Nr. 03/2007 vom 18.01.2007

Welche Länder sind denn ethisch?

Interview: Susan Boos, Foto: Ursula Häne

Hans Ruh: «Die Anlageströme müssen umgeleitet werden – weg von den ­Unanständigen, hin zu den Anständigen.»

WOZ: Vor drei Jahren haben Sie den Anlagefonds Bluevalue gegründet. Wie kommt ein Theologieprofessor dazu, sich ums Vermögen anderer zu kümmern?
Hans Ruh: Schon vor meiner Emeritierung präsidierte ich während mehrerer Jahre die Ethikkommission einer Vermögensverwaltung. Aufgabe der Kommission war es, zu analysieren, welche Wertschriften und Aktien in den Ethikfonds dieser Vermögensverwaltung aufgenommen werden sollten. Vor etwa fünf Jahren verkrachte ich mich dann aber mit der Vermögensverwalterin. Danach habe ich mit zwei Leuten, mit denen ich in dieser Ethikkommission gearbeitet habe, Bluevalue ins Leben gerufen.

Darf man wissen, worum es bei dem Krach ging?
Ja, klar. Irgendwann hatte ich das Gefühl, man sollte diese Vermögensverwaltung selbst auch mal nach ethischen Kriterien analysieren. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beklagten sich nämlich über das schlechte Arbeitsklima, das dort herrschte. Viele blieben nur wenige Monate. Als ich die Vermögensverwalterin darauf ansprach, kam es zu einem veritablen Krach. Eigentlich bin ich ein sanfter Mensch, aber in diesem Fall habe ich den Tempel wutentbrannt verlassen (lacht).

Was tut nun Bluevalue genau?
Bluevalue hat drei Ziele: Ethikresearch, Entwicklung von ethischen Finanzprodukten und ethische Unternehmensberatung. Bluevalue macht also nur die ethische Beratung und Analysen, der Fonds selbst wird von Finanzspezialisten geführt.

Können Sie das für Nichtfachleute ausdeutschen?
Wir haben einen Staatsanleihenfonds. Konkret versuchen wir herauszufinden, welche Länder ethisch geführt werden, sodass man mit gutem Gewissen sein Geld in deren Obligationen anlegen kann. Wir haben dafür ein Analyseinstrument mit 320 Indikatoren entwickelt. Dabei gibt es einige klare Ausschlusskriterien: Länder, die Atomwaffen haben oder daran arbeiten, kommen beispielsweise nicht in den Fonds. Auch Staaten, die die Todesstrafe nicht abgeschafft haben oder Minderheiten nicht schützen, fallen raus, ebenso Länder, die die Menschenrechte nicht achten oder deren Rechtssystem willkürlich ist. Das finden natürlich nicht alle gut: Ich war im Gespräch mit dem Chef einer Schweizer Grossbank. Als er die Ausschlusskriterien hörte, schaute er mich verdutzt an und fragte: «Das betrifft auch die USA?» Klar, antwortete ich ihm. Und damit war unser Fonds für ihn erledigt.

Welche Länder erfüllen Ihre Kriterien?
Im Moment sind wir daran, Land für Land zu überprüfen. Costa Rica, Uruguay, die nordischen Staaten, die Schweiz und Österreich oder Slowenien sind zum Beispiel schon drin. Im Moment befassen wir uns unter anderem mit Chile und Kanada. Man möchte meinen, Kanada wäre ein sicherer Kandidat für unseren Fonds, doch wenn man den Bereich der Energieressourcen oder die Minderheitenpolitik genauer anschaut, ist es nicht mehr eindeutig. Ich muss vielleicht noch unsere Grundidee erläutern: Wir möchten die Anlagekultur verändern und arbeiten darauf hin, dass vor allem grosse Anleger wie die Pensionskassen ihre Mittel nur noch Staaten zur Verfügung stellen, die sich ihrer ethischen Verantwortung bewusst sind. Die Anlageströme müssen umgeleitet werden – weg von den Unanständigen, hin zu den Anständigen.

Wie viele Anleger haben Sie schon?
Schwierig zu sagen, wie viele es im 
Detail sind. Eine grosse Zürcher 
Kirche konnten wir schon überzeugen. Wir arbeiten auch mit einer grossen Berner Bank zusammen, die bringt 
zum Beispiel das Geld von vielen 
kleineren Anlegern. Deshalb kann ich diese Frage nicht genau beantworten. Im Moment bin ich im Gespräch 
mit zwei grösseren Pensionskassen. 
Mit Pensionskassen ist es allerdings 
oft schwierig ...

... weil sie höhere Gewinne wollen?
Damit hat es sicher auch zu tun. Sie denken viel zu monetaristisch, es ist ihnen fremd, nichtökonomische Faktoren in ökonomische Überlegungen einzubeziehen. Aber besonders die Pensionskassen sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein: Schliesslich verwalten sie unser Geld – und es geht doch nicht an, dass wir uns mit unserem eigenen Geld wegrationalisieren.

Wie viel bekommt man, wenn man bei Ihnen Geld anlegt?
Die Performance hängt von der Rendite der jeweiligen Anleihe ab, aber man erhält einen Zins von etwa drei Prozent. Reich wird man also nicht bei uns.

Und wie viel bekommen Sie?
(Lacht.) Bislang nichts. Im Verwaltungsrat von Bluevalue sitzen vier 
Personen. Wir alle arbeiten ehrenamtlich. Wir möchten jedoch bis Ende Jahr einen Geschäftsführer einstellen, wenn alles rund läuft.

Wie viel Geld haben Sie denn schon angelegt?
Im Moment sind es sechs bis acht Millionen Franken. Mehrere Grossanleger sind aber kurz davor, bei uns einzusteigen. Ich gehe davon aus, dass wir bald bei fünfzehn bis dreissig Millionen sind.

Hans Ruh (73) war bis 1998 Professor 
für Systematische Theologie mit Schwerpunkt Sozialethik an der Universität Zürich und präsidiert heute den Verwaltungsrat des Ethikfonds Bluevalue. 
2006 hat er zusammen mit Thomas Gröbly das Buch «Die Zukunft ist ethisch – oder gar nicht. Wege zu einer gelingenden Gesellschaft» publiziert.

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