Nr. 11/2007 vom 15.03.2007

Als plädierte Cicero vor einem US-Gericht

Die Spannung in den historischen Romanen von Robert Harris rührt wesentlich daher, dass die Fakten von den Figuren selbst herausgefunden werden müssen.

Von Peter Kamber

Robert Harris, 1957 geboren und Cambridge-Absolvent, war BBC-Fernsehjournalist, Redaktor beim «Observer» und Autor eines Buches über die gefälschten Hitler-Tagebücher, ehe er begann, historische Romane zu schreiben. Geschichte lebendiger darzustellen, gelingt zurzeit kaum jemandem (obwohl Harris in seinen Anfängen Dialoglöcher gerne mit Zigarettenrauch füllte).

Achtung: Fiktion

Harris pflegt einen durchaus konventionellen Stil, und doch begann seine schriftstellerische Laufbahn mit einer Kontroverse. In seinem umstrittenen Erstling «Vaterland» (1992 in Englisch, 1996 in deutscher Übersetzung erschienen), einem kontrafaktischen Kriminalroman, schildert Harris eine Welt, in der die Nazis im Frühjahr 1943 über die Sowjets siegten und 1944 infolge entscheidender Decodierungserfolge das Vereinte Königreich und 1946, nach der Explosion einer V-3 im Himmel über New York, auch die USA zum «Frieden» zwangen.

Harris ging davon aus, dass es den Nazis gelungen wäre, die Schoah vollständig zu verschweigen (als ob nicht bereits seit Sommer 1942 Nachrichten darüber nach aussen drangen). Die Handlung spielt rund um den Geburtstag des noch lebenden Führers im April 1964, in einem Augenblick, da - Achtung: Fiktion - die letzten verbliebenen Zeugen der Wannsee-Konferenz über die sogenannte Endlösung einer nach dem anderen umkommen. Spuren aber führen die (nicht eingeweihten) Berliner Fahnder schliesslich zur letzten erhaltenen Einladungsliste der Konferenz. «Was soll man tun», sagt Xaver März von der Berliner Kripo, der seinen Ermittlungseifer mit dem Tode bezahlen wird, «wenn man sein Leben der Jagd von Verbrechern geweiht hat und dann nach und nach entdeckt, dass die wirklichen Verbrecher die sind, für die man arbeitet?»

«Enigma» (1995-2001 verfilmt), der zweite Roman von Robert Harris, spielt in der hochgeheimen Welt von Bletchley Park, wo die ersten alliierten Entschlüsselungscomputer gegen die Nazikriegsmaschine antraten. Im Vordergrund steht eine - fiktive - ermordete, in Bletchley eingeschleuste britische Agentin, Claire Emilly, die Geheimnisträger testete, indem sie sie in Liebschaften verwickelte. Einer der polnischen Kryptanalytiker, der sich in sie verliebte, wurde - ebenfalls fiktiv - zum Verräter, weil er es nicht ertrug, dass die Briten (die das Knacken der deutschen Enigma-Codes doch hauptsächlich polnischen Vorleistungen verdankten) zu den im Wald bei Katyn von den Sowjets erschossenen polnischen Offizieren schwiegen, nur um die Erfolge beim Abhören des Codes der Nazikriegsmarine nicht zu gefährden.

Harris’ dritter Roman «Aurora» (1998), eine Mischung aus historischem Roman und zeitgenössischem Thriller, bei dem ganze Stücke nicht miteinander verbunden scheinen, kreist um Stalins Tod 1953, um ein - fiktives - Tagebuch einer kurz zuvor von Stalin vergewaltigten Mitarbeiterin sowie um putschwillige Alt- und Neustalinisten, die den aus dem Verbrechen hervorgegangenen Nachkommen weitab von Moskau zu einer Wiedergeburt Stalins erziehen.

Wasser ist alles

Überraschend folgte 2003 «Pompeji». Mit diesem historischen Roman, in dem der körperlich erschlaffte römische Universalgelehrte Plinius eine kräftig charakterisierte Nebenfigur bildet, erreichte Robert Harris auch literarisch eine neue Ebene, wenngleich er dem Krimigenre verbunden blieb. Aus der Perspektive des Römer Wasserbaumeisters Attilius, der in den Süden geschickt wird, weil der dort zuständige Aquarius spurlos verschwunden ist, werden die zwei Tage vor dem Ausbruch des Vesuvs und die zwei Tage während des Vulkanausbruchs (79 nach Beginn unserer Zeitrechnung) erzählt, und dabei lässt Harris mit beeindruckend sicherem Strich eine römische Welt auferstehen, deren Korruptheit Züge der heutigen hat. «L. A. Confidential» auf Altrömisch sozusagen, die Aquädukte bilden die Adern der Zivilisation: «Wasser ist alles.» Doch die Supermacht Rom - und das ist die Gegenwartsperspektive - verliert den Blick für die Grundlagen, auf denen die dünne Schicht Zivilisation beruht. Es ist eine militarisierte Gesellschaft, die auf Sklaverei, sprich: offener Ausbeutung eines Teils, der Menschheit basiert und in der die freigelassenen, arrivierten Sklaven zu allem Elend selbst am grausamsten sind.

Verschwörungen, Putschversuche

Bisheriger Höhepunkt von Harris’ Schaffen indessen ist sein neuestes, ambitioniertestes Werk «Imperium», der erste Band einer geplanten Trilogie zum Untergang der römischen Republik. Ein Roman über Macht, Herrschaft und Terror, der erneut beunruhigende Ähnlichkeiten mit der Gegenwart aufzeigt. Zeitlich spielt das Buch über hundert Jahre vor «Pompeji» und führt mitten hinein in die Verschwörungen und Putschversuche, denen dann, mit Cäsar (dessen demokratiefeindlichen Karrierismus Harris schonungslos entlarvt), erstmals der Griff zur Alleinherrschaft folgen sollte.

Hauptfigur ist kein Geringerer als der grösste Redner der Antike und Erfinder des modernen Strafprozesses Cicero, «berühmtester Anwalt der Welt», der von 106 bis 43 vor unserer Zeitrechnung lebte. Erzählt wird die Geschichte durch seinen einstigen Sklaven und Schreiber Tiro, der Cicero um mehrere Jahrzehnte überlebte und auch tatsächlich eine allerdings bis auf wenige Bruchstücke verloren gegangene grosse Biografie von ihm schrieb. Plutarch (50 bis zirka 125 nach unserer Zeitrechnung) hatte aber diese verschollene Schrift Tiros immerhin noch für seine eigene kurze Biografie Ciceros ausgewertet. Ausserdem sind viele philosophische und rhetorische Werke und auch Reden, Briefe, Scherze Ciceros überliefert, insofern lag das Problem für Robert Harris nicht an einem Mangel an Stoff.

Eine ehrgeizige Frau

Der scharfzüngige, in seinem Witz oft verletzende Verteidiger der Republik Cicero zitterte und bebte vor seinen Redeauftritten stets, so überlieferte es Plutarch. Der Brite Harris legt seinen Cicero-Roman wie einen US-Gerichtssaalthriller an. Cicero, der keinem Senatorengeschlecht entstammt, schafft es nur dank seiner Beredsamkeit, die Erfolgsleiter bis ganz nach oben zu kommen (63 vor unserer Zeitrechnung erringt er das Konsulat), gerät aber längst vorher schon in die Kämpfe zwischen den neuen militärischen, sich populistisch gebärdenden Hegemonen (griechisch für «Führer») und dem altehrwürdigen republikanischen, aber auch schrecklich snobistischen Adel. Zu diesem gehört auch seine eigene Frau Terentia («nicht von sanftem und schüchternem Wesen, sondern eine ehrgeizige Frau», laut Plutarch), und tatsächlich gehören die Szenen, in denen diese Frau ihrem Mann Kontra gibt, zu den glänzendsten Passagen von Harris «Imperium».

Noch vor den abschliessenden Teilen zwei und drei von «Imperium», mit den römischen Bürgerkriegen und dem grausamen Ende des Cicero, wird von Robert Harris im nächsten Herbst ein neuer «contemporary thriller» noch unbekannten Inhalts erscheinen.

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