NGO-Verbot im Gazastreifen: Angriff auf humanitäre Hilfe

Nr. 7 –

Israel will 37 Hilfsorganisationen, darunter Ärzte ohne Grenzen, aus dem Gazastreifen verdrängen. Ein Besuch in einem Feldlazarett zeigt, was das für die humanitäre Lage vor Ort bedeutet.

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Feldlazarett der Ärzte ohne Grenzen in Zentralgaza
Mindestens 170 000 Pa­läs­ti­nen­ser:in­nen sind seit Oktober 2023 bei Angriffen verletzt worden: Feldlazarett der Ärzte ohne Grenzen in Zentralgaza.

Es seien fünf Kugeln gewesen, erinnert sich Muhammad Abu Said. Eine israelische Quadrokopterdrohne habe Anfang Januar trotz Waffenruhe aus nächster Nähe auf das Zelt seiner Familie nahe der sogenannten gelben Linie gefeuert.

Die Kugeln zerfetzten das Dach, bevor sie Abu Said in die Schulter und seine zwölfjährige Tochter Kinsi in die Hüfte trafen. «Ihre Schreie haben mich so geschockt, ich habe meine eigene Verletzung erst nicht gespürt», sagt er. Der palästinensische Rettungsdienst konnte sich dem Ort nahe der israelischen Stellungen nicht nähern, der verletzte Abu Said trug seine blutende Tochter selbst eineinhalb Kilometer weit, bis Sanitäter das Mädchen in ein Spital brachten.

Einen Monat später steht Abu Said im Feldlazarett der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) in al-Sawaida in Zentralgaza an Kinsis Bett. Nach zwei Operationen in anderen Krankenhäusern haben sich die Wunden erneut entzündet. Bei MSF hofft der frühere Anwalt auf Hilfe für seine Tochter.

Das Mädchen schaut müde unter einer Fleecedecke hervor, ihr linkes Bein ist geschient. «Die Kugel hat den Beckenknochen und den Darm verletzt und beim Austritt eine grosse Wunde hinterlassen», sagt der palästinensische MSF-Arzt Murad Asalidscha. «Wir wollen heute den Dickdarm operieren.» Später könnten wegen der Knochenbrüche weitere Eingriffe nötig sein. Doch geht es nach Israel, muss die Hilfsorganisation die Zelte bis Ende Februar abbauen und die Arbeit einstellen.

Betonwürfel vor dem Zelt

Seit Oktober 2023 sind dem Gesundheitsministerium im Gazastreifen zufolge mindestens 170 000 Palästinenser:innen bei Angriffen verletzt worden. Die Nachsorge für viele der Verwundeten gewinnt zunehmend an Bedeutung, auch wenn von einer Waffenruhe kaum die Rede sein kann: Seit deren Inkrafttreten wurden mehr als 500 Palästi­nenser:innen getötet, Israels Armee kontrolliert entlang einer mit gelben Betonblöcken markierten Zone mehr als die Hälfte des Gazastreifens und schiesst auf jeden, der sich nähert.

Satellitenbilder zeigen, dass die Soldaten die Markierungen immer weiter in den Gazastreifen hinein verschieben. Kurz vor dem Angriff, erzählt Abu Said, hätten sie einen Betonwürfel hundert Meter vor ihrem Zelt platziert. Die belgische Notärztin Emily Vandamme, die für MSF ansonsten in der Notaufnahme des Al-Aksa-Krankenhauses arbeitet, sagt: «Alle drei bis vier Tage sehen wir Verletzungen durch Drohnen oder Scharfschützen.»

Die Versorgungslage bleibt derweil prekär: Nur vierzig Prozent der medizinischen Einrichtungen im Gazastreifen sind laut der Weltgesundheitsorganisation WHO zumindest teilweise in Betrieb. Ein Grossteil der mehr als zwei Millionen Bewohner:innen lebt wie die Familie Abu Said in Zelten. Zwar werden wieder mehr Nahrungsmittel und Zeltmaterial eingeführt, doch der Wintereinbruch hat die Menschen schwer getroffen. Mindestens elf Kinder sollen in den vergangenen Monaten erfroren sein. Die Einfuhr vieler Medikamente wird weiterhin blockiert.

Muhammad Abu Said sagt: «Kinsi hat sich gewünscht zu sterben, wenn sie nie wieder gehen könnte.» Die MSF-Ärzte hätten sich Zeit für sie genommen und die Behandlung erklärt. Das Mädchen habe wieder Zuversicht gezeigt. «Wenn sie schliessen, wird das Menschen das Leben kosten und meine Tochter die Hoffnung.»

Zweifelhafte Kooperation

Mit dem Ende der Kämpfe im vergangenen Oktober hätte humanitäre Hilfe nach Gaza kommen sollen, Israel wäre völkerrechtlich dazu verpflichtet, Organisationen dabei zu unterstützen. Stattdessen gab die Regierung Ende Dezember bekannt, MSF und 36 weiteren NGOs keine Arbeitsgenehmigung mehr zu erteilen, darunter auch Oxfam, Ärzte der Welt, Terre des hommes. Vordergründig wird das bürokratisch begründet: Israel fordert Listen aller lokalen Mitarbeiter:innen, um Verbindungen zu militanten Gruppen auszuschliessen. Mehrere Organisationen, darunter MSF, weigern sich, dem nachzukommen. Israels Armee habe seit Kriegsbeginn mehr als 1700 Mitarbeiter:innen des Gesundheitssystems getötet, darunter 15 ihrer Mitarbeiter:innen, so MSF.

Dass die israelischen Behörden mit ihren Drohungen ernst machen würden, war zu erwarten: 2024 hatte Israel bereits das Uno-Hilfswerk UNRWA verboten – mit 13 000 Mitarbeiter:innen die wichtigste Hilfsorganisation vor Ort. Stattdessen setzte die Regierung von Benjamin Netanjahu auf die Gaza Humanitarian Foundation, bei deren chaotischen Verteilstellen mehr als 2000 Hilfesuchende erschossen wurden, mehrheitlich von der israelischen Armee.

ein Arzt spricht mit Muhammad Abu Said und seiner Tochter Kinsi, welche in einem Spitalbett liegt
«Wenn das Spital schliesst, wird das meine Tochter die Hoffnung kosten»: Muhammad Abu Said mit seiner Tochter Kinsi im Lazarett der Ärzte ohne Grenzen.

Noch etwas erinnert an das Vorgehen gegen die UNRWA: Rechtsnationalist und Diasporaminister Amichai Chikli warf MSF wiederholt vor, «Terroristen zu beschäftigen». Wie bei der UNRWA reichen dafür Verdachtsfälle, Hinweise hat Israel nur gegen einen einzigen 2024 getöteten Mitarbeiter vorgebracht – Fotos, die ihn in einer Uniform des radikalen Islamischen Dschihad in Palästina zeigen sollen. MSF wies die Vorwürfe zurück, man beschäftige niemals wissentlich Personen, die an militärischen Aktionen beteiligt seien, und prüfe jede:n Mitarbeiter:in.

Dass ein Einlenken seitens MSF etwas gebracht hätte, darf zudem bezweifelt werden. Laut den neuen Richtlinien für NGOs können Anträge aus diversen politischen Gründen abgelehnt werden. Unter diesem Gesichtspunkt ergibt auch die Zusammensetzung der Liste Sinn: MSF und andere abgelehnte NGOs verbindet, dass sie das Vorgehen Israels kritisiert haben, etwa von systematischen Angriffen auf das Gesundheitssystem sprechen.

Am Telefon sagt Will Edmond, Nothilfekoordinator für MSF in Gaza: «Wir stellen uns auf keine Seite. Doch es ist wichtig, über das zu sprechen, was wir hier sehen.» Weil Israel seit zweieinhalb Jahren internationalen Medien den Zugang zum Gazastreifen verwehrt, gelten Berichte von humanitären Helfer:innen als wichtige Informationsquellen. Ein Mitarbeiter einer anderen NGO, der anonym bleiben will, sagt, Hilfsorganisationen hätten sich zwischen politischen Äusserungen und der Möglichkeit, zu helfen, entscheiden müssen. «So ein Vorgehen sehen wir sonst in autokratischen Staaten zur Einschränkung der Zivilgesellschaft.»

Aus NGO-Kreisen heisst es, einige der betroffenen Organisationen wollten ihre Arbeit über lokale Partner fortsetzen. Ein paar haben die neuen israelischen Vorschriften akzeptiert, das International Medical Corps etwa betreibt drei Feldlazarette, äussert sich aber kaum öffentlich zur Situation in Gaza. Andere Gruppen wie die evangelikale Samaritan’s Purse, die in der Vergangenheit die umstrittene Gaza Humanitarian Foundation unterstützt hat, haben einen deutlich ideologischen oder religiösen Hintergrund.

Keine Labortechnik und Medikamente

Israel spielt derweil die Bedeutung von MSF herunter: Sie betrieben «nur zwei von fünfzehn Feldlazaretten» und hätten seit dem Beginn der Waffenruhe kaum Hilfsgüter eingeführt. Im Feldlazarett in Al-Sawaida hält Doktor Asalidscha dagegen: Israel blockiere 45 MSF-Transporte ausserhalb des Gazastreifens. Mit rund 1100 lokalen und 43 internationalen Mitarbeiter:innen zählt MSF zudem zu einer der grössten NGOs vor Ort. Im letzten Jahr habe man 23 000 Operationen und 800 000 medizinische Beratungen durchgeführt, teilt eine Sprecherin mit. Laut Doktor Asalidscha entlasten die 110 Betten grosse Kliniken bei komplizierten Fällen, etwa Brandverletzungen. In sechs lokalen Spitälern unterstütze MSF zudem das lokale Personal, bilde palästinensische Kolleg:innen aus oder betreibe eigene Abteilungen, etwa Kinderintensivstationen.

MSF-Nothilfekoordinator Will Edmond sagt: «Kaum jemand kann im Gesundheitsbereich unsere Bandbreite abdecken, von der Primärversorgung in mobilen Gesundheitsposten bis zu spezialisierten chirurgischen Eingriffen und deren Nachbehandlung.» Er leitet zudem ein MSF-Programm zur Wasseraufbereitung, das 600 000 der zwei Millionen Menschen im Gazastreifen mit Trinkwasser versorgt.

Muna Baschir aus Deir al-Balah sitzt im Feldlazarett auf einem der Betten, Verbände um beide Hände. Seit einem Jahr bekommt die Zwanzigjährige immer wieder wunde Stellen, unter denen sich eine Krankheit bis auf die Knochen in ihr Gewebe frisst. Ein Pfleger hat die Wunden gereinigt. «Morgen haben sie für mich eine Operation geplant, um mehrere infizierte Sehnen zu entfernen», sagt sie. Danach werde sie ihre Hand nicht mehr bewegen können, rekonstruktive Verfahren seien nur ausserhalb des Gazastreifens möglich. Die medizinischen Folgen der Zerstörung gehen oft über Kriegsverletzungen hinaus, die Anforderungen ans Gesundheitssystem steigen zunehmend.

«Ohne ein Labor können wir Krankheiten wie diese nicht diagnostizieren», sagt Doktor Asalidscha. Die Einfuhr von Labortechnik aber sei abgelehnt worden. Während des Krieges hätten sie zudem oft lebensrettende Eingriffe gemacht, «jetzt kommen viele Patienten mit ­Langzeitfolgen» – etwa chronischen Krankheiten, Epilepsie, Diabetes, für die es kaum Medikamente gebe. Laut der WHO warten 18 500 Schwerkranke auf eine Behandlung im Ausland. Mindestens 900 sollen allein seit der Einnahme von Rafah durch Israel im Mai 2024 bereits gestorben sein.

Auch Abu Said wünscht sich für seine Tochter eine Ausreise. «Sie soll wieder laufen können», hofft der Vater. Anfang Februar öffnete der Grenzübergang in Rafah wieder für den Personenverkehr. Am ersten Tag durften fünf Patient:innen ausreisen.