Nr. 36/2005 vom 08.09.2005

Was ist ein Watt?

Interview: Susan Boos, Foto: Ursula Häne

Giuse Togni: «Der Bund könnte die schlechten Geräte, die zu viel Strom ­verbrauchen, einfach verbieten.»

WOZ: Giuse Togni, beim letzten Mal blieb eine Frage offen: Was ist Strom?
Giuse Togni: Oh, jetzt kommen Sie wieder damit (lacht). Ich hoffte schon, das sei abgehandelt. Ich muss mich wirklich mal mit meinem Büropartner zusammensetzen, um nach einer guten Metapher zu suchen. Aber bleiben wir beim Wasserschlauch. In der Steckdose ist immer Spannung da, doch es fliesst kein Strom, das heisst, der Schlauch ist voll, aber der Wasserhahn zu. Erst wenn ich ein Gerät einstecke und einschalte, fliesst Strom.

Und wie kommts, dass irgendwo genauso viel Energie reingestopft wird, wie ich bei mir zu Hause rausnehme?
Dies geschieht mit den Speicherkraftwerken. Die lassen sich innert kürzester Zeit regulieren und können sofort mehr oder weniger liefern. Mit Flusslaufkraftwerken oder Atomkraftwerken ist das nicht möglich, die produzieren konstant Energie.

Ist es demnach klug, Pumpspeicherwerke auszubauen, wie dies etwa beim Grimselstausee geplant ist – gerade wenn man vermehrt Sonnenenergie oder Windenergie nutzen will? Diese Anlagen produzieren ja nur Strom, wenn die Sonne scheint oder der Wind bläst – und nicht dann, wenn ich ihn haben will.
Dass es keine effiziente Möglichkeit gibt, Strom aufzubewahren, ist ein grosses Problem. Man kann ihn nicht sauber speichern. Pumpspeicherwerke brauchen mehr Strom, um das Wasser in den See raufzupumpen, als sie produzieren, wenn das Wasser wieder runterkommt. Die Pumpen haben einen beschränkten Wirkungsgrad, im Stausee verdampft Wasser, bei der Stromproduktion geht ebenfalls Energie verloren.

Was dann?
Eine dezentrale Stromversorgung: erneuerbare Energien aus Sonne-, Wind- oder Biomasse, ergänzt mit Wärme-Kraft-Koppelung.

Das klingt nett und kompliziert.
Ist es nicht. Es heisst nur, dass man zum Beispiel in Quartieren Anlagen baut, die sowohl Warmwasser liefern, heizen und auch Strom produzieren. Sie werden nur eingeschaltet, wenn man sie wirklich braucht.

Dazu braucht man aber Erdöl oder Gas?
Ja. Aber wenn die Häuser nach Minergiestandard gebaut wären, würde man fürs Heizen nur noch wenig brauchen.

Sie sagen, es liesse sich sparen, ohne Komfort zu verlieren. Warum setzen sich energieeffiziente Geräte denn nicht durch? Sind sie zu teuer? Oder ist Stromsparen einfach nicht sexy?
Es ist schwierig, an die breite Bevölkerung heranzukommen. Es gibt heute extrem gute Kühlschränke oder Waschmaschinen, die nur wenig Strom brauchen und nicht mehr kosten als die anderen. Der Bund könnte da mehr tun und die schlechten Geräte einfach verbieten.

Warum tut er es nicht?
Schwierig zu sagen. Vermutlich will er sich nicht mit der Wirtschaft anlegen. Es gibt übrigens immer noch Elektrizitätswerke, die Elektroheizungen subventionieren. Diese Heizungen sind absolut unsinnig. Auch wenn Sie alle Geräte zu Hause miteinander einschalten - Föhn, Tumbler, Waschmaschine und Kochherd -, kommen Sie niemals auf den Verbrauch einer Elektroheizung. Trotzdem werden diese immer noch propagiert. Strom ist einfach zu billig. Ich zahle etwa zweihundert Franken jährlich für den Strom. Verglichen mit dem, was wir für Handy und Telefon ausgeben, ein lächerlicher Betrag.

Der ETH-Professor Dieter Imboden spricht von der 2000-Watt-Gesellschaft. Würde niemand mehr verbrauchen, liesse sich die ganze Welt nachhaltig mit Energie versorgen. Der Durchschnittsschweizer verbraucht 6000 Watt. Kommen Sie mit 2000 aus?
Uff ... das habe ich noch nie ausgerechnet. Aber ich habe im Büro und zuhause energieeffiziente Geräte installiert. Ich fliege kaum und fahre selten Auto. Ich bin jedoch oft mit dem Zug unterwegs, wenn man das mitrechnet, könnte es sein, dass es etwas mehr ist.

Was ist überhaupt ein Watt?
Das ist die Leistung. Einfach gesagt: Wenn wir jetzt hier sitzen und uns nicht anstrengen, verbraucht der Körper 100 Watt. Auf dem Hometrainer kommen vielleicht nochmals 100 Watt hinzu. Der Verbrauch wird dann in Stunden gerechnet: Der Körper verbraucht also im Schnitt pro Stunde 100 Wattstunden - und wenn wir auf dem Hometrainer strampeln, 200 Wattstunden. Mit den 2000 Watt hätten wir also zwanzig Mal mehr Energie zur Verfügung, als der Körper selber braucht.

Ein durchschnittliches AKW leistet 1000 Megawatt, das wäre dann ...
... simpel gerechnet die Leistung von zehn Millionen Menschen beziehungsweise von fünf Millionen streng arbeitenden Menschen.

Giuse Togni, 43, ist Energiefachfrau, Physikerin und Mutter von zwei Töchtern. Sie ist Mitglied der Eidgenössischen Energieforschungskommission (Core) und sitzt im Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES).

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