Nr. 15/2017 vom 13.04.2017

Wer protestierte, galt als «Sympathisant»

Mit den Schüssen auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback am Gründonnerstag 1977 ereignete sich in Deutschland ein «kleiner Epochenbruch», wie damals der Schriftsteller Friedrich Christian Delius feststellte. Aufgearbeitet ist er bis heute nicht.

Von Ulrike Baureithel

September 1977: In den Räumen einer Versicherungsgesellschaft in Karlsruhe packt ein junger Familienvater seine Siebensachen. Draussen wartet die Polizei auf ihn, um ihn aus dem Gebäude abzuführen. Entlassung und Hausverbot. Einige Tage zuvor hatte er sich in einer Diskussion mit KollegInnen nicht deutlich genug von der RAF, der Roten Armee Fraktion, distanziert. Trotz heftiger Kritik an ihren Anschlägen zeigte er Verständnis für ihre Ziele. Ein Kollege hat ihn daraufhin verpfiffen. Ein «Sympathisant»! Das seit Mitte der siebziger Jahre kursierende Label konnte im «Deutschen Herbst» existenzielle Folgen haben.

Deutscher Herbst. Schon der Begriff ist umflort von Niedergang und Depression. Er umfasst die Ereignisse, die ihren Ausgang am Morgen des Gründonnerstag 1977 nehmen, als in der Karlsruher Innenstadt Generalbundesanwalt Siegfried Buback von einem Motorrad aus erschossen wird, und endet mit der Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und dem Tod der RAF-Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim. Eine Fussnote vielleicht nur in der an dunklen Kapiteln nicht eben armen deutschen Geschichte. Aber eine, die sich den ZeitgenossInnen eingeprägt hat.

«Um die Konflikte auf die Spitze zu treiben», verkündet die 1970 gegründete, damals noch sogenannte Baader-Meinhof-Gruppe, «bauen wir die Rote Armee Fraktion auf.» Sie versteht sich als Teil des internationalen revolutionären Guerillakampfs und will die Bevölkerung gegen den besonders in Deutschland als faschistoid wahrgenommenen Staatsapparat mobilisieren. Die von der RAF ab 1972 verübten Sachanschläge rufen zwar den Polizeiapparat auf den Plan, nicht jedoch die revolutionsbereiten Massen. Im Mai 1972 werden zunächst Baader, Raspe, Ensslin und Holger Meins, im Juni Ulrike Meinhof verhaftet.

Mit der «Offensive 77» fordert dann die zweite Generation der RAF um Brigitte Mohnhaupt den Staat heraus – mit dem einzigen Nahziel, die RAF-Gefangenen freizupressen. Die Schüsse auf Siegfried Buback sind der Auftakt zur «Entscheidungsschlacht» zwischen RAF und deutschem Staat. «Hier hat», notierte der Schriftsteller Friedrich Christian Delius damals, «ein kleiner Epochenbruch stattgefunden. Dem musst du dich stellen.»

Stellen mussten sich alle: der Staat, der «sich nicht erpressen lassen wollte», wie der sozialdemokratische Bundeskanzler Helmut Schmidt nach der Entführung Schleyers am 5. September 1977 erklärte. Die zwischen Sympathie und Abscheu zerrissene Linke. Und jeder Bürger, jede Bürgerin, von dem oder der verlangt wurde, sich bedingungslos in die Phalanx des unbeugsamen Staats einzureihen.

Manipulierte Medien

In Stuttgart-Stammheim hatte der Staat 1974 einen Symbolknast errichten lassen: Hier hält er seine Vorzeigegefangenen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Jan Carl Raspe und Holger Meins von den übrigen Häftlingen separiert und führt sie bei Prozessen vor, als wolle er mit einer ganzen Generation abrechnen. Der Druck im Innern des Gefängnisses wird über Anwälte und Angehörige nach aussen getragen und skandalisiert. Das böse Wort von der Isolationsfolter macht die Runde und veranlasst viele empörte junge Leute, sich in «Folterkomitees» für die Häftlinge zu engagieren.

Schon vorher, in der Haftanstalt Köln-Ossendorf, hatte man Ulrike Meinhof im «Toten Trakt» begraben, in einer schalldichten Zelle, die auch nachts von Neonlicht erleuchtet war. Die Gefangenen wehren sich mit wiederholten Hungerstreiks, an deren Folgen Holger Meins im November 1974 stirbt. Für die Linke werden er und später Meinhof zu MärtyrerInnen. Auch wenn die Linke die Mittel der RAF ablehnt, sich von ihrer Gewalttätigkeit distanziert, bleibt doch jene zur Legende gewordene «klammheimliche Freude», die in dem berüchtigten «Mescalero»-Nachruf nach der Buback-Ermordung in einer Göttinger StudentInnenzeitung zum Ausdruck gebracht wird und für Empörung sorgt.

Die Anschläge der RAF erweisen sich jedoch als Fehlschläge: Die geplante Entführung des Bankers Jürgen Ponto im Juli 1977 misslingt, weil Christian Klar die Nerven verliert, abdrückt und Ponto erschiesst, und die im August gegenüber der Bundesanwaltschaft installierte Stalinorgel geht nicht los. Mit jedem Misserfolg gerät die neu rekrutierte RAF mehr unter Druck.

Die Entführung Schleyers ist als Letztschlag geplant für die «big Raushole» der Häftlinge. Sie bietet beiden Seiten Anlass, den Konflikt auf die Spitze zu treiben. «Entweder wir kommen durch oder wir sterben», hatte Karl-Heinz Dellwo bereits 1974 bei der Botschaftsbesetzung in Stockholm als Losung ausgegeben. Der Staat wiederum bietet 1977 bis über die Grenze des Rechtmässigen hinaus alles auf, um seine GegnerInnen in die Knie zu zwingen: eine endlose Reihe von Ausnahmegesetzen, seinen Polizeiapparat, ausgestreute falsche Gerüchte und eine nie da gewesene Medienmanipulation.

Doch trotz dieses Aufmarsches geballter Staatsmacht kann das Schleyer-Versteck nicht ausfindig gemacht werden und der Staat einen seiner höchsten Repräsentanten nicht schützen. Dessen Konterfei mit dem Logo der RAF über dem Kopf geht um die Welt. «Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik», so Delius, «sah man einen ehemaligen SS-Mann leiden.»

Am 19. Oktober 1977 wird Schleyer im französischen Mulhouse erschossen aufgefunden, nachdem die Sondereingreiftruppe GSG 9 die entführte Lufthansa-Maschine in Mogadischu befreit hat und die Führungsköpfe der RAF unter ungeklärten Umständen in Stammheim Selbstmord begangen haben. Im Nachhinein erst wird klar: Schleyer wurde der Staatsraison geopfert, seine Familie wochenlang in die Irre geführt.

Die Hysterie war umfassend

Die Stimmung im Deutschen Herbst war zum Zerreissen gespannt. Sie spiegelte wider, was diese selbsternannte hybride «Armee» und die noch aus der NS-Generation stammenden «Frontschweine» in der Staatsführung, die zumindest diesen Krieg gewinnen wollten, vorexerzierten. Die Tatsache, dass ehemalige führende NSDAP-Mitglieder wie Kurt Georg Kiesinger oder Nazi-Juristen wie Hans Filbinger in der Bundesrepublik hohe Ämter bekleiden konnten, war keineswegs nur für die RAF ein Skandalon. Auch Hanns Martin Schleyer wurde damals von vielen, die ihre Erfahrungen mit der schweigenden Elterngeneration gemacht hatten, als Teil dieser dunklen Kontinuität begriffen. Die RAF erschien nur als ein besonders konsequenter, wenn politisch auch völlig verirrter «Racheengel».

Der Staat dagegen verteidigte mit seinen RepräsentantInnen sein Gewaltmonopol, das die RAF infrage stellte. Seine öffentlich demonstrierte Unnachgiebigkeit und Härte verdeckte auch die Angst und die Paranoia, die das Establishment erstmals seit Kriegsende erfasst hatten. Die RAF war die Kristallisation eines Feindphantoms.

Den für die RAF- und Sympathisantenhatz hochgerüsteten Polizeiapparat und die Ausnahmegesetze bekamen viele zu spüren. Jederzeit konnte es einem passieren, bei Kontrollen von schwerbewaffneten Polizisten aus dem Auto gezerrt zu werden und sich einer Maschinenpistole gegenüberzusehen. Ich erinnere mich, dass wir beim Flugblattverteilen vor der Schule von einem aufgebrachten Direktor gepackt und geschüttelt wurden. Unserer Agitation gegen das Notensystem wurde mit der Drohung begegnet, uns vom Abitur auszuschliessen. Wer protestierte, galt als «Sympathisant». Und «Sympathisanten» wurden zu StaatsfeindInnen erklärt. Auf der anderen Seite nötigten uns die Leute von den «Folterkomitees» erbarmungslos, unsere Solidarität mit den RAF-Häftlingen zu beweisen. Die Hysterie war umfassend.

Das hatte auch damit zu tun, dass der «Feind» aus dem eigenen Fleisch kam. Denn bei der RAF handelte es sich um Söhne und Töchter aus der deutschen Mitte, oft sogar um Abkömmlinge gutbürgerlicher Familien. Sie waren aus der StudentInnenbewegung hervorgegangen, manche von ihnen kannte man sogar, sie gehörten irgendwie dazu. Auch die Radikaleren unter uns überlegten damals, wie weit sie gehen wollten. In den Untergrund gehen oder bleiben – das war eine Entscheidung, die in den siebziger Jahren gar nicht so wenige trafen.

Unbedingte Kompromisslosigkeit

Für die bürgerliche Gesellschaft hingegen blieb die RAF ein Rätsel. In einem Dossier des Ressorts «Chancen» listete die Wochenzeitung «Die Zeit» im September 2016 die Akten jener RAF-TerroristInnen auf, die von der renommierten Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert worden waren: Ulrike Meinhof, Horst Mahler, Gudrun Ensslin. «Er wird gewiss Tüchtiges leisten. Ich könnte ihn mir als Richter gut vorstellen», bescheinigte der Juraprofessor Dietrich Oehler seinem Studenten Horst Mahler. Mahler wird Rechtsanwalt für linke Outlaws und taucht ab – viele Jahre später entwickelt er sich zum Neonazi. Ulrike Meinhof ist eine bekannte Journalistin, bevor sie sich der RAF anschliesst. Im Fall von Gudrun Ensslin fragt sich ihre Biografin Ingeborg Gleichauf, ob «das» folgerichtig war (vgl. «‹Wir sehen ihren Rücken, aber nicht ihr Gesicht›»).

Hinter diesem «das» verbirgt sich das Unverständnis darüber, wie sich talentierte, kluge junge Menschen auf einen Weg machen konnten, der doch so offensichtlich in der Sackgasse enden musste. Einige der damaligen ProtagonistInnen sehen heute auch die Versäumnisse des Staats gegenüber einer jungen Generation, deren Fragen und Wünsche einfach ignoriert wurden: Helmut Schmidt habe kein Gespür für das gehabt, was in den jungen Menschen vor sich gegangen sei, kein Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen, erklärt der spätere liberale Bundesinnenminister Gerhart Baum gegenüber der Journalistin Anne Ameri-Siemens.

Der RAF-Biograf Willi Winkler wiederum hat schon vor Jahren nachgezeichnet, wie das zelebrierte Bündnis mit den unterdrückten Völkern es der sich als Stadtguerilla gerierenden RAF erlaubte, die Demarkationslinie zur Gewalt zu überschreiten und ein «Notwehrrecht» in Anspruch zu nehmen, das sich aus dem versäumten Widerstand der NS-Generation legitimierte. In der unbedingten Kompromisslosigkeit ähnelten sich die Kontrahenten ebenso wie in der Art ihres Schweigens über ihre Vergangenheit und der Verantwortung gegenüber ihren Taten.

Bis zu seinem Tod war Helmut Schmidt von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt, obwohl es Alternativen gegeben hätte. Doch seine Einschätzung, mit einer harten Haltung das Morden beenden zu können, erfüllte sich nicht. Und die RAF? «In Sack und Asche gehen wir nicht», erklärte Karl-Heinz Dellwo, der später am Hamburger Institut für Sozialforschung arbeitete, gegenüber seinem Chef Jan Philipp Reemtsma. Keinerlei Geste des Bedauerns.

Und wieder dieses mulmige Gefühl

Dezember 2016. Ich sitze bei einer Weihnachtsfeier, während kaum einen Kilometer weiter ein Attentäter in die Menschenmenge eines Berliner Weihnachtsmarkts rast. Zu Hause erfahre ich, dass mein Lebensgefährte sich kurz vorher noch dort aufgehalten hat. Zufall. Glück gehabt.

Nicht dass man ständig an die allgegenwärtige Gefahr dächte. Aber manchmal ist da doch ein mulmiges Gefühl, wenn man mit der Menschenmenge aus einer U-Bahn hochsteigt. Der Terror hat uns erneut erreicht, und das Unheimliche an ihm ist, dass seine Opfer unspezifisch sind. Das unterscheidet ihn vom Terror der RAF, die ihre Feinde gezielt auswählte und traf, und eine gewisse Zeit, wie gesagt, sogar unter «klammheimlichem» Beifall. Im Deutschen Herbst, der mit einer unvergleichlichen Treibjagd gegen die gesamte Linke einherging, sah man sich nicht von der RAF, sondern vom Staatsapparat bedroht. Wer heute einen herrenlosen Koffer auf einem Bahnsteig entdeckt, alarmiert die Polizei, seinen «Freund und Helfer».

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