Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Die AKW-Super-League

Am Dienstag trafen sich AKW-Bauer, Stromkonzerne und Gewerbler in Leibstadt - seit Jahren das erste breite Treffen. Man stimmte sich drauf ein, in der Schweiz möglichst schnell ein neues AKW durchzuboxen.

Von Susan Boos

Es war eine Erweckungsveranstaltung - seit Jahrzehnten die erste ihrer Art. Zwei-, dreihundert Leute versammelten sich in einem Zelt neben dem Informationspavillon des Atomkraftwerkes Leibstadt. Alles, was mit Atomkraft zu tun hat oder zu tun haben möchte, war anwesend: die hiesigen AKW-BetreiberInnen, die Firma Areva, die in Finnland den neusten Reaktor baut, Westinghouse Electric, die in den USA neue zu bauen gedenkt, sowie zahlreiche grössere und kleinere Firmen, die dabei sein möchten, wenn die Atomkraft ihre Wiedergeburt erlebt. Die Veranstaltung lief unter dem Titel «Industrietagung nuclea» und widmete sich der «Kernenergie als Wirtschaftsfaktor»; eingeladen hatte das Nuklearforum Schweiz, die PR-Vereinigung der Atomwirtschaft.

Heinz Karrer, der Chef des Energieunternehmens Axpo, stand jovial und sportlich vor der versammelten Nukleargemeinde und beschrieb das Grauen, das losbricht, wenn in der Schweiz nicht möglichst bald mit dem Bau eines neuen AKW begonnen wird. Er sprach nie von Atomkraftwerk. Er redete nur von Kernkraft und Nukleartechnologie. Das ist seit den sechziger Jahren so, seit die AKW-FreundInnen begriffen haben, dass Atomkraftwerk zu sehr nach Atombombe tönt.

Karrer zeigte mit einer bunten Powerpointpräsentation, dass Europa bis in 25 Jahren dreihundert Kraftwerke in der Grösse von Leibstadt bauen müsse, um seinen Strombedarf zu decken. Der Strombedarf steige auch in der Schweiz jährlich um 1,5 bis 2 Prozent. Das führe dazu, dass sich vermutlich schon ab 2012 im Winter eine gefährliche Stromlücke öffne. Das Bundesamt für Energie setze nun mittelfristig auf Gaskombikraftwerke, was für die CO2-Bilanz verheerend sei. Karrer rechnete vor: «Wenn wir in der Schweiz die Kernkraftwerke durch Gaskombiwerke ersetzen, steigt der CO2 -Ausstoss jährlich um zwölf Millionen Tonnen - was etwa gleich viel ist, wie der Verkehr ausstösst.» Sein Fazit: «Kernkraftwerke sind preisgünstig, preisstabil, garantieren eine geringe Auslandabhängigkeit und verursachen kein CO2 .»

Mehrere Leute seien bei der Axpo bereits seit vierzehn Monaten daran, die AKW-Pläne voranzutreiben, sagt Karrer. Er peilt einen ersten Entscheid bis ins Jahr 2008 an. Spätestens dann wird man erfahren, wie gross das geplante AKW sein wird und wo es stehen soll. Wie auch immer: Diesmal wird die Bevölkerung an der Urne mitreden können, da das neue Kernenergiegesetz für neue Atomanlagen ein Referendum vorsieht.

Später trat Manfred Thumann vor die versammelte Gemeinde und legte dar, weshalb «Kernenergie langfristig, berechenbar und konkurrenzfähig» ist. Thumann ist der AKW-Spezialist der Axpo, liebt Bordeaux-Weine, fährt Snowboard und hat das Zeugs zum neuen Atompapst - jovial, kommunikativ und beseelt von der Idee, im neuen Jahrtausend das erste Schweizer AKW zu bauen. Er brachte Zahlen, unglaublich viele Zahlen. Unter anderem sagte er, wenn man den heutigen Gaspreis einsetze, würde eine Kilowattstunde aus einem neuen Gaskraftwerk inklusive CO2-Abgabe einmal 11,43 Rappen kosten. Im schlechtesten Fall würde der Strom aus einem neuen AKW knapp 7 Rappen pro Kilowattstunde kosten, im besten Fall nur 4,5 Rappen. Seine Botschaft kam an: Mit Kernkraft lässt sich günstig das Klima retten - wer dagegen ist, ist verantwortungslos.

Vieles, was im Zelt neben dem Leibstadter Kühlturm an diesem Tag erzählt wurde, war nicht ganz falsch - die Männer blendeten einfach aus, was nicht gefällt. Doch selbst wenn man darüber hinwegsieht, wie teuer Atomstrom wirklich ist, selbst wenn man das Sicherheitsrisiko ignoriert und die Atommüllfrage grosszügig übergeht - es bleiben sogar in ihrer eigenen Logik massive Ungereimtheiten. Um nur fünf Punkte zu erwähnen, die zeigen, dass sich mit AKW das Klima nicht retten lässt:

· Allein im vergangenen Jahr stieg der CO2-Ausstoss weltweit um weitere 2,5 Prozent. Um dieses zusätzliche CO2 zu kompensieren, müsste man 280 Atomkraftwerke in der Grösse von Leibstadt bauen - weltweit sind zurzeit 442 AKW in Betrieb.

· Bis ein neues AKW in Betrieb geht, dauert es mindestens zehn bis fünfzehn Jahre. Demnach müsste man jetzt 2800 AKW planen, um in zehn Jahren das kompensieren zu können, was man in der Zwischenzeit an neuem Kohlendioxid angehäuft hat.

· Aus rein technischen Gründen ist die Atomwirtschaft zurzeit nur in der Lage, fünf bis sechs Anlagen pro Jahr zu fabrizieren.

· Ein neues AKW kostet 3 bis 4 Milliarden Euro - 280 Anlagen kosten also zwischen 1 bis 1,5 Billionen Franken. Mit diesem Geld liesse sich einiges anstellen, was bezüglich CO2-Emissionen effizienter wäre, wie Energiesparmassnahmen und die Förderung erneuerbarer Energien.

· Hochgerechnet auf den heutigen AKW-Park reichen die Uranreserven noch für sechzig Jahre. Würde man ernsthaft versuchen, mit Atomstrom das CO2-Problem zu lösen, wären diese Ressourcen binnen weniger Jahre erschöpft.

Mit AKW die drohende Klimakatastrophe zu bannen, ist also so effizient wie mit einer Giesskanne einen Grossbrand zu löschen.

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