Nr. 05/2007 vom 01.02.2007

Die Mängel wurden nie behoben

Nun ist es offiziell: Schlampereien und die Jagd nach dem schnellen Geld führten vergangenen Juli im AKW Forsmark zum Beinahe-GAU.

Von Reinhard Wolff, Stockholm

Bewusste Verstösse gegen die Sicherheit, Arbeitsunfälle, Pfusch: Das ist das Bild der Zustände im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark, wie es der Reaktorbetreiber Vattenfall in einem bisher geheimen internen Rapport malt, der jetzt an die Öffentlichkeit gelangt ist. Dessen Aussagen will Forsmark-Chef Göran Lundgren nicht grundsätzlich widersprechen: Man habe Sicherheitsmängel gehabt, und in der Vergangenheit sei tatsächlich einiges versäumt worden.

Als «reinsten Sprengstoff» bezeichnete das öffentlich-rechtliche Fernsehen SVT den Inhalt des Berichts. Anlass für die Untersuchung - sie liegt der WOZ vor - ist der Beinahe-GAU des Reaktors Forsmark im Juli des vergangenen Jahres (siehe WOZ Nr. 34/06). Er wird als Resultat eines lange anhaltenden «Schwindens der Sicherheitskultur» bei Vattenfall-Forsmark beschrieben. Die Sicherheit sei immer mehr in den Hintergrund getreten. Man habe sich allzu sehr auf eine möglichst fortlaufende Stromerzeugung konzentriert sowie auf Umbauten, mit der die Produktion weiter erhöht werden sollte. Insgesamt spricht der Bericht von «inakzeptablen Qualitätsfehlern». Es habe «viele Unglücksfälle, Beinaheunfälle, Falscheinschätzungen, misslungene Tests und andere Fehlgriffe» gegeben, ohne dass diese je genügend analysiert worden seien.

Der Unfall vom 25. Juli 2006 sei passiert, weil die Arbeit im AKW nicht den Anforderungen entsprochen habe, die an eine derartige Anlage gestellt werden müssten. Zum Teil sei bewusst gegen Vorschriften verstossen worden, was das Personal auf den von der Unternehmensleitung ausgeübten Druck zurückführe; dieser Druck habe die Belegschaft gewungen, Risiken einzugehen und die Sicherheitsbestimmungen «grosszügig» auszulegen. Allein bei Reparaturarbeiten im Sommer habe es 22 Arbeitsunfälle und 68 «Vorfälle» gegeben, von denen einige «tödlich» hätten enden können. Ausserdem seien bei einem Alkoholtest eine Woche nach dem Unfall 3 von 25 Beschäftigten so betrunken gewesen, dass sie nach Hause geschickt werden mussten. Bei einem weiteren Test habe man zwei Personen mit «illegalen Drogen» im Blut erwischt.

Auch Fehlkonstruktionen spielten eine Rolle, von denen die Leitung wusste, die aber nicht behoben wurden. «Bekannt fehlerhaft» sei die Konstruktion des elektrischen Stellwerks gewesen, in dem es zu dem Kurzschluss kam, der den Stromausfall und die zeitweise Lahmlegung der Sicherheitssysteme ausgelöst hatte. Bauliche Veränderungen, die diesen Kurzschluss hätten verhindern können, seien - obwohl vom Personal angemahnt - nie vorgenommen worden. Am 25. Juli war die externe Stromversorgung des Reaktors Forsmark 1 ausgefallen, ohne dass die Notstromversorgung funktioniert hätte. Erst nach 22 Minuten konnten die Beschäftigten die Stromversorgung wieder herstellen. Gemäss dem Bericht waren die Mängel, die im Kontrollraum zu einem Blackout beigetragen hatten, bereits seit 2004 bekannt.

Kritisiert wird die Vattenfall-Werksleitung aber auch, weil sie nach dem Störfall den Reaktor nicht sofort heruntergefahren hatte. Einen Tag lang hielt man ihn mit «warmer» Betriebstemperatur in Wartestellung, um ihn schnellstmöglich wieder hochfahren zu können. Dieser Verstoss gegen die Bestimmungen der Betriebserlaubnis und die schwedischen Atomtechnikverordnungen veranlassten mittlerweile die staatliche Atomsicherheitsbehörde dazu, Vattenfall-Forsmark anzuzeigen.

Auch die Politik reagierte. Bereits einen Tag nach der Veröffentlichung des Berichts berief der parlamentarische Sicherheitsausschuss eine Sondersitzung zum Thema Forsmark ein. «Das Szenario zeigt, dass die Sicherheit dringend verbessert werden muss», sagte auch Umweltminister Andreas Carlgren. Die Vorsitzende der Grünen Maria Wetterstrand und Lennart Daléus von Greenpeace Schweden forderten die Ablösung der Verantwortlichen und eine unabhängige Untersuchung aller schwedischen AKW.

Das Fazit der drei betriebsinternen Rapportautoren: «Wir können uns doch nicht nur darauf verlassen, immer Glück zu haben.» Und werfen Vattenfall vor, die «Kardinalfrage» bislang nicht beantwortet zu haben: «Was wäre am 25. Juli passiert, wenn alle Notstromgeneratoren ausgefallen wären?» Der ehemalige Forsmark-Konstruktionschef Lars-Olov Höglund hatte diese Frage schon im vergangenen August beantwortet: Die Folge wäre binnen weniger Minuten eine nicht mehr zu stoppende Kernschmelze gewesen.

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