Nr. 15/2007 vom 12.04.2007

Alles Schrumpfköpfe?

Interview: Esther Banz, Foto: Ursula Häne

Thomas Haemmerli: «Zurzeit mach ich medialen Ausdruckstanz in promotioneller Absicht.»

WOZ: Sie sagen häufig «Ich als Intellektueller ...». Was heisst für Sie intellektuell?
Thomas Haemmerli: Vier mögliche Definitionen. Alle treffen auf mich zu. Soziologisch: Leute, die ihr Geld damit verdienen, dass sie mit dem Kopf arbeiten. Politisch: der klassische französische Begriff vom politisch Intervenierenden. Mentalitätsmässig: kopfmässig veranlagt sein. Qualitativ: dass man über das Instrumentarium verfügt und den Kanon kennt.

Welches Instrumentarium ist 
heute wichtig?
Englisch ist zwingend, besser, wenn man noch in mehr Sprachen Debatten verfolgen kann. Und man sollte mit den grossen philosophischen Konzepten vertraut sein.

Ich dachte immer, Intellektuelle zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie verstehen wollen.
Unbedingt!

In Ihrem Film vermitteln Sie nicht den Eindruck, als wollten Sie verstehen, weshalb Ihre verstorbene Mutter ein Messie war.
Ein bisschen habe ichs versucht. Aber der Ausgangspunkt ist ja nicht, dass ich einen Film über meine Mutter machen wollte. Sondern die Zumutung, mich dem ganzen Scheissdreck stellen zu müssen, der mir mit ihrem Tod hinterlassen wird.

Uns haben Sie den Film anders verkauft. Sie schrieben: «In totaler Entfremdung erliegt eine Mutter dem Terror der Überflussgesellschaft. Schonungslos werden die Verwüstungen des Spätkapitalismus offen gelegt. Verkommener Aristokratie und verwahrloster Bourgeoisie wird die Larve von der Fratze gerissen.»
Das war der WOZ-spezifische Werbetext! Dekadenz! Genau!

Ihre Mutter wurde gezwungen, 
die Pille zu nehmen, derweil ihr Ehemann fremdging. Darüber hinaus sollte sie eine gute Hausfrau und Mutter sein.
Ja. Aber sie ist auch fremdgegangen! Meine Eltern waren ja nicht prüde. Und irgendwann war der Ofen aus, wie in vielen Beziehungen.

Letzte Woche sind diverse Kritiken zu Ihrem Film erschienen. Sie haben mich am Telefon schon darauf vorbereitet, welche zu lesen sich lohnen, sprich gut sind, welche nicht. Die im «Tages-Anzeiger» war sehr böse.
Ja, ich vermute, dass der Autor noch einen Resthass hat.

Weshalb sollte er Sie hassen?
Eine Beziehungsangelegenheit ...

Okay, die breiten wir hier lieber nicht aus.
Ausserdem haben die Leute beim «Tagi» extrem Mühe, wenn ein Journi seine Birne rausstreckt. Schon 1989, als ich mit andern Leuten zusammen die Zeitschrift «Nizza» gründete, wurde ich dafür gegeisselt, dass ich «ich» schrieb. Das sei zu subjektiv! Ich denke, das spielt jetzt auch mit. Aber vielleicht fand der Kritiker den Film einfach 
einen Scheissdreck. Fair enough.

Die Kritik ist ja recht konkret.
Ich habe sie nicht ganz begriffen.

Er wirft Ihnen mitunter Narzissmus vor.
Ha! Ich bin noch viel narzisstischer. 
Es hat mich viel Disziplin gekostet, all diese Bildchen, auf denen ich sehr unvorteilhaft aussehe, dem Publikum vorzuwerfen.

Sie erwähnen oft, dass Sie sehr viele Leute kennen. Weshalb?
Mach ich das?

Zumindest war überall, auch hier, zu lesen, dass dreihundert Personen zu Ihrem Geburtstag eingeladen waren.
Zurzeit mach ich medialen Ausdruckstanz in promotioneller Absicht. Da erzählt man ständig dasselbe.

Party ist Ihnen wichtig?
Zwischendurch hab ich extrem gern Party, ja.

Geht das zusammen: ein philosophisch gebildeter Intellekt und dazu ein ausschweifendes Partyleben à la Spassgesellschaft?
Das machten schon die griechischen Philosophen. Und «Spassgesellschaft» ist ohnehin eine Erfindung des deutschen Feuilletons.

Das sind ja auch Intellektuelle.
Das sind Schrumpfköpfe. Es gibt einen einfachen Trick, um Begriffe zu überprüfen: Schau, ob sie in andere Sprachen übersetzt sind. Schau, ob sie in den USA von Fun Society sprechen! Tun 
sie nicht. Gibts in Frankreich so was? Gibts nicht. Obwohl die auch Comedy und dergleichen haben. Das deutsche Feuilleton sucht immer wieder Generalbegriffe, mit denen man alles über eine Leiste schlagen kann. In Tat und Wahrheit gibt es viele Tendenzen, die die Gesellschaften verändern. Ein Phänomen mag das sein, was man gross als Spassgesellschaft gebrandmarkt und nach 9/11 vorschnell beerdigt hat. Nonsens!

Die deutschen Feuilletonisten sind also alle dumm?
Zuweilen ein wenig beschränkt, weil 
sie keine Sprachen können. Deshalb sind sie immer im eigenen Sumpf und glauben, was in Deutschland debattiert werde, sei die Welt.

Thomas Haemmerli, 43, ist Journalist und Filmer. Er kennt in Zürich alle wichtigen Leute aus Kultur und Medien und ist gerne Strippenzieher. «Sieben Mulden und eine Leiche» ist sein erster langer Film.

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