Nr. 14/2007 vom 05.04.2007

Zwanzig Kilo für Sämi 24

Rosengartenstrasse statt Alpe d’Huez: Die VelokurierInnen sind Profis der anderen Art. Ein Bericht von einer Schicht mit einem Fahrer des Zürcher Veloblitzes.

Von Armin Köhli

Wo du hinkommst, strahlen dich die Leute an. So charmant hatte ich mir das Leben als Velokurier nicht vorgestellt. Doch diese kuriosen Gestalten in Veloklamotten, mit grossem, grellem Rucksack und Funkgerät, die zielstrebig durch jede Türe gehen, lösen eben immer noch ein staunendes Lächeln aus, obwohl sie schon seit über 25 Jahren durch die Strassen rasen und längst zum Bild der Schweizer Städte gehören. Ein Velokurier bringt eine Idee von Anarchie in die Büros von Banken und Anwaltskanzleien, in die Vorzimmer von Zahnarztpraxen und medizinischen Labors: verschwitzte RebellInnen mit verrotzten Nasen.

Das «Du» gehört dazu. Gesiezt werden wir während unserer Schicht praktisch nur von den jungen Zahnarztgehilfinnen und den netten Frauen beim Jean-Frey-Verlag. Der Velokurier Roland Munz nimmt mich mit zu seiner Schicht. Sämi 24 heissen wir für heute - im Funk braucht es eindeutige Namen. Schichtbeginn ist mittags um eins. Unsere Räder sind bereit, Flickzeug und Pumpe eingepackt, die Funkgeräte mit geladenem Akku ebenfalls. Die grossen Taschen haben wir vorbereitet und einige Ausgaben der NZZ eingesteckt, für allfällige Nachlieferungen. Roland hat ausserdem ein Bauchtäschchen mit Stadtplan, Auftragsblöckchen, Kugelschreiber und ein wenig Bargeld. Schon diese Grundausstattung hat ein beachtliches Gewicht. Nun sitzen wir auf den Sofas in der Veloblitzzentrale - Büro und Werkstatt in einem - und plaudern mit anderen Kurieren, deren Schicht ebenfalls beginnt oder die gerade zurückgekommen sind.

Um zwanzig nach eins schickt uns der Disponent los. Über die Hardbrücke fahren wir ans Sihlquai, und von dort - mit einem Brief - nach Altstetten. Wir nehmen immer die Hauptstrassen, so fährt es sich zügig. Beim vierten Lichtsignal muss ich passen und Roland ziehen lassen: Ich kenne die Phasen nicht, weiss nicht, wer wann Grün hat. Nur darum geht es: in die richtige Richtung schauen und sich entscheiden, ob man noch durchkommt. Roland kam durch, dank Blickkontakt mit dem ersten Autofahrer.

Kaum zu glauben, wie wohlwollend die AutofahrerInnen auf die VelokurierInnen reagieren. Praktisch jedeR lässt dich durch, kein Schimpfen, kein Hupen, trotz aller Verstösse gegen die Verkehrsregeln. Selbst ein VBZ-Buschauffeur bremst, um uns vorbeizulassen. Der Veloberufsverkehr wird allseits respektiert. Dank Rucksack und Funkgerät kann selbstsicherer gefahren werden. Roland schaut praktisch nie nach hinten. Aber das würde auch wenig helfen, denn der sperrige Rucksack verstellt den Blick sowieso.

In Altstetten kriegen wir sofort den nächsten Auftrag: Vom Zollfreilager zur Handelskammer in der Innenstadt, um einige Dokumente beglaubigen zu lassen, und wieder zurück ins Zollfreilager. Von nun an läufts. Wir melden uns beim Disponenten immer ordentlich an und ab, wenn wir am Ziel ankommen, und der hat bereits neue Aufträge für Sämi 24. So ändert sich die vorgesehene Route laufend. Meist führen wir zwei, drei Aufträge gleichzeitig aus. Fotostudios, Filmvertrieb, «Tagi» hin, «Tagi» her, auf die Post, Briefe losschicken, die interne Post einer Bank erledigen - ein Dauerauftrag, und zwar fünfmal täglich - und noch mal auf die Post, ein Paket abschicken. Meistens sind es nur Hüpferli, oft geht es nur ein, zwei Minuten bis zum nächsten Ort. Die längste Fahrt dauert etwa zwölf Minuten, für eine Distanz von etwa fünf Kilometern.

Der Disponent weiss immer, welcher Kurier wo ist, und er kennt die Strecken und die dafür benötigten Zeiten. Denn alle, die beim Veloblitz im Büro arbeiten, fahren selber auch einige Schichten. Achtzehn bis zwanzig Veloblitze sind am Nachmittag jeweils gleichzeitig unterwegs. Über Funk hört man, wo Sämi 9, Sämi 13 und Sämi 14 gerade sind. Auch eine Frauenstimme ist hin und wieder zu hören. Der Disponent hilft uns über Funk, als wir eine nicht existierende Hausnummer suchen. Und er sagt uns auch, was zu tun ist, als wir um fünf in einem nicht abgeschlossenen, aber menschenleeren Büro einen Brief abgeben wollen.

Ein Velokurier wird nach Umsatz bezahlt. Die Veloblitz-Tarife sind für die FahrerInnen gerecht. Denn die Stadt ist in Tarifzonen unterteilt, dadurch wird eine Bergstrecke für die KundInnen teurer als eine flache. Ausserdem gibt es Gewichtszuschläge. Das versüsst es uns ein wenig, dass wir für eine Bank plötzlich ein Zwanzig-Kilo-Paket ausliefern müssen. Einen akzeptablen Lohn erreicht nur, wer auf einer Strecke mehrere Aufträge gleichzeitig übernehmen kann - ob es dabei hilft, sich mit dem Disponenten gut zu verstehen?

Wir sind dauernd auf dem Quivive, zwängen uns durch kleine Lücken zwischen den Autos und nehmen uns in Acht vor Tramschienen. Bei Kolonnen ein schneller Blick weit nach vorne: Links überholen und dabei leicht auf die Gegenfahrbahn geraten? Oder besser rechts an der Kolonne vorbei? Oder steht nach fünf Autos der sechste (ein Idiot) zu weit rechts und zwingt dich zum Sprung auf das Trottoir? Oder von Anfang an aufs Trottoir, trotz FussgängerInnen? Roland mag die Rosengartenstrasse und die Hardbrücke, diese Haupttransitachse quer durch die Stadt Zürich. «Dort musst du nie damit rech nen, dass dir ein Fussgänger vors Velo springt. Und wenn du schnell genug fährst, hast du deinen Platz im Verkehrsfluss.»

Auf der Kuriertasche am Rücken klebt eine grosse Werbung: Der Schriftzug «Klimawahl.ch» wirbt für die neue Website von Greenpeace zu den nationalen Wahlen im Herbst dieses Jahres. «Das ist die beste Werbung, die wir je hatten», findet ein Veloblitzer im Sofageplauder vor unserer Schicht. An diesem Morgen gab es sogar eine Sternfahrt von Greenpeace und Veloblitz, um Klimawahl.ch bekannt zu machen. Über Funk wurden die KurierInnen an dieses Happening gerufen - was bei einem ursprünglich aus Berlin stammenden Veloblitzer erhebliche Verwirrung auslöste: «In Berlin wird zu einem Happening gerufen, wenn ein Autofahrer ausrastet und ein Kurier Unterstützung braucht. Als es heute Morgen zum dritten Mal hiess: ‹Kommt alle ans Happening›, dachte ich, was ist denn da los? Eine Massenschlägerei oder was?»

Unser letzter Auftrag an diesem Nachmittag führt uns an den Hauptbahnhof, Gleis 18, Zugankunft 17.48 aus Schaffhausen-Bülach. Im vordersten Wagen wartet ein kleines Päckchen auf uns. Der Zugführer streckt es uns schon entgegen. Intercity-Lieferungen per Velokurier und öffentlichen Verkehr sind schlicht genial. Früher haben Kuriere die Briefe und Pakete einfach in einem Bahnwagen deponiert (ohne dass die SBB davon wussten), und am Zielort wurden sie dann von einem anderen Kurier abgeholt. Heute geschieht das legal und gut organisiert. Die SBB und zahlreiche Schweizer Kurierfirmen, vor allem die Velokurierfirmen, haben dafür eine gemeinsame Firma gegründet: Swissconnect. Nun haben die VelokurierInnen Schlüssel zum Zugführerabteil, und über die Website von Swissconnect werden die Aufträge registriert und verteilt. Die Tarife sind einheitlich, die Abrechnung läuft über Swissconnect.

Wir bringen das Päckchen von Gleis 18 ins Unispital, Abteilung Herzchirurgie. Was dringend tönt, scheint so dringend doch nicht zu sein: Der zuständige Herzchirurg hat schon Feierabend und ist ganz erstaunt über die Lieferung. Via Rosengartenstrasse und Hardbrücke fahren wir zurück zum Veloblitzbüro. Kurz vor halb sieben ist es unterdessen. Insgesamt haben wir gut fünfzig Kilometer im Stadtverkehr zurückgelegt. Elf Aufträge haben wir ausgeführt. Etwa die Hälfte der Zeit sassen wir auf dem Velo, die andere Hälfte verbrachten wir in den Büros und an den Schaltern. Auf dem Velo mussten wir 228 Höhenmeter überwinden. Wahrscheinlich haben wir heute allein in den Liften der Bürogebäude mehr Höhenunterschied geschafft.

Die meisten Kuriere der Nachmittagsschicht sitzen schon auf den Sofas. Bei Zigaretten und Bier machen sie die Tagesabrechnung. Die Umsätze waren bescheiden. Roland Munz etwa erhält einen Lohn von nur gut 85 Franken für diese fünfstündige Schicht. Sehr müde sieht keiner der jungen Männer aus. Nur verschwitzt sind sie und um die Nase herum ein wenig verklebt.

Kurierfirmen im Zeitalter von E-Mail

Wie alle Kurierfirmen leidet auch der Zürcher Veloblitz unter der rückläufigen Zahl von Aufträgen im Zeitalter von E-Mail und Internet. Auf der Suche nach neuen Geschäftsformen ist die Genossenschaft aber recht erfolgreich. So erledigt der Veloblitz für einige Grossfirmen die Hauspost, und eine feste Tour bei medizinischen Labors wird täglich gefahren. In Restaurants und Bars werden Gratispostkarten und Plakate verteilt. Ausserdem übernimmt der Veloblitz die Hauslieferungen des Restaurants Lily’s. Neuerdings verkauft die Veloblitzwerkstatt auch Velos der Marke Veloblitz.

Der jährliche Umsatz liegt bei rund 2,1 Millionen Franken. Davon entfallen rund 1,4 Millionen auf das «klassische» Kurierwesen. Das erfolgreichste Jahr im Kurierbereich war 2000; seither werden die anderen Aufträge immer wichtiger. Die KurierInnen werden nach Umsatz bezahlt; wer viele Schichten fährt, erhält einen Bonus. Wer im Büro arbeitet, erhält einen Stundenlohn von 25 bis maximal 27 Franken. Rund achtzig VelofahrerInnen arbeiten derzeit für den Veloblitz; etwa die Hälfte davon sind Vollprofis, sie haben also keinen anderen Job. VelokurierInnen tragen eigene Wettkämpfe mit internationalen Meisterschaften aus. Die Disziplinen entsprechen dabei dem Kurieralltag in den grossen Städten.

In Zürich gibt es auch noch andere Velokurierfirmen. Die Konkurrenz ist dabei eher sportlich als geschäftlich: Man wird nicht gerne von einem Kurier einer anderen Firma überholt. Generell ist das Verhältnis freundschaftlich. Beim Feierabendbier im Veloblitz sitzt auch einer, der das Trikot der Konkurrenz trägt.

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