Nr. 12/2006 vom 23.03.2006

Über Stock und Stein

In die Natur auch mit Rollstuhl und Downsyndrom - die «Pfadi trotz allem» macht es möglich. Aber an engagierten LeiterInnen herrscht Mangel.

Von Bettina Dyttrich

Der erste Samstag im März: Es stürmt und schneit. Während rundherum der Verkehr langsam zusammenbricht, trifft sich die Pfadi Pinatubo auf dem Zürcher Bucheggplatz. Sie ist nicht allein: Rundherum tobt die Schneeballschlacht einer Wölfligruppe. Bei Pinatubo geht es ruhiger zu. Tetris und Chispa sitzen dick eingepackt in ihren Rollstühlen. Papageno singt vor sich hin und spielt mit dem violetten Plastikkamm, den ihm seine Pfadikollegin Knorrli gerade geschenkt hat. Der kleine Koala ist gerade wieder irgendwohin verschwunden.

Nach dem Begrüssungslied erzählt Adventure, einer der LeiterInnen, von der Fasnachtsparty, die heute stattfinden soll. «Was gehört zu einer Party?» «Ballone!», ruft Chispa. Und tatsächlich, da hängt einer hoch oben am Brückengeländer. Schnell wird er heruntergeholt und herumgereicht. Ein Zettel ist darin - eine Botschaft. Um an sie heranzukommen, muss zuerst der Ballon zum Platzen gebracht werden. Chispa, die lautes Geknalle hasst, geht auf sichere Distanz. Im Ballon steckt eine Eintrittskarte für die Fasnachtsparty - eine einzige. Wo bekommen jetzt die anderen ihre Karten her? «Fälschen!», schlägt jemand vor. Und los gehts.

Bereits 1924 gründete ein Heimleiter in Leysin die erste Behindertenpfadi. Heute gibt es in der Schweiz 28 Abteilungen der «Pfadi trotz allem» (PTA). «Die Nachfrage ist gross, denn viele Behindertensportvereine nehmen nur Erwachsene auf», sagt Karin Schwald, die Schweizer PTA-Verantwortliche. Sie organisiert Treffen und Kurse für PTA-LeiterInnen, in denen diese den Umgang mit verschiedenen Behinderungen lernen können.

In der PTA läuft vieles ähnlich wie in der «normalen» Pfadi: Es gibt Sommerlager, Chlausweekends und Übungen am Samstag, und wer einige Zeit dabei ist, bekommt einen Pfadinamen. Es gibt auch Schnitzeljagden und Nachtübungen, Ausflüge und Theaterspiele. Trotz allem: trotz Rollstühlen, Konzentrationsstörungen, Epilepsie und Downsyndrom; trotz Behinderungen, die das Alltagsleben zu einer Herausforderung machen. Zum Beispiel das Überqueren des Bucheggplatzes im Schneesturm. Bald bleibt Tetris’ Rollstuhl im Schnee stecken. Als die erste Schneewehe bewältigt ist, kommt von links ein Tram, dahinter lauern Autos auf freie Fahrt. Natürlich hat erst die halbe Gruppe die Strasse überquert, als die Fussgängerampel schon wieder auf Rot steht. Die Pfadis nehmen es gelassen: Mit Stricken aneinander geseilt spielen sie Bergtour.

Ein Programm vorbereiten und durchführen, das allen entspricht, ist eine Herausforderung. «Es muss etwas sein, das alle machen können oder wo die einen den anderen helfen», sagt Adventure alias Thomas Lampart. «Eine dritte Möglichkeit ist, die Gruppe aufzuteilen. Manchmal ist das nötig, wenn sich die einen austoben und die anderen etwas Ruhiges machen wollen.» Lampart ist 23, Biologielaborant und schon seit dem Vorschulalter in der Pfadi. Dass er PTA-Leiter geworden ist, ist kein Zufall: Er hat eine - ebenfalls pfadibegeisterte - Schwester mit Downsyndrom. «Bei uns gibt es kaum Räubergeschichten wie sonst in der Pfadi», sagt Okapi alias Magali Zimmermann. «Es soll nicht unheimlich sein. Populär sind liebe Figuren, Feen zum Beispiel.» Die 25-Jährige kann dabei auf Erfahrungen in ihrem Beruf als Primarlehrerin zurückgreifen.

Niemand ist zu alt

Und wie geht das im Lager? «Am Anfang dachten wir, wir müssten den Pfadis den ganzen Tag ein Programm bieten», sagt Magali Zimmermann. «Am Abend waren sie völlig fertig - und wir auch. Heute planen wir in den Lagern Siestastunden ein. Für die meisten Behinderten ist schon der ungewohnte Tagesablauf im Lager eine grosse Herausforderung, es braucht gar nicht dauernd Action.» «Die Verantwortung ist natürlich sehr gross», sagt Thomas Lampart. «Jeder Leiter ist für einige Pfadis zuständig, geht mit ihnen aufs WC, weiss, welche Allergien sie haben und wann sie welche Medikamente nehmen müssen.» Die Pfadi Pinatubo organisiert Lager meistens bei einem Haus, sodass die Teilnehmenden selbst entscheiden können, ob sie zelten wollen oder nicht. «Es gibt sogar PTAs, die Lager ohne sanitäre Anlagen organisieren. Aber der Aufwand für die Körperpflege ist riesig.»

Im Park des Gemeinschaftszentrums Buchegg verwandelt sich Thomas Lampart im Handumdrehen in einen elegant gekleideten Billettkontrolleur. Argwöhnisch betrachtet er die selbst gebastelten Partykarten, kann aber die Fälschung nicht beweisen. Und so beginnt die Fasnachtsparty mitten im tief verschneiten Park - auch wenn der Zünder der Tischbombe nur mit Schwierigkeiten Feuer fängt. Chispa hält sich vorsorglich die Ohren zu, aber es macht nur leise «plopp». Koala schnappt sich eine rote Clownnase, Papageno montiert eine Kartonmaske über seine dicken Brillengläser. Der 35-Jährige mit starkem Downsyndrom ist ein begeisterter Pfadi, auch wenn er eigentlich schon lange zu alt ist dafür. Aber das stört hier niemanden. Knorrli, die im gleichen Heim lebt, kümmert sich fürsorglich um ihn. Nur wenn er einen blöden Spruch macht und immer wiederholt, wird sie sauer.

Die Pfadi ist normalerweise in Stufen aufgeteilt: ErstklässlerInnen kommen zu den Bienli oder Wölfen, heute sind viele Abteilungen auch gemischt. Mit etwa elf Jahren treten sie in die Pfadistufe über, dort bleiben sie weitere vier oder fünf Jahre. Für Ältere gibt es die Raider/Cordées und Rover, viele werden auch selber LeiterInnen oder verlieren in der Pubertät das Interesse.

Pinatubo hat keine solchen Stufen. Allerdings nicht aus Prinzip: «Wir hätten gerne eine separate Gruppe für die Älteren», sagt Thomas Lampart. «Dann könnten wir die Aktivitäten besser dem Alter anpassen und auch einmal ins Kino oder in die Disco gehen. Aber wir haben einfach nicht genug LeiterInnen.» Dank HelferInnen, die sich für einige Übungen im Jahr verpflichten, kommt Pinatubo einigermassen über die Runden. Aber Leute zu finden, die sich das ganze Jahr engagieren, ist schwierig. Das bestätigt auch die Schweizer PTA-Verantwortliche Karin Schwald. «Viele PfadileiterInnen, die für die PTA angefragt werden, trauen sich den Umgang mit Behinderten nicht zu.»

Weiteres Ghetto?

In der PTA haben behinderte Kinder und Jugendliche Gelegenheit, Dinge zu erleben, zu denen sie sonst kaum Zugang hätten. Dennoch: Ist die PTA nicht ein weiteres Ghetto? Warum können Behinderte nicht einfach in die reguläre Pfadi wie alle anderen auch? Es gab und gibt gemischte Pfadigruppen. Die Pfadi Tannenberg in Luzern zum Beispiel. Auch der PTA Oberberg in St. Gallen gehörten in den neunziger Jahren viele nicht behinderte Jugendliche an. Carmen Pfister, von 1993 bis 2000 eine der Hauptverantwortlichen, erzählt: «An Treffen zwischen behinderten und nicht behinderten Kindern ist die Atmosphäre häufig gehemmt. Bei uns war das nicht so. Da konnte man auch streiten. Bei der Pfaditaufe konnten sich auch Kinder im Rollstuhl mit dem Klettergurt abseilen - ein Riesenerlebnis. Die Durchmischung entstand anfangs von selber, weil einfach Geschwister von Behinderten in die Pfadi mitkamen. Später haben wir dann auch sehr viel Werbung gemacht. Heute ist der Anteil der Nichtbehinderten wieder kleiner geworden.»

«Wie eng die Kontakte zwischen behinderten und nicht behinderten Pfadis sind, ist den Abteilungen überlassen», sagt Karin Schwald.

«Bei uns in Basel führen wir immer die Pfingstlager und die Chlausweekends zusammen durch, manchmal auch die Sommerlager. Das funktioniert sehr gut.» - «Es gibt ja auch bei uns Austausch mit Nichtbehinderten: mit uns LeiterInnen», sagt Magali Zimmermann von der PTA Pinatubo. «In der PTA ist die Beziehung zu den LeiterInnen sehr eng. Viele Behinderte haben vor allem Kontakt mit Eltern und BetreuerInnen, mit nicht behinderten Gleichaltrigen fast nie. Sie finden es toll, dass wir nicht so professionell sind und auch mal nicht weiterwissen, wenn wir jemandem bei der Körperpflege helfen.»

Ist es nicht schwierig, gemeinsame Übungen zu gestalten, ohne dass sich die einen langweilen und die anderen überfordert sind? Nein, meint Carmen Pfister. «Die Nichtbehinderten leben die Geschichten mit, um die sich die Übungen drehen. So tauchen auch die Behinderten viel stärker in die Atmosphäre ein, als wenn die LeiterInnen alles selber vermitteln müssen.» Pfister findet Durchmischung wichtig, nicht nur in der Pfadi: «Ich bin allgemein gegen getrennte Gesellschaften. Besser als Sonderschulen finde ich kleine Klassen, in denen die Lehrerin mit einer Sozialpädagogin zusammenarbeitet und alle nach ihren Fähigkeiten gefördert werden.» Wie Thomas Lampart wurde Carmen Pfister durch ihren behinderten Bruder schon früh für das Thema sensibilisiert. Auch heute hat die Sozialpädagogin noch intensiven Kontakt zu ihm. Und ihre vierjährige Tochter Clara kann schon bald selber in die PTA Oberberg, wenn sie will - damit die Durchmischung weitergeht.

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