Nr. 08/2007 vom 22.02.2007

Ist denn alles queer?

Die feministische Kulturtheoretikerin über die Bedeutung der Queer Theory für den Feminismus und über Intellektuelle in der Öffentlichkeit.

Interview: Daniela Oertle

WOZ: Judith Halberstam, in Ihrem neuen Buch nennen Sie Sexarbeiterinnen, Travestiekünstler, Arbeits- und Obdachlose oder HIV-positive Menschen in einem Zug. Sie bezeichnen diese Gruppen als queer. Wird damit etwa eine neue soziale Bewegung beschrieben?

Judith Halberstam: Heutzutage darf sich keine soziale Bewegung, die gegen die Rechte erfolgreich sein will, eine zu enge Fokussierung leisten. Für die Linke ist es notwendig, Themen so zu setzen, dass sie eine breite Koalition von Menschen ansprechen, die durch rechte Politiken entrechtet, ausgeschlossen oder marginalisiert worden sind. Und hier können verschiedene Kollektive aufgezählt werden - dafür wollte ich in meinem Buch Verständnis schaffen.

Sind denn alle Positionen ausserhalb der Norm automatisch queer?

Der Nutzen des Begriffs queer bestand nie darin, etwas zu beschreiben. Queer sollte nie ein Begriff sein, mit dem sich jemand vollständig identifiziert, den jemand für sich in Anspruch nimmt wie die Begriffe Lesbe oder Frau. Die Intention war vielmehr, mit dem Wort queer ein kritisches Verhältnis zu Identität auszudrücken. Als eine Kategorie wurde queer zunächst benutzt, um sexuelle Minderheiten als sonderbar, fremd und irgendwie ausserhalb des Normalen darzustellen. Und dieser Aspekt des Begriffs wurde dann dazu verwendet, einen Überbegriff für Menschen zu schaffen, die von der hegemonialen Ordnung auf ähnliche Weise beurteilt wurden. Oder queer wurde als Begriff verwendet, der eine andere politische Stossrichtung nahelegt als die einer Identitätspolitik, die das Problem der vorherrschenden Ordnung einzig im Ausschluss aus dieser Ordnung sieht. Queer stellt eine Herausforderung dar für jede Identitätspolitik, jede Politik des Einschlusses.

Ist denn queer nicht einfach die gegenwärtige Antithese zum Feminismus? Während als Ziel des Feminismus die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern beschrieben werden kann, scheint eine Queer-Perspektive mit der Vorstellung der Differenz zwischen den Geschlechtern zu brechen.

Feminismus war und ist weitaus mehr als der Kampf um Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen. Im Feminismus ging es nie bloss darum, mehr Gleichberechtigung zu schaffen, sondern auf diese Weise gleichzeitig auch die Bedeutungen der Begriffe Mann und Frau zu verändern. Oder zu verstehen, inwiefern das Patriarchat oder kapitalistische Strukturen unterschiedlich operieren, aber dennoch zusammenwirken können. Eine poststrukturalistische Variante des Feminismus, wie beispielsweise in den Arbeiten von Judith Butler, Donna Haraway und Jacqui Alexander, überschneidet sich in vielen Punkten mit dem Aufkommen von etwas, das später Queer Theory genannt wurde, während beide gleichzeitig auch voneinander abweichen.

Es geht keinesfalls darum, dass unter einer queeren Perspektive die Unterschiede zwischen den Geschlechtern völlig zurückgewiesen werden, im Gegenteil wird die sexuelle Differenz - in Judith Butlers Worten - als über den Geschlechterdiskurs hergestellt verstanden. Das war sozusagen die grundlegende Einsicht bei Butler: Das biologische Geschlecht zieht nicht notwendig das entsprechende soziale Geschlecht nach sich. Vielmehr stellt erst die soziale Geschlechtsidentität oder die Geschlechterrolle das biologische Geschlecht am Körper her. Es sind also die gängigen Geschlechterbilder, die uns dazu verleiten, den Körper und das Geschlecht als natürlich und unhinterfragbar zu begreifen.

In Ihrem jüngsten Buch sagen Sie, dass die postmoderne Geschlechtertheorie zu einem grossen Teil als eine Beschreibung von sowie als Ruf nach mehr Flexibilität fehlinterpretiert wird. Gleichzeitig stehen Sie für alternative Konzepte von Weiblichkeit und Männlichkeit oder Menschen ein, die in gar keine Kategorie passen. Geht es dabei nicht auch um Flexibilität?

Ich sehe hier keinen Widerspruch. Ich würde sagen, mir geht es generell darum, mehr Genauigkeit einzufordern. Niemand befindet sich ausserhalb von Kategorien. Und warum? Weil Menschen einander in der Interaktion ständig verschiedenen Kategorien zuordnen. Wenn also gesagt wird, jemand sei ausserhalb jeder Kategorie, so wird vorausgesetzt, dass Identität und Identifikation vollständig der Kontrolle eines Subjektes, eines Selbst, unterliegen. Aber ein Selbst kann sich nicht selbst erschaffen. Ein Selbst wird in Beziehung zu Ideologien, sozialer Umgebung, anderen Menschen und so weiter hervorgebracht. Folglich argumentiere ich, dass die postmoderne Geschlechtertheorie fälschlicherweise mit einem Ruf nach mehr Flexibilität identifiziert wurde. Mir geht es also nicht um ein grösseres Mass an Flexibilität, sondern um die Verortung.

Wenn Leute, die an den Universitäten mit poststrukturalistischem Gedankengut arbeiten, mit der Idee konfrontiert werden, dass sie selbst einer Kategorie angehören, reagieren diese manchmal sehr entrüstet. Diesem Widerspruch wollte ich mit meiner Kritik an der Flexibilität entgegenwirken. Es ist mir im Buch auch wichtig gewesen, zu zeigen, dass «Transgender» (siehe unten) nicht einfach Geschlechterflexibilität meint.

Glauben Sie, es ist ein Zufall, dass Transgeschlechtlichkeit zum jetzigen Zeitpunkt auftaucht?

So etwas ist nie zufällig. Einige verbinden den Aufstieg von Transsexualität mit dem Aufstieg von medizinischen Technologien, die Geschlechtsanpassungen überhaupt ermöglichen. Wenn sich jemand im 19. Jahrhundert mit dem entgegengesetzten anatomischen Geschlecht identifizierte, waren die Möglichkeiten begrenzt. Es war nicht möglich, Hormone zu nehmen oder einen Arzt aufzusuchen, um am Körper geschlechtsanpassende Eingriffe vornehmen zu lassen. Da lässt sich die Frage diskutieren, was zuerst war: die Technologie oder der Wunsch? Ein Beispiel, das oft verwendet wird, ist die Frage, ob der Wunsch, Astronaut oder Astronautin zu werden, denkbar ist, bevor die Raumfahrt ermöglicht wurde. Kann in diesem Fall auch davon geträumt werden? Auf eine gewisse Weise vielleicht schon, weil sich Wissen durch Fantasie nährt. Das heisst, dass Menschen durch ihre Wunschvorstellungen Verbindungen schaffen, die noch nicht realisiert worden sind. Die transgeschlechtliche Identifikation zeigt also, dass - bereits bevor die medizinische Technologie verfügbar war - viele Menschen als Männer oder Frauen lebten, die biologisch gesehen mit einem anderen Körper geboren wurden. Das aktuelle Phänomen steht in der Tat in direktem Zusammenhang mit dieser medizinischen Technologie. Diese hat die Sichtbarkeit von Transgeschlechtlichen erhöht, weil allein schon Hormone den Körper sehr stark verändern. Und das macht den grossen Unterschied aus, wie das Geschlecht von einer Person «gelesen» werden kann. In diesem Sinne ändert sich die Position oder Bedeutung der Begriffe Frau und Mann.

Sie werden als Ikone einer queeren Subkultur und als Expertin einer Transgenderbewegung angesehen, dabei sind Sie sehr stark in ihre Projekte involviert. Das scheint sehr ungewöhnlich für eine Universitätsprofessorin. Fallen Sie damit nicht zwischen Stuhl und Bank?

Das ist eine interessante Frage, auf die es verschiedene Antworten gibt. Es ist entscheidend, wie die beiden verschiedenen Welten zusammengebracht werden können, ohne die eine Umgebung gegen die andere auszuverkaufen. Selbstverständlich nehme ich teil an der Subkultur, über die ich schreibe - weil ich Spass daran habe. Es gab immer viele Leute, die glücklich waren, mich bei ihnen zu wissen. Jedoch gab es auch andere, für welche ich einen Störfaktor darstellte: eine, die bloss beobachtet, um über sie schreiben zu können. Vielleicht würden diese Leute meiner Interpretation nicht zustimmen. Besonders in San Francisco sind die subkulturellen Szenen sehr antiintellektuell eingestellt. In deren Verständnis wird die Sache überintellektualisiert und verliert dadurch ihren Genuss.

Was die Universität betrifft, so denke ich, dass ich mich sehr glücklich schätzen darf, dass meine Arbeit oder ein Teil davon akzeptiert wurde und ich damit meinen Weg machen konnte. Doch gleichzeitig werde ich wahrscheinlich als irgendetwas zwischen einer Theoretikerin und einer Ethnologin oder Kulturkritikerin und einer Journalistin angesehen. Auf diese Weise kann einem auch ein wenig die Legitimität abgesprochen werden.

Es bestehen Hierarchien zwischen Theorie und anderen Arten der Wissensproduktion. Ich glaube, ich versuche mir diese Strukturen immer bewusst zu machen. Damit meine ich die Ideen und Begriffe, mit denen wir an der Universität so um uns werfen. Beispielsweise würden sich viele als Anhängerinnen oder Anhänger von Michel Foucault bezeichnen, aber die gleichen Leute scheinen den Disziplinen sehr verpflichtet zu sein. Für mich ist das ein Widerspruch. Ich würde energisch für eine Auflösung der Disziplinen eintreten. Genauso sind nur wenige bereit, die legitimierenden Praktiken, die Foucault als Voraussetzung für die Herstellung von wissenschaftlichem Wissen beschreibt, gegenüber unterdrückten oder ausgeschlossenen Wissensformen aufzugeben.

Würden Sie also für eine andere Rolle der Intellektuellen in der Gesellschaft plädieren?

Nun, Intellektuelle müssen ihre eigene Wahrnehmbarkeit definitiv steigern und sich überlegen, wie der Einfluss eines akademischen Denkens und Sprechens auf andere öffentliche Diskussionen ausgeweitet werden kann. Die Universitäten wurden sehr stark marginalisiert. Selbst für grössere Projekte werden meistens Journalistinnen, Thinktanks oder andere Strategen quasi als Intellektuelle angegangen. Akademikerinnen und Akademiker sollten ihr Verhältnis zum Konzept der öffentlichen Intellektuellen überdenken.

Auch müssen sie sich selbst reorganisieren, bevor die Universitäten auf die Idee kommen, die Geistes- und Sozialwissenschaften abzuschaffen. Es ist wichtig, sich dieser möglichen Veränderungen bewusst zu sein, um nicht plötzlich davon überrascht zu werden. Besonders in Bereichen, die sehr ungeschützt sind wie die Queer Studies. Wenn aufgrund der ökonomischen Verwertbarkeit entschieden wird, wird sich kaum jemand um solche Fächer scheren. Es ist an der Zeit, sich solcher Gefahren, aber auch der Funktion von Intellektuellen gewahr zu werden.

«Queer» und «Transgender»

Queer: Die nordamerikanische Lesben- und Schwulenbewegung hat den Begriff (ursprünglich ein englisches Schimpfwort mit der Bedeutung pervers, abartig) als emanzipatorische Selbstbezeichnungsstrategie eingesetzt. Später wurde der Begriff als Kritik an Vorstellungen von fixen Identitätskategorien (Geschlecht, Begehren) in theoretischen und politischen Zusammenhängen benutzt.

Transgender oder Transgeschlechtlichkeit ist ein offenerer Begriff und eine gängige Eigenbezeichnung, während Transsexualität meist in einem medizinischen oder rechtlichen Kontext verwendet wird. Trans?geschlechtlichkeit stellt nicht eine Krankheit, sondern ein Leiden an der abgrenzenden zweigeschlechtlichen Gesellschaftsordnung dar.

Judith «Jack» Halberstam lehrt Englisch und Gender Studies an der University of Southern California in Los Angeles. Einen Namen gemacht hat sie sich mit der Untersuchung von Männlichkeitskonzepten in der Lebensrealität von Frauen in ihrem Buch «Female Masculinity» (1998). Zuletzt ist von Halberstam erschienen «In a Queer Time and Place: Transgender Bodies, Subcultural Lives» (2005). Im «NZZ Folio» (10/2006) ist «Der Hausfrauenreport», eine Kritik an der Fernsehserie «Desperate Housewives», erschienen.

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