Nr. 21/2006 vom 25.05.2006

Wegeneration

Von Roman Schürmann

Zunächst scheint es sich bei «Ein Fisch geht an Land» von Leopold Federmair um eine zwar gut gemachte, aber inhaltlich harmlose literarische Fingerübung zu handeln. Federmair, Österreicher, strukturiert sein Romänchen in acht Kapitel, in denen er je ein Mitglied einer mit nicht mehr ganz jungen «Wegenossen» bestückten Berner WG aus eigener Perspektive plaudern lässt - persönlicher Sprechstil inklusive. Scheinbar wie im Literaturkurs für Fortgeschrittene, doch Federmair interessiert nicht bloss die schreibtechnische Präzision, das banale Gerüst dient ihm vielmehr dazu, sein Trapez zu montieren und luftige Gefilde zu erkunden.

Ein geheimnisvoller Fremder, der eine Zeit lang in der WG lebt und im Roman nur durch die andern spricht (und durch von diesen überlieferte Gedichte), bringt mit seiner ebenso unaufdringlichen wie unumgänglichen Präsenz nicht nur Unruhe in die saubere formale Konstruktion, sondern bricht auch die etablierten Existenzen seiner temporären MitbewohnerInnen auf. Wie eine Hand voll Kiesel fällt er in einen Teich mit ruhiger Oberfläche, die Wellen stossen aneinander, die Steinchen sinken immer tiefer. Kave heisst der Fremde: «Hüte dich!», verstehen die Lateinerin und verunsicherte WegenossInnen; findige Leser erkennen auch «fake», Fälschung/Imitation - Kave gibt sich nicht mit der fertigen Wahrheit zufrieden, vertraut vielmehr auf die Fantasie, sogar oder gerade wenn sie überbordet, insistiert, wenn das Glück zu kurz zu kommen droht.

Federmair, geboren 1957, macht sich mit «Ein Fisch geht an Land» auf die Suche nach seiner «Wegeneration»: Wo ist sie gelandet, was macht sie dort? Wo möchte sie sein, wieso macht sie nichts, um dorthin zu gelangen? «Hippies», sagt Kave einmal, seien «eine Spezies von Parasiten, welche die Zentren der Macht und der Masse befallen haben». - «Ich hätte Kave am liebsten zum Schweigen gebracht», seufzt eine Wegenossin.

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