Umgang sehr freundschaftlich. Ich gehe gerne an die Core-Sitzungen.

Vor knapp einem Jahr sorgte der neue Core-Präsident Tony Kaiser für Schlagzeilen. SP-Nationalrat Ruedi Rechsteiner warf ihm vor, er habe seiner kriselnden Firma Alstom Forschungsgelder zugehalten und sei nicht in den Ausstand getreten, als Core darüber beriet.
Sie sprechen von der Interpellation Rechsteiner zum Forschungsprogramm «Kraftwerk 2020», das 15 Millionen Franken pro Jahr umfasst. Als Core-Mitglied darf ich dazu nichts sagen, tut mir Leid. Die Geschichte ist durch eine Indiskretion an die Öffentlichkeit gelangt. Nachdem die «Basler Zeitung» sie veröffentlicht hatte, erinnerte uns das Bundesamt für Energie an den Artikel 2.4 unseres Core-Mandats.

Was steht da drin?
Informationen an die Öffentlichkeit dürfen nur im Einvernehmen mit dem Bundesamt für Energie (BFE) und dem Pressedienst des Departementes für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation erfolgen.

Was dürfen Sie denn überhaupt erzählen?
Keine Interna, das gäbe Ärger (lacht). Aber es ist kein Geheimnis, was wir tun: Die Konzepte, die Budgets und die Jahresberichte sind öffentlich und können vom Internet heruntergeladen werden. Wir geben Empfehlungen ab, in welche Richtung die Energieforschung in den nächsten Jahren gehen soll und wie die Mittel verteilt werden sollen. Dabei geht es nicht nur um BFE-Gelder, sondern auch um Forschungsgelder des ETH-Rates, des Nationalfonds, des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie oder des Bundesamtes für Bildung und Wissenschaft. Aktuell werden zum Beispiel für die Forschung im Bereich rationelle Energienutzung 60 Millionen Franken investiert, für erneuerbare Energien 53 Millionen und für Kernenergie 54 Millionen Franken.

Immer noch so viel für Atomenergie?
Ja, obwohl das Konzept der Energieforschung 2004 bis 2007 «nur» 40 Millionen Franken für die Kernenergie vorsieht. Das zeigt auch die Grenzen einer beratenden Kommission, wenn es darum geht, ihre Empfehlungen konkret durchzusetzen.

Was müsste passieren, dass Sie sagen, in diesem Gremium kann ich nicht mehr mitmachen?
Im Moment schätze ich es, in dieser hochkompetenten Kommission zu sitzen. Doch wenn ich angefeindet würde ... wenn es mich stressen würde, an Sitzungen zu gehen, dann würde ich sofort aufhören.

Giuse Togni, 43, ist Energiefachfrau, Physikerin und Mutter von zwei Töchtern. Sie ist Mitglied der Eidgenössischen Energieforschungskommission (www.energie-schweiz.ch) und sitzt im Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES).

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