Kriegstagebuch : «Glücklich, wer noch weinen kann»

Nr.  9 –

Was passiert in Kiew? Wie gehen die Menschen mit dem Kriegsausbruch um? Der Journalist und Dolmetscher Bernhard Clasen hat eine Woche lang für die WOZ Tagebuch geführt.

Im Bahnhof von Lwiw warten am Sonntag Menschen auf einen Zug, der sie aus der Ukraine bringt. Foto: Bernat Armangue, Keystone

24. Februar: Schneller als ein Flugzeug

Jeden Morgen um 3 Uhr höre ich in meiner Kiewer Wohnung das gleichmässige Rattern von Güterwaggons auf den Gleisen. Auch diese Nacht war Lärm. Doch es war ein anderer. Dieser Lärm hörte sich an wie Einschläge. Um 6 Uhr treffe ich auf dem Sportplatz Alik aus Aserbaidschan, der wie ich fast jeden Tag seine Runden dreht. Diesen Morgen begrüsst er mich mit einem lapidaren «Es ist Krieg». Während des Laufens, es ist noch dunkel, zischt zwanzig Meter über meinem Kopf etwas hinweg. Es ist viel schneller als ein Flugzeug.

Auch am Kiewer Bahnhof, den ich wenig später aufsuche, donnert es. Verwirrt schauen Menschen, die sich mit ihren Koffern auf den Weg zu den Gleisen machen, in den grauen Himmel. Zu sehen ist nichts. Am Eingang stehen mehrere Polizisten mit Kalaschnikows in der Hand. Der Bahnhof ist übervoll, lange Menschenschlangen stehen vor den Schaltern. Nur eines fehlt: Tickets nach Deutschland und Polen. Die Dame am Schalter fragt die Kund:innen, wohin sie wollen. Diese antworten mit der Gegenfrage: «Wohin gibt es noch Tickets?»

25. Februar: Gezwitscher und Sirenen

Punkt 7 Uhr, mit Ablauf der Ausgangssperre, mache ich mich auf den Weg zum Bankautomaten. Ich habe einen entdeckt, der noch funktioniert. Aber auch da werden die Beträge, die man pro Tag abheben kann, immer geringer. Im Hintergrund donnert es, dazwischen hört man die Vögel, es wird Frühling. Dann wieder Sirenen. An Kellereingängen und Tiefgaragen stehen Menschentrauben. Jederzeit kann es losgehen, und dann bleibt nur noch der Keller.

26. Februar: Im Schutzraum

Beide Frauen heissen Nadja und sehen sich am Abend einen Schutzraum am Stadtrand von Kiew an. Die eine ist 75 und meine Mitbewohnerin. Die andere ist 30 und hat noch nie zuvor einen Schutzraum gesehen. Sie lacht: «Ist natürlich nicht schön, in so einem Raum sitzen zu müssen. Aber ich glaube, da hat sich Putin mit seinem Feldzug ganz schön verrechnet. Wird wohl doch kein Blitzkrieg für die Russen werden. Wir werden siegen.» Die ältere Nadja sagt gar nichts, schwitzt nur leicht und zittert.

Beim Verlassen des Kellers lächelt die Jüngere. Die ältere Nadja bleibt zurück. «Ich weiss, was Krieg ist. Ich komme aus Donezk. Ich weiss, was es heisst, in einem Keller zu sitzen, wenn draussen geschossen wird. Was es heisst, in einem Keller eingesperrt zu sein, wenn sich die Decke langsam nach unten senkt und du gar nichts machen kannst.» Die junge Nadja habe eben noch nie Krieg gesehen. Sonst würde sie nicht so oberflächlich reden. Sie weint und sagt nichts mehr.

27. Februar: Fehleinschätzungen

In Charkiw sind sie schon in der Stadt und schiessen auf Häuser.

Es gibt Dinge, die ich nicht von mir erwartet hätte. Vielleicht war das die gefährlichste Nacht in meinem Leben, es hat geknallt und gedonnert. Gleichzeitig habe ich wenig Emotionen. Eine Freundin aus Deutschland will wissen, ob ich mich geborgen fühle. So was Blödes. Da sitze ich im belagerten Kiew, und die fragt mich, ob ich mich geborgen fühle. Ich habe gerade keinen Sinn dafür, kann nicht verstehen, dass anderen die Tränen kommen. Ich fühle mich im Kampfmodus, in einem Zustand höchster Wachsamkeit. Glücklich die, die noch weinen können.

Und ich habe gute Verdrängungsmechanismen. Angenommen, heute Nacht kommen vierzig Menschen in Kiew ums Leben, dann heisst das, dass die Möglichkeit zu sterben bei 1 zu 100 000 liegt. Nein, mich wird es nicht treffen, rede ich mir ein. Dieser Tage in Kiew spricht niemand über die eigenen Gefühle. Alle versuchen, die Ereignisse einzuordnen, oder sprechen über andere Themen. Wie vor einem Sturm machen alle die Rollläden runter. Nur im Gespräch unter vier Augen kann ich manchmal erfahren, was los ist. Und das auch allermeistens nur von Frauen.

Ich muss zugeben, ich habe einige Fehleinschätzungen gemacht. Wenn es mit meiner Mitbewohnerin Konflikte gab, dann immer nur wegen einer Sache: Sie, Nadja, hortet gerne Lebensmittel. An den Sonntagen ist sie immer in mehrere Kirchen gegangen, um sich humanitäre Hilfe für Binnenflüchtlinge zu holen. Dann kam sie mit Tragtaschen voller Nudeln, Mehl und Sonnenblumenöl zurück. «Unsere Wohnung ist keine Lagerhalle», habe ich geschimpft, «ich will nicht zwischen Nudeltüten und Mehlpackungen leben müssen.»

Wenn ich besonders wütend war, habe ich ihr gesagt: «Nadja, Sie leben ja, als sei morgen Krieg!» (In der Ukraine ist die Anrede per Sie, aber mit Vornamen üblich.) Dann hat sie betreten geschwiegen und sich am nächsten Sonntag doch wieder Nudeln, Mehl und Sonnenblumenöl von den Kirchen geholt. Jeden Sommer hat sie Äpfel, Birnen und Gemüse eingemacht für den Winter. Ich habe mich immer gefragt, wer um Gottes Willen das alles jemals essen soll. Jetzt, wo sich die Regale in den Läden leeren, bin ich froh um die Hülle und Fülle an Vorräten.

Nadja ist der einzige Mensch, den ich in den vergangenen Tagen gesehen habe, der noch weinen kann.

28. Februar, mittags: Ich haue ab

Jetzt ist es vorbei mit meinem Heldentum. Ich haue ab. Für den Abend habe ich ein Zugticket nach Lwiw, das ich mir schon vor drei Wochen gekauft habe. Ich fahre am besten mit dem Fahrrad zum Bahnhof – und nehme es mit auf die Bahnfahrt. So ein Klapprad ist eine feine Sache, da bin ich schneller als die Autos im Stau und die Fussgänger:innen. Zur Grenze kommt man von Lwiw aus zwar mit dem Taxi. Aber auch Taxis sind langsam, dort an der Grenze im Stau.

Nadja bleibt da. Mit ihren 75 Jahren und drei Herzinfarkten fürchtet sie, dass sie eine Reise nicht überleben würde. Ihre Tochter Liliya bleibt bei ihr. Lebensmittel hat sie genug, Geld lasse ich zurück, und wenn sie keine Herzprobleme bekommt, wird sie es schaffen.

28. Februar / 1. März: Lwiw

«Ich habe nur Zucker bekommen», klagt Liliya. «Kein Brot, kein Mehl, nichts mehr.» Vor einem Lebensmittellager hätten zwei bewaffnete Männer gestanden. Zum Abschied macht mir Nadja Bratkartoffeln. «Wo kommen denn die Kartoffeln her?», frage ich sie. «Die habe ich gegen Nudeln eingetauscht.»

Um 16 Uhr mache ich mich am Montag mit meinem Rad auf zum Bahnhof. Ich klopfe noch einmal ans Fenster meines Nachbarn Alik, um mich zu verabschieden. Alik sei nicht da, sagt seine Frau. Ich sehe aber einen Schatten hinter ihr. Sicherlich denkt er, ich bin gekommen, um ihn zu bitten, mich zum Bahnhof zu fahren, er ist ja Taxifahrer. Verstehen kann ich ihn.

So fahre ich los, auf den Strassen, die mir so vertraut sind. Doch heute ist alles anders als sonst. Die Strassen sind fast leer, überall sind Strassensperren aus Müllcontainern oder Betonklötzen. Mitunter auch ausgebrannte Autos. Am Bahnhof angekommen, erfahre ich, dass man heute mit jedem Zug kostenlos fahren kann. Für mich bedeutet das, dass meine Fahrkarte wertlos ist. In der Halle sind weniger Menschen, als ich erwartet hätte. Doch dann kapiere ich: Die Leute stehen alle sozusagen in den Startlöchern an den Gleisabgängen. Mitfahren darf, wer zuerst da ist.

Jetzt geht es also nicht mehr darum, nach Lwiw zu kommen. Es reicht, wenn ich irgendwohin in den Westen kann. Also versuche ich es mit dem erstbesten Zug, der fährt an die ungarische Grenze. Aber ich habe keine Chance. Der Zugbegleiter lässt zuerst Frauen, Kinder, Kranke und Alte rein. Dann geht die Tür vor meinen Augen zu. Die Stimmung der Zurückgebliebenen ist aufgeheizt, es wird geschimpft, geflucht und geweint.

Zwei Stunden später wird ein Zug nach Warschau angekündigt, auf Gleis 21. Ich renne los, einfach den anderen hinterher. Es ist ein richtiges Chaos im inzwischen fast dunklen Bahnhof. Die Menschenmenge rennt ziellos umher. Kinder schreien im Gedränge. Dann irgendwo ein Einschlag, Sirenen und eine Lautsprecherstimme: «Luftalarm.» Ich renne in die nächste U-Bahn-Station. Da sind Luftschutzräume.

Nach drei Stunden gehe ich wieder zum Bahnhof. Nun versuche ich, in den Zug nach Lwiw zu kommen. Und ich habe Glück. Viele sind schon weg, und wegen der nächtlichen Ausgangssperre sind keine neuen Leute mehr zum Bahnhof gekommen. Weil vor dem Zug nach Lwiw deutlich weniger Fahrgäste stehen, werden auch allein reisende Männer mitgenommen.

Kaum bewegt sich der Zug, kann ich mich entspannen. Zehn Personen sind wir im Abteil. Normalerweise ist man da zu viert. Neun Stunden später steige ich in Lwiw aus. Am Morgen habe ich vom Zug aus Schnee gesehen.

1. März, abends: An der Grenze

Wie ein Speisesaal wirkt der Bahnhof von Lwiw. Mineralwasser, geschmierte Brote, dampfende Suppentöpfe stehen auf provisorisch aufgestellten Tischen. Doch niemand hält sich lange in dieser Suppenküche auf. Alle streben nach draussen, mit so viel Gepäck, wie sie tragen können – und demselben Ziel: die achtzig Kilometer entfernte polnische Grenze.

Ich werde von zwei Frauen – wir haben eine gemeinsame Freundin in Deutschland – abgeholt, die mir ein wunderbares Essen anbieten, mich duschen lassen und dann mit ihrem Auto an die polnisch-ukrainische Grenze bringen.

Überall an Strasseneinfahrten haben sich Bewaffnete verbarrikadiert, hinter Burgen aus Sandsäcken. Häufige Checkpoints bringen den Verkehr zum Erliegen. Währenddessen kommen im Autoradio immer wieder Warnungen eines möglicherweise bevorstehenden Luftangriffs.

Wir nähern uns der Grenze. «Da haben Sie aber Glück gehabt. Am Samstag war die Schlange der Wartenden zehn Kilometer länger», sagt Olga, eine Englischlehrerin. «In zwölf Stunden haben Sie das hinter sich.» Sie hatte recht.

Man hätte vielleicht noch hinzufügen können, dass die Nacht wieder kalt sein wird.