Nr. 47/2005 vom 24.11.2005

Je ferner, desto besser

Eine Ausstellungsreihe in der Zürcher Shedhalle beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Tourismus, Neokolonialismus und Migration.

Von Edith Krebs

«Exotische» Destinationen stehen auf der Wunschliste europäischer Reisender ganz oben: Bali, Kenia, Kuba und Karibik - bei diesen wohlklingenden Namen wird uns warm ums Herz, nicht nur in dieser kalten Jahreszeit: Sonne, Strand, tropische Temperaturen und Lebensfreude versprechen diese Ziele. Wer sich nicht während zweier Wochen in seinem All-Inclusive-Resort einsperren lässt, stösst bald auf unliebsame Widersprüche: aufdringliche Souvenirverkäufer, Prostitution, Armut, Slums. Der Wille, diese Flecken aus dem Hochglanzbild zu wischen, ist gross: Kaum einer wird nach seiner Rückkehr von solchen Zwischenfällen berichten, sondern lieber von paradiesischen Stränden, herrlichen Sonnenuntergängen und zuvorkommenden Menschen schwärmen.

Primitive aus dem Lötschental

Lassen sich die Auswirkungen des Tourismus mit denen des Kolonialismus vergleichen? Stehen die seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts anwachsende Reiselust und die zunehmenden Migrationsbewegungen in einem direkten Zusammenhang? Solche Fragen will die drei Teile umfassende, fast ein Jahr lang dauernde Ausstellungsreihe in der Zürcher Shedhalle beleuchten.

Mit einer überraschenden Perspektive wartet die Eingangsinstallation der ersten Ausstellung auf, die das Thema Tourismus ins Zentrum stellt: Zu sehen ist ein siebenminütiger Film von Frederick Harrison Burlingham aus dem Jahr 1916 mit dem Titel «La Suisse inconnue. La vallée de Lötschental». 1914 liess sich der Amerikaner in Montreux nieder, um Orte wie das Matterhorn, Leukerbad oder den Aletschgletscher zu filmen. In seinem ethnografisch anmutenden Film stellt Burlingham die EinwohnerInnen des Lötschentals, das damals fast völlig von der Aussenwelt abgeschnitten war, als «Primitive» dar, deren Lebensweise sich über die Jahrhunderte kaum verändert hätte. Seine Zugangsweise ist ganz ähnlich wie die jener Forschungsreisenden, die sich zur selben Zeit den afrikanischen Kontinent aneigneten und in abgelegene Dorfgemeinschaften vorstiessen.

Die Sehnsucht nach dem Urwüchsigen, dem «Authentischen» als Gegenpol zur Dekadenz der Städte - das macht die Ausstellung an verschiedenen Beispielen klar - ist immer von Ambivalenz geprägt: Einerseits artikuliere sich in dieser Sehnsucht ein Begehren nach dem «Anderen», dem Fremden, andererseits diene der Andere dem Europäer als Projektionsfläche, in der er seine eigene Überlegenheit reflektieren könne, schreibt Martina Backes in ihrem Beitrag «Reisen bildet - Werbung blendet?» im Begleitheft zur Ausstellung.

Malaysisches Österreich

Ein weiterer Ausstellungsbeitrag operiert mit der wirksamen Strategie der Umkehrung, in der nicht «Eingeborene» ferner Länder, sondern wir selbst als «die Anderen» erscheinen: In seiner in einem bürgerlichen Ambiente ausgestrahlten Dokufiktion «RE:Looking» erzählt der Malaysier Hoy Cheong Wong - sehr authentisch - von den Einflüssen auf das postkoloniale Österreich, die die 250 Jahre dauernde malaysische Herrschaft im europäischen Kleinstaat hinterlassen hat.

Als Land ohne Kolonialgeschichte fühlt sich die Schweiz von postkolonialen Fragestellungen meist wenig tangiert. Erst in jüngster Zeit sind Ansätze zu einer Aufarbeitung des Themas auszumachen, so in dem kürzlich erschienenen Buch «Reise in Schwarz-Weiss» von Hans Fässler (siehe WOZ Nr. 42/05), das die Beteiligung zahlreicher Schweizer Firmen, zum Beispiel der Ausserrhoder Textildynastie der Zellweger, an transatlantischen Plantagen und damit auch am Sklavenhandel dokumentiert. Eine weitere Publikation (Niklaus Stettler, Peter Haenger, Robert Labhardt: «Baumwolle, Sklaven und Kredite. Die Welthandelsfirma Christoph Burckhardt & Cie. in revolutionärer Zeit [1789-1815]», Christoph-Merian-Verlag, Basel 2004) beleuchtet die Geschichte des Basler Kaufmannshauses Burckhardt, das Grosshandel mit Baumwolle und Kolonialwaren betrieb und an dem von Anfang an auch die Frères Merian finanziell beteiligt waren - beides noch heute klingende Namen im «Basler Daig». Ähnlich aktiv waren die Schweizer auch als Missionare, so unter anderem die protestantische Basler Mission, die um 1800 zur Verbreitung des Christentums ins Leben gerufen wurde und über ein umfangreiches Archiv mit rund 50 000 Aufnahmen aus Afrika und Asien aus der Zeit von 1860 bis 1950 verfügt (www.bmpix.org).

Während diese Beispiele in der Ausstellung fehlen (oder vielleicht erst in einer der folgenden auftauchen), geben frühe Postkarten aus der Zeit von 1896 bis 1930 aus der Sammlung des Völkerkundemuseums Zürich einen Einblick in das damalige Blickregime, das bereits touristische Züge verrät. Neben paradiesischen Landschaften, die heute noch zu den beliebtesten Motiven gehören, zeigt sich vor allem ein Interesse am Porträt des «primitiven Fremden», das allerdings weniger auf das Individuum zielt, sondern zu einer typisierenden, klassifizierenden Darstellung neigt. Daneben zeigt sich eine Vorliebe für religiöse Rituale und für Szenen aus dem Alltagsleben, die für das «Authentische» dieser Völker stehen.

Für eine kritische Unterfütterung des Themas sorgt neben den subjektiv gehaltenen Nachzeichnungen der Touristenströme des französischen «Monde diplomatique»-Kartografen Philippe Rekacewicz (siehe WOZ Nr. 19/05) die tourismuskritische Zeitschrift «iz3w» aus dem Fernweh-Verlag, der 2002 die äusserst aufschlussreiche Aufsatzsammlung «Im Handgepäck Rassismus» herausgegeben hat. Von «Differenzspektakel» ist dort die Rede, von der Tatsache, dass man das Fremde offenbar nur liebt, wenn es weit weg von zuhause ist. «Diese Auffassung kosmopolitischer Völkerverständigung ist äusserst kompatibel mit der Aufrechterhaltung rassistischer Gewaltverhältnisse», schreibt Hito Steyerl in ihrem Beitrag und zieht daraus den Schluss, dass die Ausländerfreundlichkeit hauptsächlich im Urlaub unter Beweis gestellt werde. Der Bogen zu den nachfolgenden Schwerpunkten der Ausstellungsreihe - Neokolonialismus und Migration - ist dort bereits geschlagen. Die Frage stellt sich, ob es sinnvoll ist, den Themenkomplex in drei aufeinander folgende Ausstellungen aufzugliedern, zumal die beiden KuratorInnen Katharina Schlieben und Sönke Gau betonen, dass es ihnen vor allem um die Schnittmengen, Graubereiche und Beziehungen zwischen diesen Bereichen geht. Tatsächlich zeigt bereits die erste Ausstellung, dass die einzelnen Aspekte aufs Engste zusammenhängen und wohl kaum schlüssig zu trennen sind.

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