Nr. 22/2006 vom 01.06.2006

Die heisse Luft

Von Klaus Walter

Eine der vielen Plattitüden des Fussballs behauptet, man könne ein Spiel lesen. Ror Wolf kann das Spiel hören. «Die heisse Luft der Spiele weht nicht vom Bildschirm», sagt er. Fussball ist für den Literaten ein «Total-Theater». Seine Bühne ist das Radio, nur das Radio fängt ihn ein, den Sound des Fussballs. Behauptet Ror Wolf. Damit macht er sich zum Aussenseiter in diesen Tagen. Ein Aussenseiter des Literaturbetriebs war der Schriftsteller zeit seines bald 75-jährigen Lebens, in den sechziger und siebziger Jahren galt er als bedeutender Vertreter der literarischen Avantgarde. Ein Aussenseiter des Fussballbetriebs ist Wolf sowieso. Seiner Liebe zum Spiel tut das keinen Abbruch. Jetzt sind seine gesammelten Fussballhörspiele auf CD erschienen.

Erwähnt man Ror Wolf heute gegenüber TechnikerInnen des Hessischen Rundfunks, dann kann man schon mal böse Blicke ernten. Oder Schweissausbrüche erleben. Wer dabei war vor dreissig Jahren, hat die Produktionen seiner Hörspiele nicht vergessen. Im prädigitalen Zeitalter wird noch von Hand geschnitten und geklebt. Und es gibt viel zu schneiden und zu kleben bei Stücken wie «Die heisse Luft der Spiele», «Schwierigkeiten beim Umschalten» oder «Der Ball ist rund». «Die Radiocollagen sind das Ergebnis jahrelanger Mitschnitte», sagt Wolf. «Was in fünfzehn Minuten abläuft, ist der Extrakt vieler Fussballjahre.»

Woche für Woche zeichnet Wolf die Radioübertragungen der Fussball-Bundesliga auf. Der Höhepunkt ist die Konferenzreportage, das grosse kakofonische Finale des Spieltags am Samstagnachmittag, bei dem die heisse Luft der Spiele weht, auch wenn die Spiele eher lau sind. Elfmeter in X, Platzverweis in Y, Tor in Z, die Ereignisse überschlagen sich, die Reporter ebenfalls. Hier gerät das Radio ausser sich und kommt ganz zu sich. Ror Wolf schwärmt von den «dynamischen Wortwalzen» der Männer am Mikrofon. Zu ihren Stimmen kommen Originaltöne von Experten, Spielern, Zuschauern, Zaungästen beim Training, das Wogen der Kurven. Jahrelang hat Wolf archiviert, was die dynamischen Wortwalzen über den Äther schicken. Dann sortiert er das Material nach Themen, Redeweisen, Textsorten und Klangfarben und macht sich auf ins Studio. Hier werden aus vielen Stunden Fussballsound tausende von sekundenkurzen Bandschnipseln geschnitten. Chaos im Studio, die Suche nach dem verlorenen Schnipsel, TechnikerInnen am Rande des Nervenzusammenbruchs, Sternstunden des Radios. Am Ende dieser für heutige Verhältnisse unvorstellbaren Kleinarbeit hat Wolf das Puzzle neu zusammengesetzt zu einer vielstimmigen Lautmalerei des Fussballs. Und zwar so, dass wir plötzlich verstehen, wie die Fussballsprache funktioniert. Und was der alles kann, der Ball: «Der Ball wandert, streicht, klatscht, rutscht, beschreibt eine Kurve, tanzt ...» - schliesslich, für immer wird unklar bleiben, was der Reporter uns damit sagen wollte, aber es klingt toll, «ist der Ball einem Spieler aus dem Ärmel herausgerollt.» Und was den Reportern so alles aus dem Unbewussten übers Sprachzentrum durch den Mund ins Mikrofon rollt: «Fussball ist doch kein Tortenbacken», entfährt es dem einen. «Wir sind doch auch nicht auf der Wurschtsuppe hergeschwommen», beharrt ein anderer. Auch das Ressentiment gegenüber dem Fremden gebiert erstaunliche Sprachschöpfungen: «Sie sind manchmal so erstaunt, als ob sie türkische Schnabelschuhe anhätten.»

Bei aller Schadenfreude über grandiose Fehlleistungen gibt Wolf nie der Versuchung nach, das zu tun, was viele seiner späteren Adepten zu einer ebenso wohlfeilen wie schlichten Kleinkunstform erhoben haben: die Reporter der Lächerlichkeit preiszugeben. Das besorgen die Lächerlichen unter diesen schon selbst. Wolf lässt alle Akteure des «Total-Theaters» zu Wort kommen: Jeder darf mitreden, jeder hat Ahnung, jeder ist Experte. Oder, mit den zeitlos gültigen Worten eines hessischen Rentners am Rande des Trainings der Frankfurter Eintracht, erhalten in den «Expertengesprächen»: «En Fussballer derfs net nur in de Fiess hawwe, der muss es im Kopp hawwe.»

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