Nr. 42/2005 vom 20.10.2005

Umkämpfte Bedeutungen

Gut gemachte Geschlechtergeschichte kann gar nie Mainstream werden, sagt die US-amerikanische Historikerin Kathleen Canning. Sie ist spezialisiert auf die Geschichte der Weimarer Republik.

Von Anja Suter und Mischa Suter

WOZ: Kathleen Canning, Sie erforschen als Historikerin die Weimarer Republik. Heute erscheint «Weimar» wieder als Bild in der aktuellen politischen Auseinandersetzung, etwa im Tauziehen um die deutschen Wahlresultate. Was bedeutet die Chiffre?

Kathleen Canning: Ein Stehen vor dem Abgrund, letzte Hoffnungen. Ein Optimismus, dass sich der Vorstellungshorizont ins Unendliche erweitert, aber auch das Bewusstsein der nahenden Katastrophe. Wie diese Metapher im heutigen Deutschland eingesetzt wird, kann ich nicht beurteilen. Doch in den USA wird sie ebenfalls gebraucht. Fritz Stern, der emigrierte deutsche Jude und Professor für deutsche Geschichte an der New Yorker Columbia University, hat unlängst öffentlich Parallelen zwischen Weimar und dem allmählichen Abbau demokratischer Rechte in den USA gezogen. Im Grunde sind die USA ein unglaublich konformistisches Land. In der ganzen Tradition von Freiheit, Demokratie und Unabhängigkeit, die stets beschworen wird, geben die Leute einer politischen Verführung nach, die mit charismatisch formulierten Versprechen operiert.

Nun gibt es aber sicher Unterschiede zu Weimar.

Es gibt viele grundsätzliche Unterschiede. Bei uns basiert der Nationalismus auf einer ignoranten Selbstbezogenheit, die es uns nicht erlaubt, das Anderssein jenseits der US-Grenzen wahrzunehmen und in die politische Willensbildung mit einzubeziehen. In Weimar hingegen waren die Leute wirklich nicht ignorant. Sie diskutierten immer kontrovers, aber die Meinungsverschiedenheiten waren inhaltlich fundiert. In den USA herrscht ein allgegenwärtiger Konformismus, der mit einem Fokussieren auf die Gegenwart verbunden ist. Weder die Vergangenheit noch die Zukunft interessieren in tagespolitischen Entscheidungsprozessen. So wissen viele, dass das Gesundheitswesen in den USA ein Desaster ist, sagen aber offen und unverblümt, dass sie keine zusätzlichen Steuern bezahlen wollen, solange es sie nicht selbst trifft.

Sie haben für die Zeit der Weimarer Republik die Figur der «Neuen Frau» herausgearbeitet, ein als «Junggesellin» beschriebener Typ Frau, die als Projektionsfläche gleichermassen bedrohlich wie faszinierend wirkte. Was war ihr Selbstverständnis?

Die «Neue Frau» konnte nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr aus der Öffentlichkeit entfernt werden, auch wenn sie sich nicht voll in die Parteipolitik integrieren liess. Es handelte sich um ein Frauenbild, das fast jeden Bereich des Alltags beeinflusste - Konsum und Kino, Werbung und Populärliteratur. Gleichzeitig eröffnete dieser stilisierte Typ den Frauen die Möglichkeit, sich von alten Konventionen zu lösen und auf neue Weise ihr Selbst in der Öffentlichkeit darzustellen: sich das Recht zu nehmen, die Haare zu kürzen, zu rauchen, alleine auszugehen, sich politisch auszudrücken oder eben nicht.

Wie hat sich die «Neue Frau» politisch ausgedrückt?

Interessant ist das gängige Verständnis der «Neuen Frau» als grundlegend unpolitischer Figur, die auf Konsum und Kinovergnügen ausgerichtet ist, aber der Politik den Rücken gekehrt hat. Auch Feministinnen vertreten, dass die Erlangung der neuen staatsbürgerlichen Rechte für Frauen eigentlich bedeutungslos war, dass sie nach der ersten Umbruchphase Weimars sobald wie möglich Zuflucht in Familie und Haushalt suchten. Erweitert man die herkömmliche Vorstellung von Politik um die Dimensionen von Alltag und Kultur, zeigt sich, dass die Brüche in der Geschlechterhierarchie, die der Krieg herbeigeführt hatte, nicht einfach verschwanden, sondern das breite Feld der Weimarer Demokratie weiterhin beeinflussten.

Wie hat die «Neue Frau» ihr Geld verdient?

Vor allem im Angestelltenmilieu eröffneten sich den Frauen neue Arbeitsmöglichkeiten, die das Image der «Neuen Frau» begründeten. Aber auch an den Fliessbändern der Leichtmetall- oder Elektroindustrie standen «Neue Frauen», die im gesamtgesellschaftlichen Projekt der Rationalisierung eine Schlüsselrolle gewannen. Die Rhetorik von Fingergeschicklichkeit, vom flinken Arbeiten am Fliessband, war begleitet von der Diskussion um Rationalisierung der Hausarbeit und um Sexualität. Dadurch ist das Bild und Selbstbild einer neuen Arbeiterfrau entstanden: einer flotten und effizienten Arbeiterin, Hausfrau, Liebhaberin und Mutter, die selbst wusste, wie sie diese Mehrfachbelastungen am besten bewältigen konnte.

Sie plädieren für einen flexiblen, historisch spezifischen Zugriff auf Begriffe wie «Klasse» oder «Körper». Worin liegt der Sinn, Konzepte, die ja etwas konkretisieren sollten, stets weiter zu differenzieren?

So wie Sie die Frage stellen, möchten Sie einen Begriff als Idealtyp, der abstrahiert werden kann von Stoff und Inhalt. Mich hingegen interessiert bei diesen Begriffen ihre Bedeutung im gelebten Bereich, die umkämpften Aneignungen von Bedeutung, kurz gesagt: wie diese Begriffe in ihren Milieus gelebt haben. Wenn man dies richtig erforscht, kann man sie nicht herausheben und aufs Regal stellen, um sich ihrer je nach Bedarf und losgelöst vom Kontext wieder bedienen zu können.

Inwiefern hängt diese Begriffsarbeit mit dem Programm der Geschlechtergeschichte zusammen?

Meine Herangehensweise hat mit meinem grundsätzlichen Selbstverständnis als Gender-Historikerin zu tun. Als ich in den siebziger Jahren studierte, bemühten sich feministische Historikerinnen, gegen eine erste Generation von Arbeitergeschichte anzuschreiben, die sich auf den britischen Sozialhistoriker E. P. Thompson bezog. Sie wollten zeigen, dass auch Frauen an der Entstehung der Arbeiterklasse beteiligt waren. Es war frustrierend, dass vor allem in der deutschen Geschichtsschreibung dem Begriff «Klasse» alle anderen Differenzierungskategorien untergeordnet waren. Mein Ziel war es, diesen dominanten Diskurs von «Klasse» aufzubrechen und Geschlecht als analytische Kategorie und Frauen als Mitgestalterinnen im Prozess der Klassenformierung sichtbar zu machen. Es brauchte die veränderte analytische «Linse» der Geschlechtergeschichte, damit Frauen in den Quellen überhaupt erst zum Vorschein kamen.

Geschlechtergeschichte begann als politisches Projekt, gerade in Deutschland mit der Frauengeschichte. Heute ist Gender History etabliert. Halten Sie diese Art von «Mainstreaming» für einen fördernswerten Prozess?

Polemisch formuliert: Gut gemachte Geschlechtergeschichte kann gar nicht Mainstream werden, wenn wir darunter ein Einfügen in die herkömmlichen Narrative verstehen, in denen Gender nur ein Teilaspekt der «grossen Geschichte» bleibt. Darüber hinaus ist es wichtig, zwischen der Geschichtsschreibung und der Institutionalisierung von Geschlechtergeschichte an den Universitäten zu unterscheiden. Die personelle Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechtergeschichte an den Unis geht - wenn auch langsam - voran, bleibt aber weiterhin fördernswert. Das Einbetten von Geschlechtergeschichte in den Mainstream scheint mir hingegen fragwürdig, insofern als dadurch ihr analytisches Potenzial untergraben wird. Tatsächlich findet sich heute in den USA Gender History prominent in den Textbüchern, die Studierende in den ersten Semestern lesen müssen. In diesem Ansatz bereichert Gender History die «grosse Geschichte», kann sie aber analytisch - und das soll Gender History meines Erachtens machen - nicht in Frage stellen.

In Deutschland ist das anders.

In Deutschland war die Ausgrenzung viel kategorischer. Während in den USA eine ältere Generation von Historikern der Arbeitergeschichte sich unseren Ansätzen öffnete und sie mit integrierte, erwies sich in Deutschland diese Begegnung als schwieriger. Bücher von GeschlechterhistorikerInnen werden nach wie vor als Gender History ghettoisiert, die nie die «grand narratives» mitbeeinflussen oder gar revidieren kann. Die europäischen Universitäten haben sich geöffnet und Geschlechterhistorikerinnen angestellt, aber ich hoffe, dass durch diese Integration das subversive Potenzial der Geschlechtergeschichte nicht verloren geht.

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