Nr. 13/2008 vom 27.03.2008

Wo Hilfswerke Feinde sind

Das Bild, das wir uns von Afghanistan machen, stimmt so nicht, sagen die EthnologInnen Pierre und Micheline Centlivres. Und haben ein Buch zum Nachdenken vorlegt.

Von Judith Huber

Es muss wohl der Röstigraben sein: In der Westschweiz sind Pierre und Micheline Centlivres bekannt und gefragt als ExpertInnen in Sachen Afghanistan. In der Deutschschweiz nimmt man sie praktisch nicht wahr. Dabei kennt kaum jemand das Land so gut wie das inzwischen pensionierte Ehepaar aus Neuenburg.

1962 überquerte die Studentin Micheline Demont mit ihrem Volkswagen vom Iran herkommend die Grenze nach Herat. «Herat kam mir damals wie eine mittelalterliche Stadt vor, verglichen mit dem relativ modernen Iran, all die Männer mit Turban, die Frauen in der Burka», sagt sie im Gespräch. Afghanistan sei damals traditioneller gewesen als der Iran, aber mit einer offeneren und freundlicheren Religion. Pierre Centlivres reiste 1964 das erste Mal ins Land, um zwei Jahre lang als Berater im Kabuler Museum zu arbeiten. Die beiden lernten sich in Kabul kennen, heirateten - und widmeten einen grossen Teil ihrer Arbeit dem Land.

Das Ehepaar studierte zunächst die interethnischen Beziehungen in Afghanistan; in den achtziger und neunziger Jahren dann, nach dem sowjetischen Einmarsch, dem darauffolgenden Bürgerkrieg und später dem Regime der Mudschaheddin und der Taliban richtete sich ihr Interesse auf die «Nation im Exil»: auf die Millionen Flüchtlinge in pakistanischen und iranischen Flüchtlingslagern und -dörfern. Die beiden erlebten, wie die Flüchtlingslager zu Laboratorien des radikalen Islam wurden, gefördert von den Grossmächten, die sich die Niederlage der Sowjets wünschten. Sie veröffentlichten zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Arbeiten. Micheline Centlivres beschäftigte sich auch mit der Stellung der afghanischen Frau; Pierre Centlivres wurde Professor in Neuenburg und später Direktor des dortigen ethnologischen Instituts.

Ihr Buch «Revoir Kaboul» ist das jüngste Werk des Ehepaars. Es beleuchtet die Zeitspanne von 1972 bis 2005. Das Afghanistan «davor» - vor dem Umsturz 1978, der zur sowjetischen Invasion führte - und das «danach». Es ist keine politische Analyse, kein historischer Roman, auch kein journalistischer Reisebericht. Es sind Aufzeichnungen, Beobachtungen, Aperçus, Begegnungen, Chroniken, Erinnerungen, Gedanken. Basis sind die von den beiden akribisch geführten «journaux de terrain», die sie mit ihren Erinnerungen ergänzten. Jede Zeile zeugt vom Respekt vor der fremden Kultur.

Wohltuende Bilderphobie

Das Buch bietet überraschende Einsichten, widerspricht gängigen Vorurteilen und Klischees. Manchmal stört die Akribie der ethnologischen Beschreibung den Lesefluss; an anderer Stelle hätte man sich mehr Vertiefung gewünscht. Andererseits erlauben auch kurze Bemerkungen eine tiefere Erkenntnis. So etwa bei ihren Notizen zum Bilderverbot der Taliban: «Die Bilderphobie der neuen Herren führte die triumphierende Ikonografie der Jahre des Dschihads und des Exils auf den allereinfachsten Ausdruck zurück. Auf die narzisstischen Kommandanten, auf die zahlreichen Porträts der Anführer des Widerstands folgte 1996 in Kabul die Unsichtbarkeit von Mullah Omar, dessen Charisma sich aus eben dieser Unsichtbarkeit speiste.»

Das Kabul des Jahres 1998 beschreiben die beiden EthnologInnen mit den wenigen Worten: «Kabul, in dem die fahlen Farben, das Grau und das Braun dominieren, lässt an ein abgenutztes und altersschwaches Bühnenbild denken. Es herrscht eine tugendhafte und traurige Atmosphäre. Kabul - eine Stadt als Negativ, eine provisorische Version einer Stadt, in der Farbe, Ton und - natürlich - die weibliche Rolle fehlen.»

Ajatollah Robespierre

Zwölf Jahre zuvor, 1986, hatte das Ehepaar Centlivres im pakistanischen Peschawar Gelegenheit, mit einem Vertreter der radikalislamischen Partei Hesb-e islami zu sprechen. «Was für ein Schock! Robespierre, der zum Ajatollah geworden ist!» Die Partei des radikalen Islamisten Gulbuddin Hekmatyar wuchs in den achtziger Jahren zur reichsten Partei des Widerstands heran, da sie das «Lieblingskind» der USA und Pakistans war - und damals die einzige und erste afghanische Partei, die in der gesamten muslimischen Welt Freiwillige anwarb. Ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Westen und den internationalen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) war schon damals Teil der Ideologie - die westlichen Geldgeber hätten es wissen können, wenn sie es hätten wissen wollen.

Der Hesb-Vertreter sagt das klar und deutlich: «Die NGO ... Auch sie verfolgen nur ihr Eigeninteresse unter dem Deckmantel der Humanität: Spionage, Propaganda oder Bekehrung der Muslime zum Christentum.» Und das 1986, als Hekmatyars Leute wie alle Mudschaheddin als Verbündete des Westens galten, und als Freiheitshelden. «Es wäre naiv zu glauben», schreiben Micheline und Pierre Centlivres nach der damaligen Begegnung, «dass, nur weil die Islamisten die Truppen Kabuls und der Roten Armee bekämpfen, sie sich auch tatsächlich als Verbündete des Westens verstehen.» Hekmatyar hat sich übrigens später den Taliban angeschlossen und wird heute von den USA als Terrorist gesucht.

Die EthnologInnen weisen aber auch darauf hin, dass dieses Misstrauen der ausländischen Hilfe gegenüber in Afghanistan weit verbreitet ist. Die AfghanInnen könnten nicht verstehen, warum ihnen jemand aus einem weit entfernten Land hilft. Dass ein Muslim einem Glaubensbruder beistehe, das sei normal und sogar seine religiöse Pflicht. Aber Schweden, Französinnen, Australier - warum kümmern sie sich um Menschen, die sie nicht kennen? Da müssen versteckte Interessen im Spiel sein. «So wie das Recht und die Politik untrennbar mit der Religion verbunden sind, so ist in den Augen vieler Afghanen und auch vieler anderer die westliche 'Philanthropie' mit der Ideologie und den Interessen des Westens verknüpft.»

Erfahrung in der Diaspora

2005 unternahm das Ehepaar seine letzte Reise nach Afghanistan. Kabul, die einst mythische Hauptstadt im Zentrum Asiens, ist zu einer monströsen Agglomeration eines Drittweltlandes verkommen. Das Land ist nicht mehr völlig isoliert wie in den sechziger Jahren, als AusländerInnen selten waren und als merkwürdige Wesen galten. Heute hätten alle AfghanInnen direkt oder indirekt Kontakt mit Ausländern gehabt, sagt Pierre Centlivres: Über die NGOs und die internationalen Truppen, dank Erfahrungen im Exil oder über die Verwandten im Ausland. «Die Afghanen sind globaler geworden.» Dank moderner Kommunikationsmittel wie das Handy sind Menschen aus den entlegensten Gebieten Afghanistans erreichbar. Gleichzeitig sei aber auch das Misstrauen gegenüber dem Westen gewachsen. Das Bild der Westler als Feinde des Islams habe sich in den Köpfen festgesetzt.

Nicht unterschätzt werden darf laut den Centlivres die Bedeutung der Diaspora: Viele afghanische Familien haben einen Teil der Verwandtschaft im Ausland, im Iran, in Pakistan oder im Westen. Die AuslandsafghanInnen schicken jährlich rund zwei Milliarden US-Dollar an ihre Verwandten in der Heimat. Eine Summe, die die internationale Hilfe bei weitem übertrifft. Dieses Geld fliesst nicht in ambitiöse Entwicklungsprojekte, sondern hilft den Familien, den Alltag zu bewältigen. «Vielleicht ist die internationale Hilfe eben nicht immer so unbedingt nötig, wie es scheint», gibt Micheline Centlivres zu bedenken.

Andere ExilafghanInnen kehren mit Geld und Erfahrungen in die Heimat zurück. Vor allem für die Frauen sei das von grosser Bedeutung, sagt Micheline Centlivres. «Sie sind sich plötzlich ihrer Rolle bewusst. Sie kehren mit Erwartungen und einer inneren Kraft zurück. Sie sind nicht mehr dieselben. Sie haben beispielsweise im Iran gesehen, was für eine Frau, sogar in einer islamischen Gesellschaft, möglich ist. Oder sie haben im Ausland die Verantwortung für die ganze Familie übernommen. Diese Erfahrungen kann man ihnen nicht mehr nehmen.»

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