Nr. 01/2012 vom 05.01.2012

Mit Fantasie gegen die blinde Übermacht

Mit der Geschichte von Lucy Schwob und Suzanne Malherbe erzählt Katharina Geiser in ihrem neuen Roman vom Widerstand gegen die Deutschen, den zwei Künstlerinnen im Zweiten Weltkrieg auf der Kanalinsel Jersey leisteten.

Von Bettina Spoerri

Schauplätze im Windschatten der Geschichte erweisen sich oft als umso deutlichere Seismografen historischer Umbrüche, die das Leben der Menschen radikal verändern. Ein solcher Ort war die Insel Jersey im Zweiten Weltkrieg. In Geschichtsbüchern kommt das 118 Quadratkilometer kleine Stück Land vornehmlich in Fussnoten vor – in Katharina Geisers neuem Roman aber erscheint die Historie wie durch ein Brennglas gebündelt und geschärft. Der Roman berücksichtigt sorgfältig recherchierte Details, öffnet den Blick aber weit über die konkreten Vorkommnisse hinaus, indem er nach Möglichkeiten eines gewaltfreien und künstlerischen Widerstands gegen eine Übermacht fragt.

Kunst gegen Besatzer

Im Zentrum steht die Geschichte von Lucy Schwob (1894–1954) und Suzanne Malherbe (1892–1972), die sich auf der Insel Jersey gegen die deutsche Besatzung wehrten. «Was brachte diese Frauen dazu, ihr Leben zu riskieren?»: Diese Frage, so Geiser im Gespräch mit der WOZ, habe sie sich gestellt, nachdem sie bei einem Besuch der Insel erstmals von Schwob und Malherbe erfahren hatte. Angetrieben von der Suche nach den Gründen für solchen Wagemut schrieb sie ein Buch, das Verhaltensweisen von Menschen in einer Extremsituation schildert.

Jersey, zwanzig Kilometer vom äussersten Zipfel Frankreichs entfernt, gehört zum Besitz der englischen Krone, ist aber autonom. Als die Insel 1940 von den Nazis besetzt wurde, war die Bevölkerung hilf- und machtlos – und Widerstand umso gefährlicher, als eine Flucht beinahe unmöglich war. Schwob und Malherbe versuchten überaus einfallsreich, an der blinden Überzeugung der Besatzer zu rütteln.

Wie immer bei Stoffen, die wahre Trouvaillen sind, wundert man sich, warum nicht früher jemand über die beiden geschrieben hat. Denn Schwob und Malherbe waren alles andere als Unbekannte. Vor ihrer Übersiedlung nach Jersey 1937 verkehrten die beiden Französinnen – gleichzeitig Stiefschwestern und ein Liebespaar – unter den Künstlernamen Claude Cahun und Marcel Moore in der Pariser Kunstszene, waren mit Gertrude Stein, André Breton, Tristan Tzara und anderen befreundet.

«Diese Gezeiten» konzentriert sich auf die Jersey-Jahre. Schwob und Malherbe wurden wegen ihres politischen Widerstands im Juli 1944 von der Gestapo verhaftet. Knapp der Todesstrafe entkommen, wurden sie im Mai 1945 aus der Haft entlassen. Den grösseren Teil des Romans hat Geiser dieser Zeit im Gefängnis gewidmet. Anschaulich erzählt sie vom Kampf des Paares und von der Solidarität der Inhaftierten untereinander – aber auch von Verrat und Denunziation mancher InselbewohnerInnen.

Die Antikriegsaktivitäten von Schwob und Malherbe hatten die auf der Insel stationierten Nazis speziell geärgert. Das Distributionssystem ihrer Flugblätter war so genial einfach und raffiniert zugleich, dass die Besatzer ihnen lange nicht auf die Schliche kamen. Die Künstlerinnen hefteten ihre Botschaften an Wagen und Fuhrwerke der Deutschen, die diese nichts ahnend an verschiedene Orte transportierten; manchmal dienten Champagnerflaschen demselben Zweck. Bei «harmlosen» Spaziergängen hinterliessen sie unauffällig solche Nachrichten. In ihren Flugblättern jonglierten sie Versatzstücke aus surrealistischen Zeitschriften oder karikierten Vokabular und Schreibstil der deutschen Propaganda. So brachten sie «Falschmeldungen» in Umlauf, etwa über Siege der Résistance oder der Alliierten. Ein Text konterkarierte Heines Loreley-Gedicht: «Ich glaube, die Wellen verschlungen (sic) / Am Ende Schiffer und Kahn / und das hat mit seinem Brüllen / Der Adolf Hitler getan.» An diese besondere Form politischer Aktionskunst erinnert Geiser in ihrem Roman, der rekonstruiert – und fiktionalisiert.

Das Material weiterdenken

Nicht das erste Mal verbindet Geiser historisches Material und literarische Kreation. Bereits in «Vorübergehend Wien» (2006) hat sie sich als findige Rechercheurin aussergewöhnlicher Schicksale erwiesen, die sie mit fiktiven Elementen umkreist, verbindet, überschreibt. Weil Schwob und Malherbe keine Nachkommen hätten, so Geiser, habe sie eine Verpflichtung gefühlt, «an ihre Geschichte zu erinnern und einen Zugang zu finden, der auch ihrer künstlerischen Arbeit gerecht werden konnte». Sie habe das vorhandene Material «weiterdenken» wollen – neben Flugblättern, Tagebuchnotizen und historischen Zeitungen auch Zettel und Briefe, welche die Frauen zwischen ihren Gefängniszellen hin- und herschmuggelten. Dass diese Kommunikation viele Lücken aufweist und die Ähnlichkeit der Handschriften die Bestimmung der jeweiligen Schreiberin erschwert, nahm die Autorin als Möglichkeit, ihre eigene Version der Ereignisse zu kreieren. Der Gefängnisdialog hallt im Roman im Wechsel zwischen verschiedenen Erzählpositionen nach.

«Du hörst zu. Du liest und übersetzt. Die Dokumente widersprechen sich und sind sich einig», heisst es gegen Ende des Buchs. Die Autorin stellt sich im Text neben sich und bricht auf, um einem Strand der Insel entlangzugehen. An solchen Stellen reflektiert der Roman seine Entstehungsbedingungen. Ein Prozess, in dem sich Geiser an «Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit» orientierte. «Diese Gezeiten» ist die Suche nach einer Antwort. Ein Gang an der Schnittstelle zwischen festem Grund  und dem unendlichen, tiefen Wasser, das in die Freiheit der Literatur hinausträgt.

Katharina Geiser liest am Dienstag, 17. Januar, um 
20 Uhr im Literaturhaus Zürich. Unsere Autorin Bettina Spoerri führt das Gespräch mit ihr.

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