Slow Food im Supermarkt : Schnecke auf Überholspur

Nr.  49 –

Die früheren GenussgenossInnen von Slow Food lassen sich von jenen unterstützen, gegen deren destruktive Politik auf dem Lebensmittelmarkt sie einst antraten. Nur eine Frage des Geschmacks?

Vergangenen Mai meldeten sie kurz und bündig ihre Verlobung, im Oktober folgte die offizielle Vermählung, und schon fürs nächste Frühjahr sind erste Kinder angekündigt: Coop Schweiz und Slow Food Schweiz gehen eine «exklusive Partnerschaft» ein, um sich gemeinsam gegen die «Verrohung des guten Geschmacks» zu wenden und sich für das Essen als «schützenswertes Kulturgut» einzusetzen.

Viele rieben sich die Augen ob dieser Mésalliance zwischen zwei Partnern, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Auf der einen Seite der umsatzmässig zweitgrösste Detailhändler der Schweiz, der allein im Lebensmittelbereich 8,5 Milliarden Franken umsetzt und seine Marktmacht gegenüber LieferantInnen und Landwirtschaft skrupellos ausspielt: Für das nächste Jahr verlangt Coop-Chef Hansueli Loosli von ihnen einen generellen Preisabschlag von drei Prozent und kündigt an, dass künftig mit härteren Bandagen gekämpft wird. Auf der andern Seite ein kleiner Verein von GeniesserInnen und FeinschmeckerInnen, die gegen Massenproduktion und Fastfood antreten und sich für «eine neue Esskultur» einsetzen wollen, zu der verantwortungsvoller und bewusster Genuss, der Respekt gegenüber Natur und lokalen Traditionen sowie nachhaltige Landwirtschaft gehören sollen.

Dass selbst Leute, die die Slow-Food-Bewegung kaum kennen, Zweifel an dieser Ehe hegen, erstaunt Rafael Pérez, Präsident und Triebfeder der Schweizer Slow-Food-Bewegung und von Beruf Weinhändler. Dabei hat er selber noch vor wenigen Jahren gegen die Grossverteiler gewettert: Sie seien mitschuldig daran, dass regionale Spezialitäten vom Markt verschwinden und in den Läden zunehmend nur noch «austauschbare Mainstream-Produkte» zu finden seien, denn sie scherten sich «nicht um alte Traditionen und lehnen jede Verantwortung für ihre Produkte ab». Inzwischen erklärt Pérez den Slow-Food-Mitgliedern im Vereinsblatt die Zusammenarbeit mit dem Detailriesen wortreich als pragmatischen Schritt zur Verbreitung der Ziele der Bewegung.

Am Anfang ein Gelage

Dies ist nicht der einzige Widerspruch, mit dem der Genussverein Slow Food zu leben hat. Slow Food war anfänglich eine italienische Angelegenheit: Ausgehend von einem Kern von Barolo-Freunden aus der piemontesischen Stadt Bra wurde 1986 im Schoss der «Associazione ricreativa comunista italiana» oder «Arci», der allgegenwärtigen linken Freizeitorganisation, eine Sektion gegründet, die sich mit «Önogastronomie», eine Wortschöpfung aus Önologie (Weinkunde) und Gastronomie (Kochkunst), befasste. Sie nannte sich «Arcigola»: «Gola» heisst Kehle, und so lautete auch der Titel einer Zeitschrift mit entsprechender Thematik. Die Arcigolosi wollten Wissen und Kenntnisse über Wein und Nahrungsmittel verbreiten, entsprechende Neugier wecken und zu bewusstem, überlegtem Konsum in geselligem Rahmen anregen. Die Gründung wurde denn auch mit einem zweitägigen Gelage gefeiert, wie sich Carlo Petrini, Gründungsmitglied und langjähriger Präsident von Slow Food, in seinem Buch* erinnert.

Laut Petrini wurde die neue Vereinigung von Italiens Linksintellektuellen mit Argwohn als ein Klub «hedonistischer Lebemänner» betrachtet. Das Gastro-Establishment hielt sie dagegen für inkompetente und ideologisierende Eindringlinge in sein Gebiet. Trotzdem wuchs die Zahl der Mitglieder in wenigen Jahren von 500 auf 8000 - eine kulinarische Protestaktion gegen die Eröffnung einer McDonald’s-Filiale auf der Piazza di Spagna in Rom verhalf der Bewegung zu Publizität und zum Namen Slow Food als Gegensatz zum sich ausbreitenden Fastfood. Bald kam als Wahrzeichen der Bewegung die Schnecke, die sich langsam und genussvoll durch ihr Leben frisst. Das Konzept hatte Erfolg; schon 1989 wurde von Delegierten aus fünfzehn Ländern in Paris Slow Food International gegründet und ein Manifest zur «Wahrung des Rechts auf Genuss» verabschiedet - auch diese Gründung war von ausgedehnten Abendessen und «Verkostungen» begleitet.

Kommerz statt Politik

Trotz ihrer Wurzeln in einem politisierten Umfeld versteht sich die Slow-Food-Bewegung nicht als politische Organisation, und ihr Kampf gegen die Globalisierung gleicht nicht jenem von Attac oder dessen Exponenten José Bové, der handgreiflich gegen McDonald’s vorging. Slow Food will nicht gegen etwas kämpfen, sondern für die Bewahrung und Verbreitung von bedrohten Spezialitäten und für deren ProduzentInnen und traditionelle Herstellungsmethoden.

So organisierten lokale Slow-Food-Sektionen (in Italien heissen sie «Condotte», anderswo «Convivia») gesellige Anlässe und brachten damit ihren Mitgliedern Produkte und ProduzentInnen näher. Doch für ein wirtschaftliches Überleben solcher Spezialitäten brauchte es mehr Breitenwirkung; sie wurde mit Publikationen und Grossanlässen angestrebt. Dabei zeigte die Slow-Food-Organisation wenig Berührungsängste. 1990 erschien erstmals der Restaurantführer «Osterie d’Italia» - ein unentbehrlicher Begleiter auf Italienreisen für all jene, die dort nach Slow-Food-Manier essen wollen. Er erscheint inzwischen auch auf Deutsch und wird jährlich aktualisiert.** Seit 1996 erhalten Mitglieder die wunderschön gestaltete Vierteljahresschrift «Slow» mit allerlei Wissenswertem und auch Belanglosem zu den Slow-Food-Themen. Beide Publikationen werden dank Inseraten von Unternehmen ermöglicht, die spontan kaum mit den hehren Vereinszielen in Zusammenhang gebracht würden. Coop Italien gehört seit langem dazu wie auch Barilla-Teigwaren oder Ruffino-Weine. Die Zusammenarbeit mit solchen SponsorInnen und mit Städten und Provinzen erlaubt Anlässe, die durchaus auch kommerzielle Absichten verfolgen. So findet seit 1996 alle zwei Jahre in Turin der «Salone del Gusto» statt, an dem zu zahlreichen «Geschmackserlebnissen» geladen wird und wo ProduzentInnen Gelegenheit haben, ihre Leckerbissen einem grösseren Kreis potenzieller KonsumentInnen sowie Journalistinnen und Händlern aus aller Welt (dieses Jahr kamen über 170 000) zu präsentieren. Ähnliche Messen an wechselnden Orten sind bestimmten Regionen oder Produktgruppen wie Käse oder Fisch gewidmet.

In den letzten Jahren kam der Slow-Food-Preis hinzu, der jährlich an Menschen vergeben wird, die sich um die Produktevielfalt verdient gemacht haben - das können Bauern, Herstellerinnen, Händler oder Forscherinnen sein. Zudem wurde die «Arche des Geschmacks» gegründet, die Spezialitäten aufnimmt, um sie vor der Sintflut der globalen Standardisierung zu retten; sie und ihre HerstellerInnen werden von sogenannten Förderkreisen betreut. Längst ist Slow Food laut Gründer Carlo Petrini zur «grössten Lebensmittel-Multinationalen der Welt» geworden. Parallel zum Geschmackssalon in Turin findet seit 2004 das «Terra Madre»-Treffen von «Lebensmittelgemeinschaften» aus der ganzen Welt statt: eine regelrechte Genuss-Uno, dieses Jahr mit mehreren tausend TeilnehmerInnen und einer Begrüssung durch den britischen Thronfolger Prinz Charles.

Eine Hand wäscht die andere

In der Schweiz gibt es Slow Food seit 1993. Auch hier halten die sechzehn Convivia-Anlässe zum geselligen und genüsslichen Kennenlernen von Spezialitäten und deren HerstellerInnen ab, gelegentlich gibt es überregionale messeartige Veranstaltungen. Auch hier bleibt Politik weitgehend aussen vor: Da die Statuten die politische Neutralität des Vereins klar festlegen, druckste dieser sich zum Beispiel lange um das Thema Gentechnologie herum, bevor er die Gentechfrei-Initiative 2005 klar zu unterstützen wagte. Auf der Website von Slow Food Schweiz erklärt Präsident Rafael Pérez zufrieden, er stosse mit seinen Ausführungen zu Slow Food bei Menschen «unterschiedlichster politischer Meinung» auf Zustimmung. Deutlich kleiner ist von jeher die Berührungsangst mit dem Kommerz: Lange Zeit konnten Beizen und Weinhandlungen «Firmenmitglied» von Slow Food werden und nutzten die Bewegung für ihr Marketing. Das Vereinsorgan «Adagio» schwankte zwischen einem Blatt mit ernsthaften Anliegen und einer Gutscheinbroschüre für «locali amici».

Diese Zeiten sind seit der Neustrukturierung von 2003 vorbei. Geblieben ist hingegen die Zusammenarbeit mit Coop Schweiz. Zuerst sponserte Coop «mit einem namhaften Betrag» die Neugestaltung der Slow-Food-Website und ihr Logo ziert jede Seite. Weiter bezahlt Coop für das Inserat auf der Rückseite der Vereinsschrift einen Preis, der die Produktion des vierteljährlich erscheinenden Blattes erst ermöglicht. Nun gehen die beiden Partner eine Vernunftehe ein, die Pérez so erklärt: «Coop gibt materiell und erhält ideell etwas, Slow Food gibt ideell und erhält materiell etwas.» Als Erstes bezahlt Coop 75 000 Franken an die Förderkreise für den Bitto-Käse aus dem Veltlin, den Visciolato-Kirschwein aus Ancona und Honig vom Krater des Vulkans Wonchi in Äthiopien. Das Geld soll der Qualitätssicherung und dem Marketing für diese Produkte dienen. Später will Coop Förderkreise in der Schweiz für hiesige Produkte unterstützen - es gibt derzeit erst zwei davon, aber etliche Anwärter. Pérez erhofft sich zudem einen Beitrag an «Schulungsprojekte und Geschmackserziehung».

Bei Coop ist die Einschätzung ähnlich: Kommunikationschef Felix Wehrle sieht das Engagement von Coop ebenfalls eher auf philosophischer und ideeller Ebene und weniger im Verkauf von Slow-Food-Produkten, die naturgemäss nicht in grossen Mengen verfügbar sind. Er denkt vor allem an Informationskampagnen in grösseren Filialen mit der Botschaft, dass es schützenswertes Kulturerbe auch auf kulinarischem Gebiet gibt - eine Art Kontrapunkt zum «Geiz ist geil»-Trend und zur Tatsache, dass der Anteil der Ausgaben fürs Essen in den Haushalten immer geringer wird. Als ewiger Umsatzzweiter im Schweizer Detailhandel ist es sicher nicht nur im philosophischen Interesse von Coop, alle Kundensegmente zu bedienen: von den Sparern (Prix Garantie) über die Biofreaks (naturaplan) und die Fastenden (Weight Watchers) bis zu den Gourmets (Fine Food und nun auch Slow Food). Coop-Frischwaren-Manager Philipp Wyss verspricht jedenfalls schon für den Frühling 2007 zwanzig bis dreissig Slow-Food-Produkte im Angebot von etwa hundert grösseren Coop-Läden.

Innerhalb von Slow Food Schweiz scheint die Skepsis gegenüber der Verbindung mit Coop kleiner zu sein als bei vielen Aussenstehenden: Das Abkommen sei sauber, meint ein Tessiner Slow-Food-Vertreter, und die Kommerzialisierung der «Arche»-Produkte eine Notwendigkeit. Das könne spannend werden, meint ein anderer, und Präsident Pérez sagt: «Wenn wir etwas bewegen wollen, müssen wir breite Schichten erreichen.»


www.slowfood.com (internationale Vereinigung)

www.slowfood.ch (Schweizer Sektion)

Labelsalat à la Coop

• Prix Garantie: Die Billiglinie von Coop, die Konkurrenz zu M-Budget: 370 Artikel - pikant: einzelne davon sind identisch mit den teureren im Normalsortiment.

• Betty Bossi: 500 schon fertig zubereitete oder rasch fertig zu kochende Produkte für all jene, denen sogar Betty-Bossi-Kochbücher zu kompliziert zum Selberkochen sind.

• Weight Watchers: Die weltweite Ernährungsorganisation ist mit Coop erstmals eine Vermarktungspartnerschaft eingegangen. Den punktezählenden Weight Watchers und anderen Linienbewussten verkauft Coop exklusiv 300 dieser fett-, zucker- und kalorienreduzierten Produkte, die seit Juni 2005 das frühere «Lifestyle»-Label ersetzen und schon sechs Monate später achtzig Millionen Franken umsetzten.

• Délicorn: Etwa dreissig Artikel für Vegetarier, die aber dennoch irgendwelche Schnitzel und Würste - vor allem aus Getreide - essen wollen. Dieses Label ist noch im Aufbau begriffen.

• Free from: In diesem Jahr eingeführtes Label für Produkte, die auch AllergikerInnen - vor allem jenen, die auf Gluten und Lactose verzichten müssen - den «Genuss von allem, das das Herz begehrt» erlauben sollen. Das Allergikerherz darf allerdings nicht allzu viel begehren, die Linie umfasst vorerst gerade mal vierzig Artikel.

• Naturaplan: Eine Milliarde Franken Umsatz im Jahr macht Coop mit den rund 1500 Naturaplan-Produkten und verkauft damit die Hälfte der Bioprodukte in der Schweiz. Aber Vorsicht: Nicht alle Naturaplan-Produkte tragen die Bio-Knospe, vor allem im Fleischbereich setzt sich Coop die Richtlinien für artgerechte Haltung selber.

• Pro Specie Rara: Coop unterstützt die 1982 gegründete Stiftung Pro Specie Rara (PSR) finanziell und vermarktet deren Sorten exklusiv: je nach Saison siebzehn Gemüse und vierzehn Früchtesorten. PSR hat sich - ähnlich wie Slow Food - der Erhaltung oder Wiedereinführung von alten Sorten und Tierrassen verschrieben.

• Fine Food: Rund 230 Artikel - laut Eigenwerbung alle «Delikatessen von herausragender Qualität» und trotzdem «nicht unerschwinglich». Dieses Label kommt verdächtig nahe an Slow Food heran, was Herstellungsmethoden und Herkunft betrifft, umso mehr, als die Produkte mit ausführlichen Hintergrundinformationen und Verwendungsvorschlägen versehen werden.

• Slow Food: Ab März 2007 sollen zwanzig bis dreissig Artikel im Sortiment sein - jedoch nur in grösseren Coop-Filialen und ohne die Slow-Food-Schnecke als Label: Deren Verwendung auf Produkten ist verboten. Umso unübersehbarer wird wohl die begleitende Werbung ausfallen.

* Carlo Petrini: «Slow Food - Geniessen mit Verstand». Rotpunktverlag. Zürich 2003. 216 Seiten. 29 Franken.

** Slow Food Editore (Hrsg.): «Osterie d’Italia 2006/2007». Hallwag im Graefe und Unzer Verlag. München 2006. 864 Seiten. Fr. 52.20.