Nr. 12/2007 vom 22.03.2007

Punkiger Standortfaktor

Die Kunstschaffenden jammern, dass sie zum Zürcher Standortfaktor wurden. Wollten sie das etwa nicht?

Von Bettina Dyttrich

Das alternativkulturfeindliche, zwinglianische Zürich ist tot. Heute ist Alternativkultur ein Standortfaktor. Subkulturelle Clubs, Kleingewerbe, Flohmärkte und Ähnliches machen den Aufschwung eines Quartiers erst möglich. Der Zürcher Kreis 5 etwa wäre ohne das Image des Punkigen und Gefährlichen nie zum Trendquartier geworden. Doch der Aufschwung frisst seine GründerInnen: Wenn das Viertel endlich boomt, werfen die Pionier­Innen zu wenig Gewinn ab und werden vertrieben. Ein schönes Symbol für diese Entwicklung sind die konservierten Graffitis im Kulturhaus von Sihlcity. Die paradoxe Folge des Kulturbooms: Nischen verschwinden noch schneller als im alten Zwingli-Zürich. Nur werden sie meist nicht mehr als Schandflecke bekämpft – ihre BetreiberInnen können schlicht die Miete nicht mehr bezahlen.

Manchmal dient die Kultur auch ganz direkt der Aufwertung: Kulturelle Zwischennutzungen sind heute beliebt, um Besetzungen zu verhindern. Zum Beispiel in der Siedlung Bernerstrasse in Zürich Altstetten. Vor dem Abriss 2004 zogen Künstler­Innen ein, noch bevor die letzten ­BewohnerInnen ausgezogen waren. ­Diese suchten verzweifelt einen Ersatz für ihre günstigen Wohnungen und freuten sich gar nicht über die Kunstinstallationen auf ihren Balkonen – zum Unverständnis der KünstlerInnen.

Die Alternativszene schimpft über die Säuberung der Quartiere und Monstrositäten wie Sihlcity. Aber kaum jemand stellt selbstkritische Fragen: Hat nicht die eigene Subkultur diese Entwicklung gefördert? Was tun, um nicht unfreiwillig Teil des Stadtmarketings zu werden? Ein Weg könnte die Repolitisierung der Subkultur sein, wie es die «Dans­lieue»-Platzbesetzung im vergangenen Herbst versuchte. Denn die meisten besetzten Häuser im Zürich der letzten Jahre waren in erster Linie Partylokale – mit dem kreativeren Dekor und den billigeren Drinks als in den legalen Clubs. In der jungen, internationalen Kreativ- und Universitätsszene wurden sie zum Standortfaktor, zur Werbung für Zürich, ob sie wollten oder nicht. Und wollten sie wirklich nicht?

Franziska Stärk hat die Zerstörung des Quartiers in einem Buch dokumentiert: www.siedlung-bernerstrasse.ch.

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