Nr. 25/2006 vom 22.06.2006

Der Traum der Täter

In der Strafanstalt Pöschwies können sich Sexualstraftäter einer Therapie unterziehen - ihre einzige Chance, je aus dem Gefängnis zu kommen. Was passiert dort?

Von Morena Pelicano

Es ist Dienstagmorgen, neun Uhr. Fünf Sexualstraftäter sitzen an einem runden Tisch. Die sechste Person ist die Therapeutin Mirella Chopard. Ich darf als Gast der Therapiestunde beiwohnen.

Zu Beginn stelle ich mich vor, als Journalistin und nebenbei auch Märchenerzählerin. Spontan erwidert U.: «Märchenerzähler sind wir alle. Wenn die Polizei kommt und dich verhaftet, wenn du in der Untersuchungshaft sitzt, dann erzählen wir alle Märchen. Wir reden uns raus und beschönigen alles. Da sagt doch keiner die Wahrheit. Du redest über alles, aber nicht darüber, warum du Frauen vergewaltigt hast.» Therapeutin Mirella Chopard äussert sich nicht dazu. Heute werde sie einen Schritt zurücktreten, sagte sie zu Beginn, aber sie werde trotzdem genau hinhören und genau hinschauen, wie die Klienten mit einer Besucherin umgehen.

Auch wenn U. sich und die anderen Therapieklienten als Märchenerzähler bezeichnet, eines ist U. sehr bewusst: «Nur wenn du über dein Delikt reden kannst, hast du draussen eine Chance.» Dann schweigt er einen Moment, schaut vor sich auf den Tisch und sagt: «Bevor du mit der Therapie beginnen kannst, musst du alle Schutzmauern niederreissen und dich nackt ausziehen.» Angeklagt wurde U. wegen mehrfacher Vergewaltigung. Er war zuvor bereits mehrfach verurteilt, inhaftiert und wieder entlassen worden. Beim letzten Urteil wurde die Verwahrung ausgesprochen.

Vor sechs Jahren hat man in der Strafanstalt Pöschwies mit dem Ambulanten Intensivprogramm (AIP) zur Behandlung von Sexual- und Gewaltstraftätern begonnen. Der Psychologisch-Psychiatrische Dienst des Justizvollzuges des Kantons Zürich hat das AIP initiiert; durch intensive Therapie sollen die Sexualstraftäter besser beurteilt und ihr Deliktrisiko besser eingeschätzt werden können. Einer der Therapieklienten, S., war in einer Strafanstalt in einem anderen Kanton verwahrt. Dort gibt es keine ambulante intensive Therapie. S. wusste, dass diese Therapie die letzte Chance seines Lebens ist, die Verwahrung vielleicht aufzuheben und irgendwann wieder draussen leben zu können. Deshalb liess er sich in die Pöschwies versetzen. Vor Gericht haben die Therapieklienten vielleicht nie zugegeben, dass sie die Vergewaltigungen begangen haben. An der Gruppentherapie dürfen sie aber nur teilnehmen, wenn sie ihre Tat offen eingestehen. «So etwas Schlimmes habe ich noch nie erlebt: Ich stand vor der Gruppe und sagte: Ich habe Frauen vergewaltigt», sagt S. Die anderen Männer in der Runde nicken, bestätigen diese Erfahrung. Und P. fügt hinzu: «Du musst über deinen Schatten springen. Du musst deinen inneren Schweinehund überwinden.»

Mirella Chopard arbeitet seit fünf Jahren als Therapeutin für Sexual- und Gewaltstraftäter in der Pöschwies. Sie wuchs in der DDR auf, 1979 erhielt die Familie die Ausreisegenehmigung in den Westen. Nach ihrer Ausbildung zur Psychiatriepflegefachfrau arbeitete sie im forensischen Massregelvollzug, einer Abteilung der Psychiatrie, in der Verurteilte mit psychischen Problemen betreut werden. In den ersten Monaten kam Chopard an ihre Grenzen, auch weil sie in der forensischen Abteilung die einzige Frau war. Jahre später schuf sie - zusammen mit anderen TherapeutInnen - in Deutschland eine Modellstation für Sexualstraftäter mit Persönlichkeitsstörungen. Die 37-jährige Frau sagt ohne eine Spur von Zweifel: «Ich kann zukünftige Taten verhindern. Ich muss nicht nur vom Guten reden, ich kann versuchen, das umzusetzen.» Chopard erklärt, dass es zwei Typen von Therapieklienten gebe. Die einen sitzen einfach da, sagen kein Wort. Sie sprechen nicht über ihr Leben vor der Tat, sagen nichts zu ihren Delikten. Es sei fast unmöglich, diese Männer zum Reden zu bringen. Andere, die würden ohne Punkt und Komma reden. Aber die Schweigsamen und die Vielredner hätten eines gemeinsam: «Sie haben keine Worte für ihre Gefühle.» Bevor die Klienten mit der Gruppentherapie beginnen, müssen sie eine Einzeltherapie machen. Hier lernen sie, wie man über seine Tat, seine Gedanken und Gefühle spricht wie man zuhört, und dass man sein Gegenüber ausreden lässt.

Über Befindlichkeiten sprechen

Die Therapiestunde beginnt mit der Befindlichkeitsrunde, die vor allem einen Zweck hat: Die Männer müssen kurz über ihre aktuellen Gefühle sprechen. Ein grosser Bogen Papier liegt auf dem Tisch. Am oberen Rand stehen die Namen der Therapieklienten und der Therapeutin. Neben jedem Namen gibt es ein Symbol: ein Haus, ein Flugzeug, einen Baum, ein Schiff. Die Befindlichkeitsskala reicht von eins bis zehn. Die Klienten müssen in zwei, drei Sätzen ausdrücken, wie es ihnen heute geht und wie die Woche war. P. beginnt von seiner Arbeit zu erzählen. «Da können wir uns jetzt gemütlich zurücklehnen und stundenlang zuhören», unterbricht Mirella Chopard: «Sie reden über eine Arbeit und nicht über ihre Gefühle.» P. besinnt sich einen Moment. «Die Nacht war nicht so gut. Ich bin erkältet und musste immer husten. Ich konnte erst um vier Uhr einschlafen.» Für die Tagesbefindlichkeit schreibt er eine sechs auf, die Woche bekommt eine sieben.

Auf dem Tisch brennt eine Kerze. K. hat sie mitgebracht, sie soll seinen Sohn, der vor einigen Tagen an einem Gehirntumor gestorben ist, auf seiner Reise begleiten. K. sagt: «Ich habe eine riesige Wut auf mich selber, wenn ich jetzt daran denke, was ich mit meinem Sohn alles nicht gemacht habe. Gestern sagte der Pfarrer: ‹Gott gibt und Gott nimmt.› Da habe ich geantwortet: ‹Wenn Gott mir meinen Sohn auf diese blödsinnige Art nimmt, dann ist Gott ein blöder Siech.›» P. sagt: «Ich bewundere Herrn K., er ist freundlich und geht jeden Tag zur Arbeit.» - «Er wahrt die Fassade», entgegnet Mirella Chopard, «und genau das, die Fassade wahren, wurde seinen Opfern und ihm zum Verhängnis.» Während Mirella Chopard das sagt, frage ich mich: Würde der Pfarrer das auch zu einer vergewaltigten Frau sagen: Gott gibt und Gott nimmt?

Die fünf Männer sitzen sehr still auf ihren Stühlen, den Blick meistens auf die Hände gerichtet. Sie tragen Gefängniskleidung. Das einzige Individuelle sind die verschiedenen Schuhe, Turnschuhe, Sandalen mit Klettverschlüssen, braune Halbschuhe. Es ist still im Therapieraum. Mirella Chopard sagt später, sie differenziere zwischen Täter und Delikt: «Ich akzeptiere die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Aber eine Tat akzeptieren, tolerieren oder entschuldigen? - Nein!»

«Stimmige» Bilder

Frank Urbaniok, seit 1997 Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes beim Zürcher Amt für Justizvollzug, beschäftigt sich als Therapeut, Gutachter und Supervisor seit mehr als zehn Jahren mit Straftätern und Straftaten. In seinem Buch «Was sind das für Menschen - was können wir tun - Nachdenken über Straftäter» erklärt er, warum eine Vergewaltigung für einen Täter «legitim» ist. «Menschen tun das, was ihnen in irgendeiner Mischung aus Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen innerhalb ihrer Psyche als angemessen oder ‹stimmig› erscheint.» Ein Täter vergewaltige eine Frau, weil diese Tat in sein innerpsychisches Gesamtbild passe. In seinem Inneren habe er eine aus Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen zusammengesetzte Legitimitätsvorstellung, die einen Handlungsimpuls entstehen und die Handlungsschwelle - die Tat ist strafbar - überspringen lasse. Weiter schreibt Urbaniok: «Ein wichtiger Ansatzpunkt (in der Therapie) besteht darin, möglichst genau die ‹Legitimitätsvorstellung›, die Motivationsgrundlage eines Straftäters zu kennen. Wenn es gelingt, diese zu ändern, können zukünftige Straftaten unwahrscheinlicher gemacht werden.» Gibt es eine typische Biografie des Vergewaltigers? Auffallend, so Chopard, seien die beiden Extreme: Täter, die als Kinder Gewalt und Horror erlebten. Die sehr früh Alkohol und Drogen konsumierten, keine Ausbildung haben, oft arbeitslos sind, nie eine verbindliche Partnerschaft hatten und ihre Sexualität ausschliesslich mit Prostituierten auslebten. «Aber», betont die Therapeutin, «nicht jeder, der als Kind Gewalt und sexuellen Missbrauch erlebt hat, wird zum Täter.» Das andere Extrem der Täter: Sie hatten eine gute Kindheit und Jugend, sind verheiratet und haben Kinder, ernährten jahrzehntelang mit ihrer Arbeit die Familie, waren sozial gut integriert. «Und trotzdem haben sie Frauen vergewaltigt», sagt Mirella Chopard.

Es gibt noch eine dritte Tätergruppe: jene, die sich im Umfeld des organisierten Frauenhandels bewegt und sich das Szenario einer Vergewaltigung organisieren kann. Weil es keine Opfer gibt, die klagen, werden diese Täter nicht verurteilt oder allenfalls verwahrt. Und auch nicht therapiert.

Was löst die Gewalt aus?

Die Idee der Therapie: Der Tathergang wird Schritt für Schritt rekonstruiert und mit den jeweiligen Handlungen, Wahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken in Verbindung gebracht. «Wir stellen die Frage: Was bringt einen Menschen auf seinem Lebensweg an den Punkt, dass er sich für Gewalt entscheidet?», sagt Mirella Chopard. Kann man wirklich von einer Entscheidung reden, ist das ein bewusster Akt? «Ja, denn Entscheidung heisst auch, die Verantwortung für die Tat zu übernehmen.»

Worum geht es bei einer Vergewaltigung? Um sexuelle Befriedigung? Gewalt? «Bei einer Vergewaltigung geht es nicht um Sex allein. Oft geht es auch um Macht und Kontrolle. Macht bedeutet, dass es für den Täter lustvoll und befriedigend ist, über einen schwächeren Menschen zu bestimmen. Kontrolle bedeutet, der Täter entscheidet, wie lange er diese Macht ausübt und sein Opfer kontrolliert. Macht und Kontrolle bei sexueller Gewalt heisst, der Täter kann das Leiden des Opfers verlängern, beeinflussen und beenden.» Die einzelnen Tataspekte seien bei jedem Täter sehr verschieden. Es gebe Täter, die würden ihr Opfer über Wochen oder Monate beobachten, um ein genaues Bild von den zukünftigen Tatumständen zu erhalten. «Vielleicht gehört die Beobachtung bereits zum Delikt, weil es den Täter sexuell erregt», sagt Chopard. Ein anderer Täter spreche sein Opfer spontan an einer Bushaltestelle an. Es könne sein, dass das Opfer einer bestimmten Vorstellung des Täters entspreche. «Bei diesem Täter versuchen wir in der Therapie herauszufinden, ob er tatsächlich so spontan vorging oder ob er es nur behauptet.» Bei einem Sexualstraftäter müsse man als Therapeutin das gesamte Muster seines Handelns und alle tatrelevanten Aspekte verstehen. «Dieser Prozess des Erkennens und Verstehens kann Monate oder sogar Jahre dauern», so Chopard. «Durch eine genaue Analyse der tatrelevanten Aspekte ist es möglich, Schritt für Schritt das Verhalten des Täters zu verändern und die Weichen so zu stellen, dass er in Zukunft deliktfrei leben will und dies auch kann.»

Neues Verhalten erlernen

Die Männer haben eine Stunde Einzel- und sechs Stunden Gruppentherapie pro Woche. Einmal pro Monat wird gemeinsam Sport gemacht, gekocht, oder es wird einmal ein Geburtstag gefeiert. Laut Mirella Chopard sind solche Aktivitäten eine Möglichkeit, die Männer zu beobachten und Informationen über ihre soziale Kompetenz zu erhalten. Wird er wütend, wenn er bei einem Mannschaftsspiel nicht im Mittelpunkt steht? Hilft er beim Gemüserüsten mit, oder steht er daneben und sagt den anderen, was sie zu tun haben? Nimmt er Rücksicht auf andere und fragt beim Essen, wer noch etwas möchte, oder nimmt er sich einfach die Resten? Auch deliktrelevante Verhaltensmuster werden so ersichtlich. Droht er anderen oder lügt er, wenn er sich benachteiligt fühlt? Sagt er zum Beispiel in einer Gruppentherapie, er finde es falsch, andere Menschen wegen ihrer Schwächen blosszustellen, macht es dann aber trotzdem, zum Beispiel während der Arbeit? Wie geht er mit anderen Menschen um, ist sein Verhalten respektvoll oder abwertend? Aufgrund dieser Beobachtungen würden deliktpräventive Strategien erarbeitet. Reagiert ein Täter immer mit Wut, wenn er sich verbal angegriffen fühlt, dann wird in Rollenspielen ein neues Verhaltensmuster erlernt. Der Täter muss lernen, Worte zu finden für das, was ihn wütend macht, und es seinem Gegenüber so zu vermitteln, dass eine Gesprächsbasis und keine explosiv aufgeladene Situation entsteht. Damit der Täter auch sich selber beobachten kann, werden solche Rollenspiele auf Video aufgenommen. Ein neues Verhaltensmuster wird in der Therapie trainiert, und für den Klienten heisst das auch, dass er lernen muss, dieses Verhalten auch im Gefängnisalltag umzusetzen.

Mirella Chopard arbeitet mit einem Kollegen zusammen, einem Mann. «Das ist wichtig», sagt die Therapeutin, denn «hier erleben die Klienten, wie Mann und Frau gleichberechtigt miteinander umgehen und wie man trotzdem unterschiedliche Meinungen vertreten kann.»

Fantasien sind Vorläufer der Delikte

«Ich habe vor zwei Tagen etwas im Fernsehen gesehen, das hat meine Fantasie angeregt. Ich habe dann mit der Therapeutin geredet. Ich muss so eine Art Pufferzone bilden, damit die Fantasien nicht weitergehen», sagt S.

Fantasien führten zu einer Desensibilisierung des Täters, er gewöhne sich an seine fantasierte Tat, sagt Chopard. «Die Fantasien begleiten die Täter oft über Jahre und Monate. Sie sind übermächtig, werden in den Alltag eingebaut. Die Täter fühlen sich ihnen ausgeliefert. In den Fantasien sind die Täter aber auch stark, sie bestimmen eine Situation.» Der Täter müsse lernen, diese übermächtigen Fantasien zu stoppen. Er übt dies mit einfachen Bildern. Er stellt sich zum Beispiel Folgendes vor: Er fährt mit einem Velo auf der Strasse. Er sieht in seiner Fantasie, wie sich die Räder drehen, wie er in die Pedalen tritt, wie er an Häusern und Bäumen vorbeifährt. Auf ein bestimmtes Zeichen wie Fingerschnippen stoppt er die Fantasie - er steht mit dem Velo still.

«Dadurch macht der Klient die Erfahrung, dass Fantasien verändert werden können, dass er die Kontrolle über das Bild hat.» Mirella Chopard betont, dass sie in der Gruppentherapie vorsichtig geworden seien mit der Fantasiearbeit. «Es ist wie mit pornografischem Material. Manchmal kommen die Täter durch diese Zeitschriften auf Ideen, die sie noch nicht hatten. Das Gleiche kann auch in der Gruppe geschehen. Da sagt einer, ich stehe darauf, die Frau zu würgen. Und der andere erwidert: Diese Idee hatte ich noch nie. Eine solche Aussage ist für uns ein Hinweis, den wir sehr ernst nehmen müssen. Das sind Momente, in denen plötzlich sexualisierte Lust aufkommt. Das kann sehr gefährlich sein, weil neue Bilder entstehen. Als Therapeutin muss ich hellwach sein und genau aufpassen, was abläuft. Aus diesen Gründen verlagern wir die Fantasiearbeit und die Deliktrekonstruktion oft in die Einzeltherapie.»

Informationen für die Deliktrekonstruktion erhält die Therapeutin aus den Akten des Täters: Polizeiprotokolle, forensische Gutachten und Anklageschrift. In der Deliktrekonstruktion sei es sehr wichtig, den Täter mit den Aussagen des Opfers zu konfrontieren. Nur so könne ein realistisches Bild des Tatvorganges entstehen, denn jeder Täter habe seine eigene Wahrheit.

In der Therapie können die Täter nichts mehr beschönigen, sie können sich auch nicht mehr herausreden. Ihre Gewalttätigkeit ist das zentrale Thema. L. ist seit anderthalb Jahren in der Gruppentherapie und sagt: «Ich bin erst am Anfang, aber jetzt schon am Limit.» Er weiss aber genau, dass er die Therapie machen muss, wenn die Verwahrung jemals aufgehoben werden soll.

Die einen sind kalt, andere bereuen

Als Psychiatriepflegefachfrau begegnete Mirella Chopard vielen Opfern von Gewalt, die sich immer wieder die Frage stellten: Warum ich? Warum hat mir der Täter das angetan? Auch die Täter, sagt Chopard, würden sich die Frage stellen: Warum ich? Chopard ist diesen Fragen nachgegangen, hat die Antworten von Opfern - und Tätern - notiert und in einem Buch veröffentlich.

Die Perspektive wechseln und sich mit dem Opfer auseinander setzen sei Teil der Therapie, sagt Chopard. «Wenn wir über die Leiden des Opfers reden, gibt es Momente, da halte ich es fast nicht aus. Die einen Täter sind so rücksichtslos und so kalt. Und andere wirken echt betroffen, bereuen ihre Tat zutiefst. Aber diese Betroffenheit und Reue verhindert kein zukünftiges Delikt.»

L. sagt, wenn er an das Opfer denkt, «werde ich zum Teil auf mich selber wütend». Eine Aufgabe in der Gruppentherapie war, sich selber als Opfer vorzustellen und dem Vergewaltiger einen Brief zu schreiben. L. hat in seinem Brief geschrieben. «Ich hoffe, dass ich dich nie mehr sehen muss. Du hast mir Angst und Leid zugefügt. Ich hoffe, dass ich irgendwann vergessen kann.»

Dass das Opfer eine Vergewaltigung vergessen könne, das nennt Mirella Chopard «den Traum des Täters. Ein Opfer kann eine Vergewaltigung nie vergessen.»

Ständerat winkt durch

Im Februar 2004 legte eine Mehrheit der Schweizer Stimmberechtigten ein Ja für die Volksinitiative «Lebenslange Verwahrung für nicht therapierbare, extrem gefährliche Sexual- und Gewaltstraftäter» in die Urne. Obwohl diese «Verwahrungsinitiative» nicht mit der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) vereinbar ist, wurde der Bundesrat damit verpflichtet, sie umzusetzen. Am Dienstag nun folgte der Ständerat seiner Kommission für Rechtsfragen und hiess als erste Kammer den vom Bundesrat ausgearbeiteten Kompromiss ohne Gegenstimmen gut. Anders als es die Verwahrungsinitiative verlangt, soll «die zuständige Behörde von Amtes wegen oder auf Gesuch hin prüfen, ob neue, wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, die erwarten lassen, dass der Täter so behandelt werden kann, dass er für die Öffentlichkeit keine Gefahr mehr darstellt.» Die Behörde muss sich bei ihrem Entscheid auf die Meinung einer neu zu schaffenden eidgenössischen Fachkommission stützen. Die Initiantinnen der Verwahrungsinitiative drohten bereits mit dem Referendum, für den Fall, dass das Parlament den Vorschlag des Bundesrates gutheisst.

Esther Banz

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