Nr. 44/2005 vom 03.11.2005

Der Teufel aus der Kiste

Die in Zagreb aufgewachsene und heute in Amsterdam lebende Schriftstellerin legt einen mitreissenden Roman über das Exil vor.

Von Urs Hafner

Es ist schwierig, auf dieses schmerzhaft wuchtige und zugleich so zarte Werk angemessen zu reagieren, das durch analytische Schärfe und einen erzählerischen Sog besticht, souverän mit literarischen Formen spielt und seine sorgfältige Komposition schliesslich in einer wilden und resignierten Gebärde gleichsam vom Tisch wischt.

«Das Ministerium der Schmerzen», der neue Roman der in Zagreb aufgewachsenen und heute in Amsterdam lebenden Schriftstellerin Dubravka Ugresic, ist ein Roman des Exils, eine von Mitleid, Selbsthass und bodenloser Ironie getragene Hommage an die «Jugos» - die tausenden von Menschen, die in Titos sozialistischem Vielvölkerstaat Jugoslawien aufwuchsen, sich nach dem Ausbruch des Kriegs 1991 nach Westeuropa aufmachten und seither hier zu leben versuchen, als Versehrte und Verstörte. Hauptfigur ist die mit autobiografischen Zügen versehene Literaturdozentin Tania Lukic, die in den Neunzigerjahren mit ihrem Mann von Zagreb nach Berlin emigrierte und sich darauf, aus privaten und beruflichen Gründen, alleine in Amsterdam niederliess. Hier kann sie während zweier Semester serbokroatische Literatur unterrichten - diejenige Sprache also, die es nach dem Willen der neuen nationalistischen Regierungen, die sie in Serbisch, Kroatisch und Bosnisch aufgeteilt haben, nicht mehr geben soll.

Jugonostalgie

Auch ihre StudentInnen sind Versprengte, mehrheitlich Jungen, die vor der Einberufung ins Militär geflohen sind. Sie studieren das angesichts der neuen sprachpolitischen Realitäten zunehmend anachronistischer werdende Fach vor allem deshalb, weil es für sie nicht viel Aufwand bedeutet, der schnellste Weg zu einem holländischen Diplom ist und sie damit ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängern können. Einige von ihnen arbeiten nebenher schwarz in einer Firma, die sie «Ministerium der Schmerzen» nennen, weil sie Zubehör für sadomasochistische Praktiken herstellt und verkauft.

Die Lehrerin realisiert sogleich, dass ihre StudentInnen traumatisiert sind: «Sobald ich den Unterrichtsraum zum ersten Mal betrat, erkannte ich die Unsrigen. Die Unsrigen liefen mit einer unsichtbaren Ohrfeige im Gesicht herum. Sie hatten den schrägen Blick eines ängstlichen Hasen, eine besondere Anspannung, etwas von einem Tier, das lauert, aus welcher Richtung Gefahr drohen könnte.»

Besonders an ihrer Sprache, die unentschieden zwischen muttersprachlichen, englischen und holländischen Versatzstücken changiert und sich in eigenartigen Idiomen verliert, kann sie die Brüchigkeit der Identitäten ablesen. Also greift sie zur Therapie: der Jugonostalgie. Während und nach den Schulstunden rufen Studierende und Lehrerin ihre gemeinsame jugoslawische Vergangenheit in Erinnerung: Fernsehsendungen, Esswaren, Kinderlieder, Feiertage. Nur kurz flackert zwischen den Abkömmlingen der sich nun bekämpfenden Volksgruppen - bei weitem nicht alle nehmen sich so wahr - die durch den absurden Krieg geschürte Aggressivität auf.

Bis hierher liest sich der «Roman» wie eine wirklichkeitsnahe Beschreibung der Lebensumstände Dubravka Ugresics alias Tanja Lukics. Die Passagen, in denen die Autorin eine Verhandlung am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag schildert, die sie angesichts der nicht wieder gutzumachenden Kriegsgräuel nur als grotesk empfindet, muten gar hyperrealistisch an. Ob sie dem Buch darum den seltsamen Hinweis «Alles in diesem Roman ist frei erfunden» vorangestellt hat, als ob ein Roman nicht per definitionem fiktiv wäre? Der plötzliche, offenkundige Einbruch der Fiktionalität verstärkt diese Irritation zusätzlich: Zurück aus Zagreb, wo die Lehrerin sehen muss, wie sehr ihre Mutter gealtert ist und sich deren Leben an amerikanischen Soaps ausrichtet, wird sie mit einer weiteren bitteren Realität konfrontiert: Jemand aus der Klasse hat sich bei ihrem Vorgesetzten beschwert, dass sie den Lehrplan nicht einhalte. Verbittert über diesen Verrat, installiert die nun unnahbare Lehrerin ein gestrenges Regime: sturen Frontalunterricht mit vielen Hausaufgaben und Prüfungen. Die nostalgische Gemeinschaft löst sich auf.

Barbaren

Eines Abends wird die Lehrerin daheim von Igor aufgesucht, einem abgeklärten Studenten, der sie von Anfang an erotisch angezogen hat. Er fesselt sie an einen Sessel, klebt ihr den Mund zu, verletzt mit einer Rasierklinge ihr Handgelenk und rechnet mit ihrem früheren Unterricht ab: «Und dann diese Erinnerungsspielchen, die Sie mit uns trieben! Sie forcierten diese fucking Erinnerung, dabei wird in ein paar Jahren dieser nostalgische crap überall angeboten. […] Sie werden sehen, die Jugonostalgie wird uns allen in ein paar Jahren zum Hals raushängen … Meine Erinnerung an dieses ehemalige Land ist die, dass die heimischen mother-fuckers mir ein Soldatenhemd überstreiften und mich in den Krieg schicken wollten! Damit ich die Errungenschaften meiner fucking Heimat verteidige! Aber welcher fucking Heimat?»

Die vermeintliche Therapie entpuppt sich endgültig als gescheitert. Nach dieser Szene bricht die Lehrerin zusammen, Albträume plagen sie, traumatische Kindheitsszenen drängen ins Bewusstsein, das Reale ist nicht mehr abzuwenden: «Wir sind Barbaren, sind der doppelte Boden dieser vollkommenen Gesellschaft, die Faust in der Tasche, der Teufel aus der Kiste, wir sind die Fratze, die Parallelwelt, die Halbwelt. […] Der Wind wirbelt bei uns Abfälle durch die Luft: Plastiktüten, Kaugummipapiere, Reste von Kartoffelchips, Packungen von Mars, Kit-Kat und Snickers, die unsere Kinder in Mengen verschlingen. […] Unsere jungen Männer sind wild, heimtückisch und zornig. Nachts versammeln sie sich wie Rudel junger Hunde und toben bis spät in die Nacht.»

Anerkennung

Wieder ein überraschender Umschlag: Was sich trügerisch als heilsamer Schock ankündigte, der die Lehrerin der Nostalgie entriss, endet in einer fatalistischen Selbstanklage, die sich aus den feindlich-stereotypen Zuschreibungen des Einwanderungslands nährt. Auch der Schluss des Buches ist verblüffend: Der negative Entwicklungsroman entlässt seine Hauptfigur, die nun als Kindermädchen für ein amerikanisches Paar arbeitet, nicht in die Idylle, wie er zuerst vorgibt. Überraschend geht sie mit Igor, der auf dem Bau Arbeit gefunden hat, in einer seltsamen Symbiose auf: Abends jeweils, auf dem Sofa, bemerkt sie «etwas übrig gebliebene Wandfarbe an seiner Wange», wie sie schreibt: «Lecke sie ab, wische sie mit meiner Spucke weg, nehme seine Lippen zwischen meine Zähne, dringe mit der Zunge in seinen Mund, sauge daraus den für meine Existenz so nötigen Sauerstoff, spende ihm den Sauerstoff, der für seine Existenz so nötig ist. Wir beide fühlen uns wie in einem Rausch, denn das Jetzt erreicht uns in jeder noch so kleinen Faser. Wir atmen den reinen Extrakt der Gegenwart, in der es nichts gibt, an das wir uns erinnern, und nichts, was wir vergessen sollen.»

Erlösung durch Auflösung? Was an diesem fulminanten Roman bittere Ironie ist und tödlicher Ernst, was Selbsthass, Rassismuskritik und Erinnerungspoetik, ist kaum zu unterscheiden. Provokativ liegt er da, eine wütende Hymne auf die Existenz der Exilierten, und verlangt von unserem Denken über sie mehr Scharfsinn und Anerkennung. Oder gar nichts.

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