Biometrie : Immer der Nase nach

Nr. 48 -

Eine amerikanische Firma und der SC Bern testen im Eishockeystadion Bern Arena die biometrische Gesichtserkennung. Wird das System Standard?

San Angeles, 2032: Gangster Simon Phoenix bricht aus dem Gefängnis aus, mit unfreiwilliger Hilfe des Gefängnisdirektors, mit dessen herausgeschnittenem Auge er die Iris-Scan-Kontrolle überlistet. Einmal draussen, verfolgt die Polizei jeden Schritt von Phoenix. Ein Chip in seinem Körper sendet Ortungssignale. Das Visionäre im Film «Demolition Man» dürfte bald überholt sein. Das Iris-Scan-Verfahren gibt es seit Jahren. Und in Florida forscht die Firma Applied Digital Solutions bereits seit drei Jahren an Chips mit GPS-Sendern, die Strafgefangenen implantiert werden sollen.

Bern, 2005: Vor einer Woche präsentierten der Schlittschuhclub Bern, die Sicherheitsfirma Broncos und die Computerfirma Unisys ein gemeinsames Projekt, das weiter geht als der Iris-Scan: Fans mit Stadionverbot sollen gefilmt, die Gesichter in einer Datenbank gespeichert werden. Sollte eine in der Datenbank gespeicherte Person nun ein Stadion betreten wollen, wird ihr Gesicht vom System erkannt. Es schlägt Alarm. Ausschlaggebend bei der biometrischen Gesichtserkennung sind «charakteristische Gesichtsmerkmale». Unisys möchte das System der Uefa verkaufen, damit diese die Schweizer Fussballstadien für die Euro 2008 damit ausrüstet. Doch die Technologie scheint jung und unausgereift. Offensichtlich erhöhen bereits kleine Veränderungen die Fehlerquote, zum Beispiel ein ins Gesicht gezogener Schal oder schnelle Bewegungen. Entweder erkennt das System Personen nicht, oder aber es werden die Falschen verdächtigt, weil sie ähnliche Gesichtsmerkmale aufweisen wie in der Datenbank gespeicherte Personen. Die Gesichtserkennung wird deshalb von Datenschutzbehörden in Deutschland und Holland scharf kritisiert.

Am Freitag startete in der Bern Arena, dem Stadion des SC Bern, der private Testlauf: Rund hundert Fans waren einverstanden, sich registrieren zu lassen. Ihre Gesichter wurden gescannt und in einer Pilotdatenbank gespeichert. Dann sollten sie versuchen, unerkannt ins Stadion zu gelangen. Der Start ging für Unisys schief. Zwar hatte der SCB die Presse kurzfristig ausgeladen: «Die normalen Sportreporter würden durch die Journalisten gestört werden», hiess es. Der «Tages-Anzeiger» hatte trotzdem eine Audienz erhalten und festgestellt: Das System erkannte keinen einzigen registrierten Fan.

Bonn: Das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat in einem Grundsatzpapier erklärt, was in Bern womöglich das Problem sein könnte: Gesichtserkennung sei «im Gegensatz zu anderen biometrischen Verfahren zwar besonders vorteilhaft, weil das Gesicht mit wenigen Ausnahmen öffentlich zugänglich und einfach zu fotografieren ist». Das «Objekt Gesicht» bewege sich dabei aber im freien Raum, was die Bildverarbeitung erheblich erschwere.

Zürich: Die EntwicklerInnen lassen sich davon nicht aufhalten. Die Technologie wird in naher Zukunft wohl gute Bildverarbeitung ermöglichen. Nach digitalisiertem Fingerabdruck, Iris-Scan und biometrischem Pass geht es mit der biometrischen Gesichtserkennung einen weiteren Schritt Richtung Überwachungsstaat. Am Flughafen Kloten läuft bereits seit zwei Jahren ein Pilotprojekt: Dort werden Gesichter von Personen aus Migrationsländern, «die ihr Gedächtnis über Nationalität und Herkunft verloren haben» (so Ulrich Neracher, Chef der Spezialabteilung Flughafenpolizei), über eine internationale Datenbank abgeglichen. Der Regierungsrat ist mit dem laufenden Test offenbar zufrieden. Das System funktioniere.

Dass die Gesichtserkennung von der Migrantenkontrolle am Flughafen auf andere Bereiche ausgeweitet wird, zum Beispiel Demonstrationen, ist nur eine Frage der Zeit. Denn Sicherheitsexperten, allen voran solche aus den USA, träumen schon von in Strassen, Bahnhöfen und Flughäfen installierten Kameras, welche die Gesichter der Passanten automatisch mit Verbrecherdatenbanken abgleichen.

Christoph Voegeli, Chef des Sicherheitsdienstes der Stadtpolizei Zürich und Leiter der Schweizerischen Zentralstelle Hooliganismus, macht kein Hehl daraus, dass Gesichtserkennung auf seinem Wunschzettel steht. Ein solches Verfahren brauche es aber auch rund um die Fussballstadien. «Es ist bekannt, dass sich mit Stadionverboten belegte Gewalttäter in den meisten Fällen nicht in die Stadien getrauen. Den Zoff gibt es meistens in der dritten Halbzeit, und die läuft ausserhalb des Stadions.» Mit mobilen Kameras könnten RandaliererInnen gefilmt werden, die Daten danach vom Computer ausgewertet werden.

Bern: Die Sicherheitsverantwortlichen der Euro 2008 zeigen sich gegenüber der Gesichtserkennung zurückhaltend. «Der Versuch des SC Bern wird zeigen, ob das System für uns ein taugliches Mittel sein könnte», sagt Martin Jäggi, Schweizerischer Sicherheitskoordinator der Euro 2008. Man werde erst später entscheiden, «ob und in welcher Form ein solches System an der Fussball-EM eingesetzt werden soll.»

Die rechtliche Grundlage fehlt bisher. Und die Gesichtserkennung ist auch kein Teil des Massnahmenkataloges des Bundesrats im Kampf gegen Hooligans an der EM, über den das Parlament demnächst berät. «Der Test hat mit der EM nichts zu tun. Er ist eine private Initiative», sagt Danièle Bersier, Mediensprecherin des Bundesamtes für Polizei. Im Kampf gegen Hooliganismus will die Polizei vor allem auf Prävention setzen: Rayonverbote, Ausreisebeschränkungen, Meldeauflagen, maximal 24-stündige Polizeigewahrsame, Erfassung von «notorischen Gewalttätern bei Sportveranstaltungen» in einer noch zu schaffenden, staatlichen Hooligandatenbank.

Der Eidgenössische Datenschützer Hanspeter Thür findet das System der Gesichtserkennung nicht sonderlich problematisch - «es gibt keinen Unterschied zur gängigen Praxis des Filmens im öffentlichen Raum». Der Hersteller müsse aber für die Richtigkeit der Daten garantieren, sodass Verwechslungen ausgeschlossen seien. «Wenn der Test in Bern keine eindeutigen Daten liefert, darf das System nicht eingeführt werden», sagt Thür. Ein Problem sieht der Datenschutzbeauftragte in der Beschaffung der Daten. «Auf die staatliche Hooligandatenbank werden die Vereine nicht zugreifen dürfen. Sie müssen eigene Datenbanken erstellen.»

Wien: In Österreich ist der Entscheid bereits gefällt: Dort wird es während der gemeinsam mit der Schweiz ausgetragenen EM keine Gesichtserkennung in den Fankurven geben. «Wir sehen dafür keine Notwendigkeit», sagt Michael Zoratti, Sicherheitsverantwortlicher des Österreichischen Fussballbundes. Ziel sei es ausserdem, dass Hooligans aus anderen Ländern erst gar nicht ins Land, oder zumindest nicht bis zum Stadion kämen. Kopfschmerzen bereite ihm sowieso vor allem die Situation rund um die Stadien, «drinnen haben wir die Situation im Griff». In Österreich sei die Situation zudem ruhiger als auch schon. «Die Zahl der Stadionverbote geht zurück.» Selbst wenn es anders wäre: Gesichtserkennung an Eingängen wäre logistisch nicht möglich, sagt Zoratti. «Das Stadion in Wien, in dem der Final stattfinden wird, fasst 52 000 ZuschauerInnen. Bei den 52 vorhandenen Drehkreuzen würde eine solche Kontrolle zu langen Staus führen.» Des Weiteren fehle, wie auch in der Schweiz, die Vergleichsmöglichkeit. Zwar arbeite man in Österreich ebenfalls an einer Datenbank, «doch diese steht nur der Polizei zur Verfügung, nicht den Vereinen.»

Zoratti erklärt, was dem Schweizer Sicherheitskoordinator Martin Jäggi vorschwebt, wenn er sagt, man werde prüfen, ob und in welcher Form eine Gesichtserkennung eingesetzt werde: In den österreichischen Stadien wird es nämlich in den «höchsten Sicherheitsbereichen» Gesichtserkennung geben, für Spieler, JournalistInnen und VIPs - «und zwar als Unterstützung für die Ordner». «Akkreditierungen für diese Bereiche gibt es nur mit Foto der betreffenden Personen. Aus diesen Fotos kreieren wir die Datenbank.» Nicht also Hooligans, sondern Fifa-Präsident Joseph Blatter, die Sportreporter aus aller Welt, Fussballstars wie möglicherweise David Beckham oder der Schweizer Valon Behrami werden in der Gesichtserkennungs-Datenbank landen.

Weltmeister- und Europameisterschaften sind zu Forschungslabors für biometrische Experimente geworden. Neu ist diese Entwicklung nicht: Die heute zum Beispiel im Asylbereich gängigen Praktiken wie Rayonverbote, Meldepflicht, Ausreiseverbote, der Einsatz von Verbindungsbeamten im EU-Bereich, wurden ebenfalls erstmals im grossen Stil an solchen Fussballanlässen getestet. So sind natürlich auch die Organisatoren der WM 2006 in Deutschland an der jungen Technologie der Gesichtserkennung interessiert, die 1994 erstmals vom US-amerikanischen Verteidigungsministerium getestet worden war. Doch auch anderes wird in Deutschland erstmals eingesetzt: Die WM-Tickets sind mit einem Chip versehen, einer «Radio Frequency Identification». Es registriert die Ankunft des Ticketinhabers im Stadion. Behält jemand das Ticket auf sich, kann sein Standort im Stadion von Funksensoren geortet werden. Und weil von den 3,2 Millionen Tickets nur bekommen konnte, wer seine Daten angab - inklusive Passnummer - weiss die Polizei auch, wer das ist. Vorausgesetzt natürlich, die Person hat ihr Ticket nicht verkauft, verschenkt, verloren oder im Stadion weggeworfen.

Bern: In der Bern Arena geht der biometrische Testlauf weiter. Die Verantwortlichen laden nun doch noch zur Demonstration für «sämtliche Medienschaffende». Dass das System die registrierten Fans im ersten Anlauf nicht erkannt habe, müsse an der falschen Beleuchtung gelegen haben, sagt Urs Schmied, Direktor Biometrie bei Unisys. Der Direktor lässt deshalb als Nächstes beim Eingang eine Lampe aufstellen. ◊