Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Verlieren muss man nicht lernen

Etrit Hasler über die erfolgreichste Kampfsportlerin der Welt

Von Etrit Hasler

Haben Sie schon einmal von Saori Yoshida gehört? Nein? Das ist kein Wunder. Aber es ist ein Skandal. Saori Yoshida ist eine 1,56 Meter grosse, knapp 55 Kilo schwere Frau, die von den meisten WestlerInnen wahrscheinlich mit dem vielbemühten Adjektiv «zierlich» beschrieben würde. Weil kleine asiatische Frauen einfach zierlich sind oder so. Wobei es wahrscheinlich nur ihrer guten Erziehung zu verdanken ist, dass sie nicht jeden übers Knie nimmt, der sie so bezeichnet. Denn Saori Yoshida ist die beste Ringerin, die es jemals auf diesem Planeten gab. Die aus Tsu, der Hauptstadt der Provinz Mie, stammende Tochter eines ehemaligen japanischen Ringers stand bereits mit vier Jahren das erste Mal auf der Matte – und hat seither die wohl wichtigste Lektion, die es im Sport gibt, nie wirklich gelernt: das Verlieren. 

Seit ihrem Debüt bei den Asian Games 2002 hat sie bei keinem einzigen Einzelwettbewerb verloren. Entsprechend liest sich die Liste ihrer Titel: Weltmeisterin in ihrer Gewichtsklasse von 2002 bis 2014 (mit Ausnahme von 2004, als wegen der Olympischen Spiele keine WM ausgetragen wurde). Davor viermal Juniorenweltmeisterin; Olympiasiegerin 2004, 2008 und 2012 – wobei Frauenringen erst seit 2004 olympisch ist. Yoshida gewann ihre ersten 196 Kämpfe am Stück – eine Leistung, die vor ihr keine Kampfsportlerin und erst recht kein Kampfsportler erbracht hat und die gute Chancen darauf hat, als ewiger Rekord stehen zu bleiben.

Die einzigen zwei Niederlagen ihrer Karriere hat sie in Teamwettbewerben erlitten, einmal 2008 und einmal 2012.

Wäre Saori Yoshida ein Mann, dann wäre ihr Name als eine Legende gesichert. Sie hätte wohl einen Übernamen wie «Killer Yoshida» oder «Sensational Saori» bekommen. Es würden Werbespots gedreht, in denen sie Autos und Flugzeuge hochhebt wie ein Superheld.

Aber sie ist eben kein Mann. Und das noch in einer Sportart, in der die Frauen (wie so häufig im Sport) im besten Fall belächelt werden. Sie ist eben Ringerin. Dass sie letztes Wochenende trotz Knieverletzung und gerade einmal fünf Tage nach dem Tod ihres Vaters schon wieder Weltmeisterin wurde, durfte man hierzulande in keiner Zeitung lesen. Denn Frauenringen interessiert halt höchstens als Wichsvorlage. 

Anders ist es kaum zu erklären, dass eine kurze Internetrecherche zum Frauenringen vor allem Videos zutage fördert, von denen «Im Badeanzug eincremen» noch das am wenigsten anrüchige ist. Oder Amazon-Buchempfehlungen wie «Über die Erotik der Körperbegegnung im Zweikampf». Dazwischen noch eine Schlagzeile wie «Drei ÖVP-Frauen ringen um sicheren Listenplatz». Und ist man nach ein bisschen Wühlen tatsächlich bei Nachrichten über die Sportart gelandet, sind es Texte, die so anfangen: «Woran denkt man beim Thema Frauenringen? Aussenstehende sicherlich an Dinge, die nicht unbedingt in diese Zeitung gehören. Doch Sportinteressierte, die sich mit dem Ringkampfsport auskennen, die wissen: da ringen Frauen und Mädchen, in sportlich fairem Wettkampf, die durchaus auch auf dem Laufsteg von Heidi Klum Chancen hätten.» So gefunden auf der Website des Ringerverbands Brandenburg.

Natürlich: Das Männerringen hat es auch nicht einfach. Im letzten Jahr dachte das Exekutivkomitee des IOK ziemlich laut darüber nach, Ringen ab 2020 vom Turnierplan zu streichen. Nachdem der Schweizer Präsident des Verbands, Raphaël Martinetti, in die Wüste geschickt worden war, nahm das IOK seinen Entscheid zurück. Nicht zuletzt zur Freude Saori Yoshidas. Denn die Olympischen Sommerspiele 2020 werden in ihrer Heimat Japan ausgetragen. Dann wird diese Titanin 38 Jahre alt sein. Und Nichtbeachtung hin oder her, es sieht nicht danach aus, als ob sich bis dahin Konkurrenz finden wird, die ihr das Wasser reichen kann.

Etrit Hasler ist Kampfsportfan und 
besteht darauf, dass man SportlerInnen durchaus attraktiv finden darf. 
Solange dabei ihre Erfolge gewürdigt werden.

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