Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Grosse Worte, grosse Liebe

«Das Duell» liest sich als verzehrende Liebesgeschichte, aus zwei Perspektiven erzählt, leidenschaftlich und satirisch unterlegt.

Von Stefan Howald

Die Konstellation von Rudolf Bussmanns jüngstem Roman ist nicht eben neu. Zwei Jugendfreunde, Mitte fünfzig, treten unvermutet in Konkurrenz zueinander, mit ihren Karrieren und Liebschaften, ihren Lebensphilosophien. Da ist Juan, der Ich-Erzähler, der sich als Unternehmensberater nichts vormachen lässt, auch nicht von Octavio, mit dem er einst Jura studierte, dem er die erste Freundin ausspannte, dem er jetzt wieder als Vizedirektor eines Hotelkonzerns in einer Krisensituation begegnet. Zuhören, reden lassen ist Juans Rezept, und Octavio seinerseits ist nur allzu willig, in einer langen Nacht zu erzählen, über die aufwühlende Liebe zu einer DDR-Fotografin, die er in Paris kennenlernte, der er nach Ostberlin nachreiste, kurz bevor die Mauer fiel, während bei der Fotografin Krebs ausbrach.

Bis zum Tod hat er die Kranke gepflegt, in einer bewegenden Fantasielandschaft eingesponnen, in absurde Kämpfe mit einer sich auflösenden Bürokratie verwickelt. Die Liebesgeschichte ist einhergegangen mit einer weiteren Offenbarung. Im Werk des Schriftstellers und Ethnologen Victor Segalen (1878-1919) entdeckte Octavio ein anderes Sehen, den Exotismus des Vertrauten, die Weihe des Augenblicks. Für Octavio ist die Geschichte der Beweis dafür, worüber er mit Juan schon in der Jugend stritt: dass die grosse, verzehrende Liebe existiert.

Für Juan sind das alles nur grosse Worte geblieben. Einen vom Marienkult Geschädigten, der die Frauen als Heilige sucht, nennt er seinen Jugendfreund einmal, und auch Octavios Trauer nach dem Tod der Fotografin will ihm verdächtig erscheinen, das Duell mit dem Seelenkrebs, den Octavio in den seither vergangenen fünfzehn Jahren auf die eigene Haut rücken sieht.

Aussage gegen Aussage

Das ist ebenso eingängig wie elegant beschrieben, zwischen fieberndem Aufschwung und skeptischer Nüchternheit. Bussmann setzt die stilistischen Mittel wechselnder Perspektiven gekonnt ein. Er ist nicht nur langjähriger Mitherausgeber der Literaturzeitschrift «drehpunkt», sondern auch Nachlassverwalter der 1990 verstorbenen Irmtraud Morgner. 1992 edierte er deren angeblich verschollenen frühen Roman «Rumba auf einen Herbst» und gab dann 1998 den dritten Teil von Morgners Salman-Trilogie, «Das heroische Testament», aus nachgelassenen Fragmenten heraus. Die Figur der DDR-Fotografin Kezia orientiert sich lose am Leben und Sterben und vor allem an der Aura der DDR-Autorin Irmtraud Morgner. Spielt das eine Rolle? Nicht wirklich. Oder doch: «Die Liebesgeschichten der Hauptpersonen werden novellistisch erzählt: Es steht Aussage gegen Aussage», hat Morgner einmal zu einem ihrer Romane geschrieben, und das sollte man auch für Bussmanns Buch beherzigen.

In Juan und Octavio stehen sich zwei Lebenshaltungen gegenüber, der Romantiker und der Pragmatiker. Man muss nicht alles in diesem Roman zum Nennwert nehmen. Juans distanzierte Passivität, die die banalen Machtkämpfe in den Chefetagen von Unternehmen zum Ausbruch bringt, macht sich nicht nur über Managementtheorien lustig. Auch Octavios Leben nach der tragischen Liebesgeschichte, dessen Karrierebruch und folgender Wiederaufstieg, der aus Gleichgültigkeit erfolgt, schliesslich die Einmischung einer Doppelgängerin der grossen Liebe, wird unter Juans Blick auf literarische Konventionen durchsichtig. Umgekehrt wird Juan als Ich-Erzähler zunehmend unzuverlässig, liest die Zeichen der andern falsch, versagt jämmerlich gegenüber den eigenen Gefühlen.

Die Crux der Aphorismen

Zeitgleich mit diesem dritten Roman hat Bussmann einen Band mit Aphorismen und kurzen Texten vorgelegt. Der ist, in 25 Stunden gegliedert, thematisch beeindruckend weit gespannt, vom Alltag bis zu den letzten Dingen unserer Existenz. Kunstfiguren ziehen sich durch, Dialoge, Kürzestgeschichten. Die Aphorismen haben zuweilen eine Tendenz zum grossen Abstraktum: «Die gefährlichste aller Reisen ist die von einem Gedanken zum andern. Sie kann jederzeit durch ein akutes Krisengebiet führen.» Schön gesagt, aber hohl klappernd. Anregend sind die Gedanken und Texte, wenn ihr Material identifizierbar bleibt. Auch wenn sie, in der Kleinstform, Ansicht gegen Ansicht inszenieren. Dann werden sie handfest und zugleich anschaulich.

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