Nr. 04/2006 vom 26.01.2006

Haben Sie Angebote?

Interview: Susan Boos

WOZ: Ihre Gegnerin, die FDP-Regierungsratskandidatin Saskia Frei, ist unter Beschuss geraten. Ihr Mann hat Verbindungen zum Rotlichtmilieu, und sie will am 12. Februar [2006] zur Sicherheitsdirektorin von Basel-Stadt gewählt werden. Ein Skandal?
Agatha Wirth: Die Geschichte überrascht mich nicht, obwohl ich sie nicht erwartet habe. Unerträglich finde ich, wie jetzt darüber diskutiert wird: In TeleBasel debattierte eine Männerrunde über Freis Kandidatur und ihren Mann, der Verwaltungsrat einschlägig bekannter Nightclubs ist – in einem seiner Clubs kam es schon zu einer Razzia, weil dort Frauen illegal beschäftigt wurden. Die Arbeitsbedingungen dieser Frauen waren in der TV-Männerrunde kein Thema. Die Konstellation finde ich schon absurd: Saskia Frei fordert öffentlich eine knallharte Linie in der Sozialhilfe – derweil ihr Gemahl Geld verdient mit Frauen, die in prekärsten Verhältnissen leben.

Es erinnert irgendwie ans Kopp-Drama: Bundesrätin stolpert über luschen Ehemann. Umgekehrt wird nie gestolpert ...
Absolut richtig. Ich war glücklicherweise Ende letzter Woche, als die Story hochkam, nicht da. Das hat mich davor bewahrt, öffentlich Stellung nehmen zu müssen. Ich schaue einfach höchst verwundert zu.

Inzwischen haben Sie sich an einem Podium persönlich mit Frei duelliert. Was sagt Frei über Sie?
Das wurde sie an diesem Podium gefragt, und sie sagte: Frau Wirth ist eine sehr anständige Person und pöbelt nicht rum, aber nur aus Betroffenheit könne man natürlich nicht Politik machen. Da bin ich ihr – zum ersten Mal an jenem Abend – ins Wort gefallen: Man muss wahrlich nicht betroffen sein, um zu begreifen, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. Zuvor kamen noch einige fiese Bemerkungen aus dem Publikum.

Welcher Art?
Jemand sagte, ich solle erklären, wo und wann ich gearbeitet und von wann bis wann ich Arbeitslosengelder bezogen habe. Es ist kein Geheimnis, dass ich seit dem 1. Januar [2006] wieder am Stempeln bin. Ich fragte den Herrn dann, ob er mir ein gutes Jobangebot habe. Glücklicherweise mischten sich noch einige Betroffene in die Debatte und berichteten, wie es ist, über drei Jahre auf eine IV-Rente zu warten und gleichzeitig einen todkranken Mann zu pflegen, oder als Jugendlicher jahrelang arbeitslos zu sein.

Was sagen Sie über Saskia Frei?
Sie ist kompetent und sachlich, aber 
sie hat keine Ahnung davon, was es bedeutet, in prekären Verhältnissen zu leben.

Frei gilt als rechte Hardlinerin, trotzdem wird Ihre Kandidatur weder von den Gewerkschaften noch von der linken BastA! offiziell unterstützt. Einzig die PdA steht hinter 
Ihnen. Was ist da los?
Ich verstehe es nicht ganz. Ich habe keine klassische Politkarriere hinter mir, gehöre nirgends wirklich dazu, passe in keine Schublade und nicht in die Parteiprogramme. In dieser Stadt sind alle miteinander verbandelt. Seit einem Jahr regiert in Basel-Stadt eine rot-grüne Mehrheit. Da weder SP noch Grüne diese gefährden wollen, halten sie sich vornehm zurück.

Sie sind auf Arbeitssuche. Haben Sie Angebote?
Es ist härter als vor einem Jahr ... offensichtlich ist es auf dem Stellenmarkt noch enger geworden. Ich habe noch zwanzig Arbeitsjahre vor mir und will etwas tun, das mir entspricht, zum Beispiel Coaching. Ich habe letzte Woche eine tolle neue Weiterbildung begonnen.

Was genau?
«Systemisches Coaching» am Frauenseminar Bodensee. Das ist genau das, was ich brauche: sehr lösungsorientiert. Das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zahlt zwar nichts daran, aber meine RAV-Beraterin unterstützt, dass ich diese Ausbildung mache.

Würden Sie wieder kandidieren?
Das kann ich nicht sagen. Ich mache mir jetzt schon Sorgen, es könnte zu einem zweiten Wahlgang kommen und ich müsste noch mehr Zeit reinstecken (lacht). Ich habe viel gelernt, das möchte ich nicht missen. Der erste Schritt ist getan: Die Armutsliste ist im Gespräch, die Medien mussten unsere Anliegen thematisieren. Dank an alle, die mitgeholfen haben.

Agatha Wirth (43) ist Betriebsökonomin, Naturheilärztin, Pharmaassistentin und alleinerziehende Mutter. Sie kandidiert für die Armutsliste für den Regierungsrat von Basel-Stadt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch