Nr. 17/2008 vom 24.04.2008

«Sie haben zu allem ein Gefühl»

Katharina Faber lässt eine Biografie von drei Schutzengeln erzählen. Linette, Bob und Michail kümmern sich um Katharina, die in einer Villa am Zürichsee aufwächst.

Von Eva Pfister

Sie rennt manchmal kopflos durchs Leben, die Heldin in Katharina Fabers neuem Roman. Aber wie durch ein Wunder kommt sie heil aus ihren Abenteuern und Unfällen heraus, auch von schweren Krankheiten erholt sie sich wieder. Da können nur Schutzengel am Werk sein, ahnt Katharina, die Heldin; und die LeserInnen wissen, es sind gleich drei, die sie von Geburt an behüten: Linette, Bob und Michail. Das sind nicht bloss gesichtslose Engel, sondern interessante Menschen aus anderen Orten und Zeiten, die zu früh sterben mussten und vielleicht gerade darum so grosses Interesse am Leben ihres Schützlings haben.

Auf dem Weg ins Meer

Eine Biografie aus der Perspektive der Schutzengel zu erzählen, ist eine originelle Idee, diesen aber eigene Identitäten zu geben, ist der geniale Kunstgriff in Katharina Fabers drittem Buch. Jeder Engel hat einen anderen Blick auf das Leben der kleinen Ali, wie Katharina als Kind genannt wurde. Linette nennt sie zärtlich «Attali» und kann sich nicht genug wundern über dieses Familienleben, das sich so sehr von ihrem eigenen unterscheidet. Denn sie lebte im 18. Jahrhundert in einem kleinen französischen Dorf in grosser Armut und starb als Sechzehnjährige an Hirnhautentzündung. Es sind nicht nur Sauberkeit und Luxus in der Villa am Zürichsee, die Linette bestaunt, sondern auch die stürmischen Gefühlswelten der heranwachsenden Katharina: «Ich bewundere all das Persönliche, was die modernen Menschen so mit sich herumtragen, was sie beschäftigt. Sie haben zu allem ein Gefühl.»

Aus einer anderen Welt kommt Michail Sledin, aufgewachsen in der Sowjetunion, gefallen als Soldat im Alter von siebzehn Jahren. Er wünscht sich manches zielstrebiger im Leben der verwöhnten Ali, und als sie nach einer chaotischen Phase mit viel Fleiss Medizin studiert, ist er zufrieden mit ihr. Anders Bob Tomba, der 1951 in New York als Dreizehnjähriger an einem malignen Lymphom gestorben ist, freut sich über Katharinas literarische Interessen, verfolgt mit Eifer ihre Schreibversuche und formuliert selbst mit wachsendem poetischem Ehrgeiz: «Wenn Ali schreibt, fügt sich ein Zeichen an das nächste, und die Worte fliessen auf dem Bildschirm immer weiter, wie ein Fluss, der unaufhaltsam seinen Weg ins Meer sucht. Nein, der ihn findet.»

Der Blick durchs Fernrohr

«Ein Album», so nennt sich der Roman im Untertitel. Es ist eine Art Familienalbum, das auch vom vergangenen Leben der beschützenden Seelen und von ihren - teilweise noch lebenden - Angehörigen erzählt. Bob, der Sohn einer italienischen ImmigrantInnenfamilie, die in New York die Trattoria da Gramsci führt, Michail, der verstörte Junge dissidenter Eltern, der dennoch vom Stalinismus geprägt ist, die schüchterne Linette - sie alle erzählen gerne von sich. Ihre Geschichten wirken wie ein verfremdendes Fernrohr, durch das man auf das Leben der Tochter einer reichen Familie in Zürich blickt. Das relativiert nicht ihre Sorgen, aber es rückt ihre Existenz in einen grösseren Zusammenhang.

So liest man vieles mit fast volkskundlichem Interesse, etwa wie das wild aufgewachsene Mädchen, mit bravem Schürzchen angetan, sich in der alten Schule eingesperrt fühlt. Oder als Heranwachsende in einer ländlichen Kommune mit Drogen den Ausbruch probt. Da haben die Schutzengel viel zu tun, auch später, wenn sie ihrem Schützling helfen, eine Krebserkrankung zu überstehen.

Die Heldin in «Fremde Signale» wurde 1952 in Zürich geboren, arbeitete als Ärztin und veröffentlichte mit fünfzig Jahren ihren ersten Roman. Die Daten stimmen mit denen der Autorin Katharina Faber überein, die 2003 für «Manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand» den Rauriser Literaturpreis erhielt und 2005 den Geschichtenband «Mit einem Messer zähle ich die Zeit» veröffentlichte. Ihr neues Buch scheint auch eine Autobiografie zu sein. Erzählt wird in anschaulichen Details und in einer so lakonischen wie poetischen Sprache, die jeweils den drei Chronisten angepasst ist. Die Schutzengel haben ganze Arbeit geleistet. Man wird sie nicht vergessen.

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