Nr. 14/2007 vom 05.04.2007

Selbstverständliche Skrupellosigkeit

Nanni Balestrinis Dokumentarroman «Sandokan» erzählt prägnant Aufstieg und Niedergang der neapolitanischen Camorra.

Von Andreas Fanizadeh

Der italienische Autor Nanni Balestrini hat sich immer wieder für die Grenzen zwischen bürgerlicher Ordnung und plebejisch-parastaatlicher Gewalt interessiert. Er schrieb in den achtziger Jahren Dokumentarprosa über Italiens autonome Jugendbewegung und später in den neunziger Jahren den überaus erfolgreichen Hooligan-Roman «I Furiosi. Die Wütenden» über die rot-schwarzen Brigaden des AC Milan. Und nun ist mit «Sandokan» eine neapolitanische Camorra-Geschichte erschienen.

Ausgangspunkt der Erzählung ist der sagenhafte Aufstieg und Niedergang des Bardellino-Clans. Für diese Geschichte hat Balestrini zwei Jahre recherchiert. Die Bardellino-Clans entwickelten sich aus verarmten LandproletarierInnen, deren Söhne keine Möglichkeit sahen, legal an schöne Frauen, dicke Autos und schicke Häuser zu kommen. In selbstverständlicher Skrupellosigkeit schaltet der Clan seine möglichen Konkurrenten aus und schafft sich ein effizientes Netz aus territorialer und familiärer Zugehörigkeit. Er okkupiert das öffentliche Leben, die Geschäfte, die politischen Parteien und Verwaltungen, um sich so immer stärker in die Welt auszubreiten, bis zur Kontrolle lukrativer Überseegeschäfte.

Balestrini erzählt aus der Perspektive von früheren Clanmitgliedern die Mentalität und Vorgehensweise der Camorra im Süden Neapels. Es geht ihm um die Lebens- und Alltagsvorstellungen, um das Milieu, aus dem heraus sich lokale Habenichtse in globale Player verwandeln. Der Ursprung ist bäuerlich-plebejisch und roh. «Wenn du nicht alle drei Sekunden fluchst nicht alle fünf Sekunden auf den Boden spuckst dann kann es passieren dass die dich für schwul halten und auch wenn du’s nicht bist testen sie das mal aus ein paar Jungs sind schon vergewaltigt worden aber niemand hat je davon gesprochen denn das ist so eine Sache in meiner Gegend sind immer eine Menge Dinge getan worden die auch immer noch getan werden alle möglichen Dinge aber davon darf man nicht reden»

Lokale Habenichtse

Ohne Punkt und Komma erzählt Balestrini diese unsentimentale Geschichte. Er berichtet von provinziellen Typen am unteren Sockel der gesellschaftlichen Hierarchie, die dem ökonomischen Erfolg und Fortkommen alles andere unterordnen.

Die gesamte Intelligenz, das gesamte Benehmen ist auf die räuberische Aneignung der Werte anderer konzentriert. Das hat comichafte Züge. Machtstreben und Sozialverhalten dienen alleine dem ökonomischen Wohlergehen des Clans, den Familien und dem Konsum. Dahinter schimmert keine weitere Vorstellung von Gesellschaft oder Kultur. Es ist wie bei der - sehr unterhaltsamen - US-amerikanischen Fernsehserie «Sopranos»: Es geht zumeist um alles, aber eigentlich um nichts. Am Anfang der Camorra steht eine rigide Klassenstruktur, das Ausgeschlossensein, am Ende ein rigides, darwinistisches Aufbegehren dagegen, ein dummes Gangstertum ohne Spur einer humanistisch-kommunistischen Rebellenanwandlung. Wer nicht zur Sippe gehört, der kriegt auch nichts.

Dieses Denken hat etwas Überholtes, und man mag kaum glauben, dass man in Westeuropa zu Beginn dieses Jahrtausends damit «Geschäfte» im grossen Stil machen kann. Aber es scheint zu gehen. Dabei handelt es sich nicht allein um Betrug, Korruption oder Preisabsprachen wie bei der Baumafia Spaniens oder aktuell bei Konzernen wie Siemens. Camorra heisst nach Balestrinis Bericht vor allem: dreisteste Kapitalaneignung ohne jegliche produktive, soziale Idee.

«Sandokan» spricht von der Aneignung der Rathäuser, Rentenauszahlungen und riesigen EU-Subventionsumleitungen im Süden Italiens. Von Gangsteraufsteigern, die für Strassen abkassieren, die niemals gebaut wurden. Die systematisch Müll statt der angeblich überproduzierten Tomaten in Deponien kippen, um EU-Millionen abzugreifen.

«Bei diesem Betrug verfährt der Clan folgendermassen am Anfang laden die Traktoren der Genossenschaftsmitglieder wirklich nichts als Obst ab nur dass der Anhänger auf dem das Obst liegt mitgewogen wird und auch der Traktor und vielleicht setzen sich auch noch zehn oder zwanzig Leute drauf meistens sehr dicke und das geschieht alles ganz zwanglos vor den Augen der Polizisten und Finanzbeamten so ist das am Anfang später wird es dem Clan zu blöd die herkömmliche Ladung abzuliefern oder vielleicht ist auch nichts mehr da vielleicht haben sie schon alles abgeliefert was sie in ihren erfundenen Genossenschaften zusammenbekommen und dann beginnen sie Anhänger mit allerlei Müll zur Deponie zu fahren auch Anhänger mit Sperrholz oder Steinen Hauptsache das Zeug ist richtig schwer das wird alles umstandslos auf diesen riesigen Deponien abgeladen und alle sehen zu die Polizisten und die Finanzbeamten» Überflüssig zu sagen, wie es den Bauern ergeht, die nicht zum Clan gehören und tatsächlich in aller Naivität versuchen, ihr redlich überproduziertes Obst oder Gemüse loszuwerden.

Gangsterexistenzialismus

Die erste Auflage von «Sandokan» war bei Erscheinen in Italien 2004 rasch ausverkauft. Danach war das Buch durch einige Verleumdungsklagen blockiert. Balestrini hat diese Prozesse mittlerweile für sich entscheiden können. Von weiteren Repressalien blieb er im Gegensatz zu Roberto Saviano, dem jungen Autor eines anderen Buchs über die neapolitanische Camorra, verschont. Davor schützt ihn auch die punkt- und kommalose Kunstsprache, die für Camorristen nicht nur schwer erträglich sein dürfte, sondern auch die Erweiterung der Dokumentation um Narration und Fiktion betont.

«Sandokan» arbeitet empirisch und erklärt erzählerisch prägnant die Existenzialphilosophie des neapolitanischen Gangstertums. Die Mischung aus Roman und Analyse ist gelungen und trotz fehlender Interpunktion leicht und packend zu lesen. Das vordemokratisch feudalistische Gangstertum der italienischen Bardellinos (oder der kolumbianischen Escobars) scheint dem Agieren von Todesschwadronen wesentlich näher als irgendeine Robin-Hood-artige Anmutung eines sozial verklärten Banditentums.

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