Peter Luisi: Sein neuer Kreativpartner ist etwas beschränkt

Nr. 11 –

Für «Bon Schuur Ticino» ist Peter Luisi beim Schweizer Filmpreis zum dritten Mal für das beste Drehbuch nominiert. Doch das ist nicht das Erstaunlichste am Grosserfolg dieser Komödie.

Portraitfoto von Peter Luisi
«Viele Leute denken immer noch, wenn etwas lustig ist, sei es keine Kunst.» Umso mehr freut sich Peter Luisi über die Anerkennung aus der Filmbranche.

Irgendwann im Gespräch sagt er ihn selber, den Satz, der in seinem Film vielleicht ein wenig zu oft als Gag bemüht wird. Aber bei ihm ist es jetzt nicht als Pointe gedacht: «Ich kann kein Französisch.» Und Peter Luisi lächelt dabei, als sei ihm das schon auch ein bisschen peinlich.

Es ist seine Antwort auf die Frage, ob er seine Komödie «Bon Schuur Ticino» in der Westschweiz persönlich vorgestellt habe. Denn das ist wohl das Erstaunlichste am Grosserfolg dieses Films, in dem Französisch per Volksinitiative zur alleinigen Landessprache erhoben wird: dass es dem Zürcher Luisi damit auch gelungen ist, den Röstigraben zu überwinden – gerade bei Komödien ist das sonst ein Ding der Unmöglichkeit.

Ein erfolgreicher Kinofilm aus der Deutschschweiz macht, wenn es hoch kommt, gerade mal zehn Prozent seiner Eintritte in der Romandie; bei Komödien ist es in der Regel noch viel weniger. Populäre Filme wie «Achtung, fertig, Charlie!», «Mein Name ist Eugen» oder zuletzt «Wolkenbruch»? In der Westschweiz waren sie im Kino vergleichsweise inexistent, wie aus der Statistik des Branchenverbands Pro Cinema hervorgeht. Ganz anders «Bon Schuur Ticino». Von derzeit über 340 000 Eintritten hat der Film rund zwanzig Prozent in der Romandie gemacht (speziell gut läuft er im Tessin, wo sich im Film der separatistische Widerstand formiert). Die Kritiken in der Westschweiz waren auch nicht nur positiv, aber insgesamt wohlwollender. Auf Französisch klingt der Film auch etwas frecher, als er ist: Er läuft dort unter dem Titel «Ciao-Ciao Bourbine» («Bourbine», eine Verballhornung von «Buchbinder», ist ein abschätziges Wort für Deutschschweizer:innen).

Bissige Satire? Nicht sein Stil

Was auch nicht unbedingt zu erwarten war: «Bon Schuur Ticino» ist jetzt zumindest in einer Kategorie für den Schweizer Filmpreis nominiert – für das Drehbuch, das Luisi zusammen mit seinem Hauptdarsteller Beat Schlatter geschrieben hat. Anders als Michael Steiner, der zuletzt medienwirksam seinen Austritt aus der Schweizer Filmakademie verkündete, nachdem diese seinen Film «Early Birds» in keiner Kategorie nominiert hatte, ist Luisi dort immer noch Mitglied – obwohl er mehr Grund gehabt hätte, gekränkt zu sein. Die Nominierung für «Bon Schuur Ticino» ist seine erste seit über zehn Jahren, nach «Der Sandmann» (2011) war keiner seiner folgenden vier Filme mehr nominiert gewesen.

Die Anerkennung aus der Branche freut ihn, aber Luisi weiss auch: «Wer Komödien macht, muss sich damit abfinden, dass einem solche Preise nicht zufliegen – ausser vielleicht Publikumspreise. Viele Leute denken immer noch, wenn etwas lustig ist, sei es keine Kunst. Ich muss damit leben, dass das eine verbreitete Meinung ist.» Sofern das ein Trost für ihn ist: Das ist nicht nur bei Filmpreisen in der Schweiz so, bei den Oscars ist es auch nicht anders.

Angefangen hat alles bei einem gemeinsamen Abendessen mit Beat Schlatter, zu Hause bei Patrick «Karpi» Karpiczenko. 2017 war das, im Vorfeld der No-Billag-Initiative. «Was kommt wohl als Nächstes?», soll Schlatter dazu gesagt haben – und schlug dann eben eine Initiative für nur noch eine Landessprache vor: «No Bilingue». Er habe dann die ganze Nacht nicht geschlafen deswegen, erzählt Peter Luisi jetzt bei einem Fruchtsaft in einem Café in Zürich. Am anderen Morgen rief er Schlatter an, und aus der Tischpointe wurde eine Filmidee. Es ist dann eine sehr konkordante Screwball-Comedy geworden: «Bon Schuur Ticino» ist ein Film, über den sich alle Landesteile quer durch alle politischen Lager über die Einzigartigkeit der mehrsprachigen Schweiz vergewissern können. «Wir wollten schon auch zelebrieren, dass es etwas Schönes ist, verschiedene Landessprachen zu haben», sagt Luisi dazu. Die bissige Satire sei nun mal nicht sein Stil: «Ich kann nur die Filme machen, an denen ich selber Freude habe.»

Und jetzt ein Experiment

Nicht nur Freude macht ihm jetzt der neue kreative Partner, den er sich für seinen nächsten Film gesucht hat: einer, der beängstigend gut schreiben könne, auch wenn er noch etwas beschränkt sei. Der Autor des Drehbuchs heisst: Chat GPT.

Luisi macht also in voller Absicht einen Film, «bei dem ich selber weiss, wo man das Drehbuch hätte besser machen können». Ein Experiment, sagt der 48-Jährige. Aber eines mit einer erklärten Ambition dahinter: «The Last Screenwriter» soll der erste Langspielfilm sein, dessen ganzes Drehbuch von einem Chatbot geschrieben wurde. Der Film handelt von einem Drehbuchautor, der feststellt, dass der Computer besser schreibt als er – eine Metafiktion über kreatives Handwerk in Zeiten künstlicher Intelligenz. Von Luisi stammt nur die Grundidee, die ganze Schreibarbeit hat er in einem mehrstufigen Prozess an den Chatbot delegiert. Korrigierend eingegriffen habe er nicht, sagt Luisi. «Kein Wort ist von mir, ich habe nichts geändert, nur gekürzt. Der Plot, die Figuren, die einzelnen Szenen: Alles hat der Computer geschrieben.» Er findet es immer noch unglaublich, dass das heute möglich ist. Und ja, auch etwas beängstigend.

In dem Film, den der Chatbot geschrieben hat, sagt der Drehbuchautor zum Computer, dieser könne ja nur rezyklieren – bei ihm komme immer nur das heraus, was er schon kenne. Worauf der Computer antwortet: Bei ihm, dem menschlichen Autor, sei das ja nicht anders. So, wie auch Peter Luisi seinen Hintergrund hat: «Ich bin mit Filmen wie ‹Back to the Future› aufgewachsen, habe gewisse Bücher gelesen, gewisse Geschichten von meinem Vater erzählt bekommen – und wenn ich das neu verwurste, habe ich das Gefühl, es sei etwas Kreatives herausgekommen. Aber eigentlich ist es auch nur ein Remix von allem, was ich erfahren habe.» Klar könne er neue Verbindungen herstellen – aber das könne der Computer auch: «Er kann auf Hindumythologien zugreifen, die mir nicht zugänglich sind. Eigentlich wäre er uns überlegen. Das ist er noch nicht. Aber wer weiss, wie lange noch.»

Ein Schaf am Gotthard

Luisi hat den Film bereits abgedreht, dank des Grosserfolgs von «Bon Schuur Ticino». Finanziert hat er «The Last Screenwriter» vollumfänglich mit Geldern der erfolgsabhängigen Filmförderung. «Succès Cinéma» heisst dieses automatische Förderinstrument, wie es etwa beim Bund und bei der Zürcher Filmstiftung besteht: Populäre Filme werden mit Erfolgsprämien belohnt, die dann in neue Projekte investiert werden müssen. Dank «Bon Schuur Ticino» konnte sich Luisi diesmal also den langwierigen Umweg über Fördergesuche sparen. Bei der selektiven Filmförderung ist er oft genug aufgelaufen seit seinem Debüt «Verflixt verliebt» damals, vor zwanzig Jahren.

Und auch wenn man heute vielleicht den anarchischen, auch surrealen Witz von Luisis frühen Filmen vermisst: Es gibt Momente, da blitzt auch in «Bon Schuur Ticino» etwas davon auf. Etwa in der Szene, in der ein junger Soldat verloren am Gotthard herumsteht, am Rücken ein Fell zur Tarnung, nur weiss er gar nicht, was er damit anstellen soll. Die Pointe ist auch deshalb so gut, weil sie im Film nicht ausgesprochen wird: der Schweizer Soldat, ein Schaf im Schafspelz.

«Bon Schuur Ticino» ist soeben auf DVD erschienen, läuft aber auch weiterhin im Kino.

Schweizer Filmpreis : Der Quartz wird zur Farce

Gibt es in der Schweiz derzeit nur einen wirklich herausragenden Filmmusiker? Das ist offenbar die vorherrschende Meinung in der Filmakademie, wenn es um den Schweizer Filmpreis geht. 2023 ging die Auszeichnung an Nicolas Rabaeus für seine Musik zum Film «Foudre». Und in diesem Jahr? Ist Nicolas Rabaeus schon wieder nominiert. Nicht nur einmal, auch nicht doppelt. Nein, alle drei Nominierungen für die beste Filmmusik gingen an: Nicolas Rabaeus, Nicolas Rabaeus und Nicolas Rabaeus – für seine Musik zu den Spielfilmen «Bisons», «Rivière» und «The Land Within».

«Ein Zufall», sagt der Filmemacher Samir als Kopräsident der Filmakademie und verweist darauf, dass es sich um eine demokratische Abstimmung der Mitglieder handle. Für eine Statutenänderung, die solche Fälle künftig verhindern würde, sieht er «keine Dringlichkeit» – bei Bedarf müsse das an einer Generalversammlung beantragt werden. Aber auch beim Bundesamt für Kultur (BAK) sieht man keinen Anlass für Anpassungen. Weil der Bund das Wahlverfahren formell nicht an die Filmakademie auslagern darf, setzt er jeweils eigens eine Kommission ein, die die Nominierungsvorschläge der Akademie prüft. Hat diese Kommission hier versagt? Nun, Interventionen sind offenbar gar nicht vorgesehen: Die Nominierungskommission, so teilt das BAK auf Anfrage mit, übernehme in der Regel die Empfehlungen der Akademie und greife «nur bei formalen Fehlern» korrigierend ein.

Nun hat der Schweizer Filmpreis mit seiner Trophäe, dem Quartz, den erklärten Zweck, das öffentliche Ansehen des hiesigen Filmschaffens zu fördern. Wenn in einer Kategorie alle Nominierungen an dieselbe Person gehen, wie jetzt beim Rabaeus-Hattrick, geschieht das Gegenteil. Der Quartz wird zur Farce. Aussenwirkung: peinlich.

Der Schweizer Filmpreis steht immer wieder in der Kritik. Die Romandie sei in der Filmakademie übervertreten, klagte Regisseur Michael Steiner, als er jüngst aus Protest austrat – ein Vorwurf, der statistisch nicht haltbar ist. Oft wird auch moniert, dass populäre Filme konsequent übergangen würden – ein absurder Vorwurf, weil es beim Schweizer Filmpreis gerade nicht darum geht, Publikumserfolg zu honorieren, sondern künstlerische Leistungen (was sich decken kann, aber nicht muss). Populäre Kinofilme werden im hiesigen Fördersystem mit Succès-Cinéma-Prämien belohnt. Die Preisgelder, die mit einer Nominierung für den Schweizer Filmpreis verbunden sind, gehen auf die Qualitätsprämien des Bundes für künstlerisch herausragende Filme zurück; der Preis selber ist undotiert.  

Die Schweizer Filmpreise werden am 22. März 2024 in Zürich verliehen. Alle nominierten Filme sind in der «Woche der Nominierten» vom 18. bis 24. März 2024 im Filmpodium Zürich zu sehen.