Nr. 12/2007 vom 22.03.2007

Düstere Sonnenstadt

Drückende Armut, bewaffnete Banden, Straffreiheit und Korruption: In Haiti vergeht kein Tag ohne Morde und Entführungen.

Von Hans-Ulrich Dillmann, Port-au-Prince

Gerade noch hatten Mitglieder einer norwegischen Kirchendelegation mit zwei Vertretern des haitianischen Senats über die angespannte Sicherheitssituation im Land diskutiert, da erreichte Evelyne Cheron ein Anruf auf ihrem Handy. Die Senatorin von der Bewegung für die Wiederherstellung der Demokratie in Haiti (Mouvement pour l’Instauration de la démocratie en Haïti - MIDH) entschuldigte sich bei der Gesprächsrunde. Ihr Bruder, der zu Besuch aus den USA in Port-au-Prince sei, verlange sie am Apparat. Sekunden später erbleichte die Vertreterin der liberalen Partei: «Entweder du zahlst noch heute Nacht 100000 US-Dollar oder du kannst deinen Bruder auf der Müllkippe abholen», drohten Menschenräuber. Zwölf schlaflose Stunden später eilte Madame Cheron strahlend aus dem Hotel. Ihr Bruder war verletzt, doch ihm war zum Glück die Flucht aus den Händen der Kidnapper gelungen.

Am gleichen Tag waren zwei Jugendliche entführt worden. In Haiti mit seinen 8,5 Millionen EinwohnerInnen gibt es keine Nacht mehr ohne Morde - die haitianische Bischofskonferenz zählte 539 in drei Monaten - und kein Tag ohne Entführungen. Durchschnittlich fünfzig Personen werden derzeit pro Monat von den Strassen Haitis geraubt und gegen Barzahlungen wieder freigelassen, schätzt der spanische Guardia-civil-Beamte Juan Pérez*. Er ist einer von rund 1600 Angehörigen der Uno-Polizei (Unpol) im Land, die gemeinsam mit der haitianischen Polizei für Sicherheit und Ordnung sorgen soll. 45 000 bis 80000 Franken pro Person bringt der Menschenraub in einem Land, in dem über fünfzig Prozent der Bevölkerung mit weniger als einem Franken am Tag überleben müssen. Viele Entführungen werden aber gar nicht gemeldet, denn kaum jemand traut der Polizei.

Private Befreiungsaktion

Warum das so ist, erlebte Jean Muray (Name geändert). Ein anonymer Anrufer verriet dem Radiojournalisten den Aufenthaltsort seines entführten Nachbarn. Nachdem er in drei Polizeirevieren vergeblich um Hilfe gebeten hatte, fuhr er selbst zu der kleinen Bergfalte und befreite den an einen Baum Gefesselten. Inzwischen lebt Muray im Ausland; die leer ausgegangenen Entführer drohten damit, ihn zu ermorden. Der Radioredaktor ist nicht der Einzige, der angesichts der Gewaltwelle dem «Land der Berge», wie Haiti von den Taíno-UreinwohnerInnen genannt wurde, den Rücken gekehrt hat. «Intellektuelle und Mittelständler verlassen das Land», sagt der Wirtschaftswissenschaftler Kessner Pharell. «Tausende sind gegangen. Das beeinflusst das derzeitige Wirtschaftswachstum negativ.»

«Wir wissen teilweise sehr genau, wo Entführte festgehalten werden», sagt Pérez. «Aber die engen Gassen der Cité Soleil, eines Vororts von Port-au-Prince, machen uns die Sache nicht einfach.» Die Banden würden teilweise auch von der Bevölkerung unterstützt. «Und wenn wir mal einen Kidnapper festgenommen haben, dann ist er oft schon nach einer Woche wieder draussen», klagt Pérez. «Die Richter sagen, dass es keinen Platz im Gefängnis hat. Mit Eier- und Hühnerdieben haben die Herren nicht so viel Mitleid.» Ein hoher Uno-Beamter stimmt dem zu: «Der Justizapparat ist noch korrupter als die Polizei mit ihren 6000 Angestellten», sagt er. «Rund zwanzig Prozent müssten eigentlich entlassen werden.»

In verschiedenen dicht besiedelten Stadtvierteln der Zwei-Millionen-Metropole Port-au-Prince bestimmen de facto bewaffnete Banden das Tagesgeschehen: In Martissant, im Süden der Hauptstadt, kämpfen Lame Ti Machete, die Armee der kleinen Haumesser, und die Gruppe Gran Ravin, der Grosse Bergeinschnitt, um die Vorherrschaft. Beide Gruppierungen sind ebenso wie die Gang Kleiner Wald im Drogenhandel aktiv. Aber auch wenn sie hin und wieder Dollarscheine unter den SlumbewohnerInnen verteilen: Wer ihren Befehlen nicht gehorcht, wird umgebracht. Ein Unpol-Beamter erzählt, dass sie immer wieder mit Panzerspähwagen ins Viertel fahren müssten, um verstümmelte Leichen zu bergen. «Manchmal beerdigen die Familienangehörigen aus Angst die Opfer auch, ohne die Polizei zu informieren.»

Marigot Josef* ist seit drei Monaten in Gewahrsam der Polizeistation in der Innenstadt von Port-au-Prince. 36 Personen sind dort auf knapp 18 Quadratmetern zusammengepfercht. Nach Razzien werden dort auch Frauen untergebracht. Marigot ist als Bandenmitglied inhaftiert worden, einen Untersuchungsrichter hat er aber bis heute nicht gesehen. Die Frage, welcher Bande er angehört hat, beantwortet er mit einem stummen Blick und zynischen Lächeln: «Ich komme aus Cité Soleil», mehr sagt er nicht.

Cité Soleil, das Armenviertel am Rande der Hauptstadt, gilt als die Hochburg von Banden, die vom Drogenhandel und vom Entführungsgeschäft leben. 300 000 Menschen leben hier zwischen dem Meer und einer riesigen, stinkenden und ewig qualmenden Müllkippe, auf der Kinder und Erwachsene nach verwertbaren Wohlstandsresten suchen. Dazwischen wühlen Schweine und Ziegen nach essbaren Resten. Die Mehrzahl der Gangs in der Sonnenstadt nennt sich nach ihrem Anführer: Amaral, Belony, Evans oder Ti Bazil.

«Entführte» Demokratie

Ti Bazil sitzt inzwischen hinter Gittern. Bei einer gross angelegten Fahndungsaktion holten ihn brasilianische Uno-BlauhelmsoldatInnen aus seinem verbarrikadierten Hauptquartier. Auch die Leute von Evans mussten in den letzten Wochen Niederlagen einstecken. Ihr blaues Haus, an der Zufahrtsstrasse zur Cité Soleil gelegen, wurde von Uno-SoldatInnen eingenommen. Zuvor hatten die Evans-Leute von dort die Hauptstrasse durch Port-au-Prince kontrolliert und dabei vor allem die Tap-Tap-Busse, die bunt bemalten öffentlichen Transportmittel, mit «Wegezoll» belegt.

Evans selbst konnte knapp entkommen. Seine Bande lieferte den SoldatInnen der Uno-Friedensmission Minustah (vgl. Kasten) ein Feuergefecht, das ihre militärische Kraft zeigte. Den SoldatInnen waren die Kugeln nur so um die Ohren geflogen. «20000 Schuss Munition haben die Gangster beim Gegenangriff verballert», sagt ein Uno-Sprecher. «Wir mussten mit Panzern unseren Leuten Nachschub hinbringen.» Über ein Dutzend Personen, nach Informationen der Uno hauptsächlich Bandenmitglieder, seien dabei erschossen worden. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, eine der wenigen, die im Armenviertel geduldet werden, spricht aber auch von zivilen Opfern.

Der haitianische Filmemacher Mario Delatour hat einen der Anführer aus dem Elendsviertel interviewt. Dabei erklärte der 27-jährige Amaral Declona, der in dem Quartier aufgewachsen ist, dass die Demokratie in Haiti von ausländischen Mächten, angeführt von den USA, «gekidnappt» worden sei. Er und seine Leute kämpften für die Rückkehr von Titid - dem «kleinen Aristide». Gemeint ist der frühere Staatspräsident Jean-Bertrand Aristide, der im südafrikanischen Exil lebt. Ausserdem fordert Declona das Ende der ausländischen Einmischung in die inneren Angelegenheiten Haitis. «Schau dich hier um», forderte Amaral seinen Befrager auf. «Dann weisst du, warum wir kämpfen. Die Menschen wollen aus ihrem Elend heraus.»

Geschürter Hass

Doch für die Exilchilenin Marisabel Moreno ist genau dieser Jean-Bertrand Aristide schuld an der Kriminalitätswelle. Nach der Ermordung von Salvador Allende 1973 ist sie vor den Militärs nach Haiti geflohen und von einer «Diktatur in die nächste gekommen», wie sie sagt. Die Galeristin lebt in Pétionville, in den kühleren Bergen oberhalb von Port-au-Prince. Statt eine soziale Bewegung zu schaffen, die das Land gesellschaftlich hätte verändern können, habe es Aristide bei kleinen sozialen Gesten ohne grösseren Effekt belassen, sagt die einstige Unidad-Popular-Anhängerin. «Er hat wenig Konkretes für die Verbesserung der Lebenssituation der Armen getan.» Statt Sozialprogramme in den Armenvierteln zu initiieren, habe der ehemalige Armenpriester Aristide vielmehr mit viel Rhetorik «gegen die Reichen und die da oben» Hass geschürt. «Das Land ertrinkt darin. Wer arm ist, macht auf der Strasse denjenigen persönlich dafür verantwortlich, der zufällig reicher aussieht.»

«Einige Banden haben durchaus politische Wurzeln», ist der Sozialwissenschaftler Antoine Cesar Joseph* überzeugt. «Aber sie sind, wie die anderen auch, schon längst zu Kriminellen verkommen.» Der Sozialist sitzt in seinem Büro im Sozialwissenschaftlichen Institut der Universität und zeichnet Kreise mit ihren Schnittmengen auf die Rückseite eines alten Flugblattes, um die Überschneidungen der Gruppierungen zu erklären. So, wie sich François Duvalier auf die Tontons Macoutes, seine Totschlägerbanden, und später die Militärobristen auf die Attaches - mit Macheten bewaffnete Gruppen - gestützt hätten, so habe sich Aristide der Jugendlichen aus den Armenvierteln bedient. «Militanz um der Militanz willen, Geld und Drogen, all das hat sich zu einer explosiven Mischung zusammengefügt.»

«Es ist ein Skandal, dass die Regierung und Minustah den Entführungen nicht schon längst ein Ende gemacht haben», sagt die Senatorin Edmonde Supplice Beauzile. Sie vertritt die sozialdemokratische Fusión im Oberhaus des haitianischen Parlaments. «Die Regierung hat mit den Banden monatelang verhandelt. Sie kennt ihre Adressen und ihre Gesichter», sagt Beauzile. «Trotzdem laufen die Gangster noch frei herum. Sowohl der Regierung als auch Minustah fehlt der politische Wille, das Problem zu lösen.»

«Wir haben viel zu lange gewartet», sagt selbst ein Uno-Beamter in Port-au-Prince. «Wir hätten schon nach der letzten Präsidentschaftswahl gegen die Banden vorgehen müssen.» Seit Juli 2004 sind über 9000 Soldaten und Polizistinnen in Haiti stationiert, um das Land nach der erzwungenen Amtsniederlegung von Jean-Bertrand Aristide «zu stabilisieren». Dabei hoffte die Uno anfänglich darauf, bewaffnete GegnerInnen mit dem Integrationsprogramm «Waffen gegen Jobs» einbinden und so die Lage befrieden zu können. Doch ohne Erfolg: «Von der Uno wurden bisher 49 verrostete Gewehre eingesammelt», sagt Beauzile, während die Zahl der nicht registrierten Waffen im Land auf 250 000 geschätzt werde. Und auch nach der Wahl von René Préval, einem ehemaligen Weggefährten Aristides, zum neuen haitianischen Staatspräsidenten Anfang vergangenen Jahres hätten sich die SoldatInnen der Minustah weiter auffallend zurückgehalten. «Das war ein grosser Fehler», ist sich der Uno-Beamte sicher.

Ähnlich formuliert es auch der derzeitige Chef der Minustah, Edmond Mulet. Der guatemaltekische Diplomat ist Sonderbeauftragter des Uno-Generalsekretärs für Haiti. «Monatelang waren uns mehr oder minder die Hände gebunden», sagt er. Die haitianische Regierung habe ihn um «Zurückhaltung» gebeten, da Staatspräsident Préval - von den AnhängerInnen seiner Partei «Onkel René» genannt - über Vermittler mit den Bandenführer reden und sie zur Aufgabe bewegen wollte. «Unser Mandat ist eingeschränkt. Ohne das grüne Licht der Regierung konnten wir nicht handeln», sagt Mulet.

Seit dem Scheitern der Verhandlungen mit den bewaffneten Gruppen schlagen Préval und sein Regierungschef Jacques-Edouard Alexis neue Töne an. Ultimativ forderte der Präsident in seiner Weihnachtsansprache die Banden auf, ihre Waffen abzugeben. Andernfalls würden sie Gefahr laufen, bei der Entwaffnung getötet zu werden. Das brasilianische Truppenkontingent ist inzwischen um Eliteeinheiten aufgestockt worden, die in den eigenen Armenvierteln schon einschlägige Erfahrungen im Strassenkampf gesammelt haben. Einige der Bandenführer sitzen hinter Gittern, andere können sich nicht mehr offen zeigen. Allein Ende Februar wurden bei Razzien und nach heftigen Schusswechseln 55 Bandenmitglieder in Cité Soleil festgenommen.

«Wir schnüren sie langsam ein», beschreibt Mulet die aktuelle Situation. «Wenn sie uns unter Beschuss nehmen, dann schiessen wir zurück.» Doch Haiti brauche jenseits dessen eine politische Lösung des Konfliktes. Ohne diese, dies die Überzeugung des Uno-Chefdiplomaten, sei an einen Abzug der BlauhelmsoldatInnen nicht zu denken. Die haitianische Regierung müsse endlich die sozialen Bedingungen der armen Bevölkerung verbessern, Justiz und Polizei demokratisieren sowie die Rechte der Bürgerinnen und Bürger respektieren.

«Wenn wir damit scheitern», sagt Mulet, «haben wir in Haiti den Kampf für immer verloren.»

* alle Namen geändert

Gewerkschaftliche Basisarbeit

Das Recht auf gewerkschaftliche Aktivität ist in Artikel 35 der haitianischen Verfassung garantiert. Trotzdem gibt es nur eine sehr kleine ArbeiterInnenbewegung, die sich meistens in den sogenannten Maquilladores, den Weltmarktmanufakturen, oder in landwirtschaftlichen Betrieben formiert.

Im Jahr 2000 entstand die Organisation Batay Ouvriye. ArbeiterInnen des Betriebes Guacimal in Saint-Raphaël im Norden des Landes, ein Zulieferbetrieb des französischen Likörkonzerns Cointreau, hatten sich zusammengeschlossen. Batay Ouvriye verknüpfte diese gewerkschaftliche Basisorganisation mit weiteren Projekten aus dem Industrie- und Landwirtschaftssektor. Batay Ouvriye fördert den Aufbau von Gewerkschaften und bildet ihre Mitglieder in arbeitsrechtlichen Fragen weiter. Batay Ouvriye verfügt über knapp 5000 Mitglieder und ist in acht der zehn Departements Haitis aktiv.

Yannick Etienne ist die Leiterin von Batay Ouvriye. Sie war kürzlich in der Schweiz als Gast des Hilfswerks Fastenopfer und eine der ReferentInnen der ökumenischen Kampagne 2007. Zur aktuellen Lage in Haiti sagte sie der WOZ: «Die Regierung von Präsident René Préval ist seit vierzehn Monaten im Amt, aber ihre Bilanz ist bisher negativ.» Die Politik habe versagt, die Versprechen der Regierung seien nicht eingelöst worden, und das vorgeschlagene Wirtschaftsmodell funktioniere nicht. Auch die Gewalt existiere in Haiti schon lange, «doch früher war sie vor allem politisch motiviert oder eine Folge des Drogenhandels», sagt Etienne. In den letzten zwei bis drei Jahren habe sich die Situation aber verschlimmert. Heute werde der Alltag durch ein Gefühl der Angst dominiert, das «viele andere Probleme überdeckt».

Die Menschen «haben kein Vertrauen mehr in den Staat», sagt Etienne, «der Einsatz der Uno-Truppen ist ein totaler Misserfolg». Aus diesem Grund und weil die ökonomische Situation immer schlimmer werde, hätten die Menschen begonnen, über Alternativen nachzudenken. «Die Arbeiter wollen sich in den Betrieben einbringen und ihren Beitrag leisten», sagt Etienne, «denn ohne diese lokale Produktion wäre das Land längst zugrunde gegangen.»

Sonja Wenger

Für ein stabiles Haiti

Seit dem 1. Juni 2004 ist die Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Haiti, kurz Minustah, im Einsatz. Die Mission wurde mit der Uno-Resolution 1542 aufgrund der «Bedrohung des Weltfriedens und der Gefährdung der Sicherheitslage in der Region» beschlossen. Sie setzt sich aus Militärangehörigen und PolizeibeamtInnen aus 41 Nationen, einem zivilen Stab und Freiwilligen zusammen. Die Uno-Mission wird voraussichtlich bis Mitte Oktober 2007 dauern.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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