Nr. 44/2005 vom 03.11.2005

Liebe zerschneiden

«Mit einem Messer zähle ich die Zeit» heisst das neue Buch der Zürcher Schriftstellerin: 26 Liebesgeschichten, luzide und leicht erzählt.

Von Johanna Lier

Katharina Faber sitzt am kleinen Tisch, lacht schüchtern ins Publikum, was in merkwürdigem Gegensatz zu ihrer kräftigen Stimme steht. Eine Zigarette nach der anderen raucht sie und liest in hervorragender Weise ihre Geschichten vor. Und sie tut es stundenlang. Man ist das nicht mehr gewöhnt, so lange zuzuhören, und plötzlich tauchen Erinnerungen auf an Zeiten, die man selber nicht erlebt hat - an Kaminfeuer, die einsame Abende in abgelegenen Dörfern der vormodernen Zeit erwärmten. Sehr im Heute wurzeln aber Fabers Geschichten. Die Menschen sind sich ihrer Wünsche und Sehnsüchte bewusst, wollen über ihr Leben und ihre Gefühle gebieten, was aber lediglich darauf hinausläuft, dass sie im richtigen Moment Nein sagen. Der Rest bleibt unberechenbares Schicksal.

Katharina Fabers neuer Erzählband «Mit einem Messer zähle ich die Zeit» ist ein Buch über Liebende. Denn es ist den Menschen gegeben, zu lieben, sagt eine der Protagonistinnen in einer der 26 Geschichten. Und Faber ist eine Hexe, die mit leichter Hand jenes Gift streut, isst man davon, befällt einen die Gier, die zwei Menschen zusammentreibt, damit sie sich körperlich vereinigen, von Liebe reden, eine gemeinsame Geschichte zimmern, sich streiten, und wieder auseinander gehen. Und das wars dann.

In «Le petit déjeuner africain» beschreibt Faber einen heissen Sommer Ende der sechziger Jahre, in dem sich ereignet, was wir später als «die Jugend» bezeichnen. Eine Clique Heranwachsender übt sich im Drogenkonsum, Poolplantschen, Verkehrsunfällefabrizieren, Revolutionenplanen, Pastistrinken, im Alternde-geile-Maler-Ausbeuten und Gedichteschreiben - Edison nennt sich einer der ambitiösen Dichter, da keiner schreiben könne, der die Elektrizität nicht verstehe. Sie leben in engen Wohnungen nur mit Vorhängen, deren Perlen leise im Wind klirren, oder in alten schönen Häusern, die in Paris oder an der Côte d’Azur liegen. Reich sind sie und doch in der Revolte gegen alles; sie wollen berühmt werden, und bedeutende Taten vollbringen. Kurz: die Welt verbessern. Als der behinderte Junge Jimjim, den alle lieben, am Ende des Sommers stirbt, erlischt auch der Lebenswille der schönen Mama und die Träume der Jugendlichen verebben bereits im kommenden öden Schulalltag. Die Glühlampe erlischt und die Realität frisst ihre Kinder.

Die Geschichten sind raffiniert montiert und wechseln blitzschnell die Perspektiven. Nannte sich eine Person gerade noch «ich», wird sie unversehens zu einem «sie». Schauen wir jemandem von aussen beim Kartoffelschälen zu, erinnert uns dieselbe Person im nächsten Satz, wie man sich tief innen fühlt, wenn man wütend eine Autotüre zuknallt. Ein Verwirrspiel, das aber in sich stimmt. Ein wenig wie ein hart geschnittener Experimentalfilm. Aber nicht nur die Zeit, auch die Menschen, die sich durch sie hindurchbewegen, werden mit skalpellscharfen Schnitten zerteilt.

Zerrissene Menschen

So auch das Herz jener Frau, die ein Abenteuer mit einem verheirateten Mann eingeht, unbeschwert und selbstbewusst, und dann doch erkennen muss, dass sie es überhaupt nicht erträgt, dass die Ehefrau schon seit Stunden am Flughafen wartet und der Geliebte gerade noch Zeit findet, stehend den letzten Kaffee zu trinken, bevor er sich nach einem hastigen Kuss den Mantel über die Schulter wirft. Zerrissen ist auch der alte Mann, der für seine verstorbene Frau die Wohnung neu streicht und Post von ihr empfängt, oder die Friseuse, die das Dasein als Spielzeug eines alternden Gigolos nicht mehr erträgt, ihn vor seinen Augen betrügt mit anderen Männern, die wiederum nichts anderes als ein bisschen Sex mit einer Puppe suchen. Berührend ist die Geschichte des Ehepaars, das sich nach langen Jahren des Zusammenlebens immer noch zugetan ist. Zärtlich und ironisch suchen sie die Fäden der gemeinsamen Geschichte im sich zusehends verwirrenden Knäuel der Altersdemenz zu entwirren.

Die Stimmungen dieser Geschichten sind luzide und leicht. Fast erinnern sie an die Theaterstücke von Marguerite Duras, die ihre Personen in beinahe unbestimmten Umgebungen agieren lässt; die Ereignisse kristallisieren sich ausschliesslich in Emotionen, die sich dann in knappen Dialogen äussern. Das Meer, die Stadtlandschaften, die hellen Abendwolken, die einen Nachthimmel durchstossen, sind nur Requisiten für das Spiel der Gefühle. Und diese treiben eine manchmal grausame Partie mit den Menschen.

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