Nr. 46/2007 vom 15.11.2007

The Beautiful Game

Von Pascal Claude

Hatte der Polizist beide Hände an der Pistole, als er schoss? Welche Thun-Spieler hatten Sex mit einem fünfzehnjährigen Mädchen? Wollte Hakan Yakin spucken, als er sabberte? Spinnt Karl-Heinz Rummenigge?

Fussball sei ein Spiegel der Gesellschaft, sagte Milans Alessandro Nesta am Sonntagnachmittag. Das sagen sie immer, wenns zu hart wird. Es stimmt ja auch. Fand zumindest DRS 1 und verwies auf die rechten Ultras, aber auch auf die Polizeigewalt, damals am G8-Gipfel in Genua. Von nichts kommt nichts. Die rechten Ultras hätten den Tod des Lazio-DJs zum Anlass genommen, endlich und geschlossen vorzugehen gegen den Feind in Uniform. Vierzig verletzte Polizisten allein in Rom, heisst es. Aber nicht nur die Rechten hassen die Polizei. Die wenigen linken Kurven auch, vielleicht noch mehr. Die Klubs werden gebüsst, wenn ihre linken Tifosi während Schweigeminuten für tote Polizisten pfeifen oder singen «Rispettiamo solo i pompieri». Alle italienischen Ultras hassen die Polizei. Weil alle italienischen Ultras Verbrecher sind? Oder neu: Terroristen? Andere Gründe? Wodurch starb Polizist Raciti in Catania?

«Ich habe von einem Dutzend Verhaftungen beim FC Thun gehört, weisst du etwas?», fragt die Kollegin am Telefon. Ich wusste nur: für einmal keine Fans. Spieler. Sollen gruppenweise Sex mit einer Minderjährigen gehabt haben. Später, in den Internetforen, lese ich: Die Bitch hat wahrscheinlich ausgesehen wie achtzehn. Heute sehen sie alle aus wie achtzehn, auch die Zwölfjährigen. Wie willst du das wissen? Und sie wollen nur eins. Geh mal am Samstag in diesen und jenen Club, und da hast dus, zu jung und nur auf Sex aus. Einer schreibt: Wenn was dran ist, ist es eine Sauerei. Das sind keine Vorbilder, haben ihr Herz nicht beim FC Thun. Und ein anderer: Die nächsten Auswärtsspiele werden hart für uns. Jetzt zeigt sich, wer ein richtiger Fan ist. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung, sagt Thuns Präsident Kurt Weder.

Hakan schaut Raffael ins Gesicht, an seiner Unterlippe klebt ein dicker Tropfen Speichel. Wird er spucken? Hat er schon gespuckt? Hat er versucht zu spucken? Die Gratiszeitung, die morgens auch vor unserem Haus liegt, schreibt: Hakan war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Eine Stellungnahme zu einem Tropfen Speichel an der Lippe. Die Gratiszeitung will niemand in unserem Haus. Aber einer hat das Ämtli, allgemeines Altpapier zu bündeln. Kann ich eine Stellungnahme abgeben? Mit Schaum vor dem Mund? Hakan nimmt doch noch Stellung, im «Blick»: Nicht angespuckt! «Fussballer spucken oft auf den Boden. Auch ich wollte das tun.» Der Fussball ist nur ein Spiegel der Gesellschaft. Aber wer holt die Spucke aus dem Kunstrasen? Und das Blut, den Schweiss, die Tränen?

Zu wenig Stimmung in der Allianz-Arena – an der Jahreshauptversammlung des FC Bayern war etwas los. Ein Anhänger hatte gestoppt: gegen die Eintracht sechs, gegen Bolton acht Minuten Fangesänge. Im Ganzen. Der Anhänger sagte das ins Mikrofon. Herr Hoeness: «Das ist populistische Scheisse.» Herr Rummenigge: Der Klub habe den Fans ja angeboten, im Stehplatzsektor eine Blaskapelle aufspielen zu lassen, die die Gesänge anstimmt. Aber das hätten sie ja nicht gewollt, weil sie es «als Eingriff in ihre Welt ablehnen». Herr Hoeness: «Wer glaubt ihr eigentlich, wer euch finanziert? Das sind die Leute in der Loge, denen wir das Geld aus der Tasche ziehen.» Eins zu null für unsre Liebe, sang Herr Beckenbauer. Herr Hoeness war im Sommer in Zürich, Live at Sunset, Joe Cocker. Total toll. Am nächsten Morgen: Frühstück im «Baur au Lac», an einem Tischchen ganz allein: Joe Cocker. Herr Hoeness: Gratuliere! Joe Cocker: Danke. Keine populistische Scheisse. Stand so im «Tages-Anzeiger», auf der Sportseite.

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