Nr. 17/2007 vom 26.04.2007

Von den Guerillas lernen?

Interview: Esther Banz, Foto: Ursula Häne

Thomas Haemmerli: «Ich war ein unglaublich moralistischer, strenger und superdogmatischer Linker.»

WOZ: Sie wettern gern gegen Ihrer Meinung nach bornierte Politiker und Politikerinnen. Worauf sollten sich fortschrittliche Politiker denn konzentrieren?
Thomas Haemmerli: Sie sollten zum Beispiel begreifen, dass eine der wichtigsten Frontlinien zwischen den US-Entertainmentkonzernen auf der einen und der Bevölkerung sowie den Kreativen auf der andern Seite verläuft. Copyright killt nicht nur Kreativität, es legitimiert auch, jeden zu kontrollieren. Und die Politiker sollten begreifen, dass Politik national kaum mehr möglich ist.

Auch der Klimawandel kennt keine Staatsgrenzen. Beschäftigt Sie die Erderwärmung?
Ja, klar. Hier bin ich für Regulierungen!

Das würde auch gewisse Beschränkungen bedeuten.
Sowieso!

Wo würden Sie unter Einschränkungen leiden?
Kein Computer, kein Internet: Das würde mich fertigmachen. Und was ich auch immer haben muss, sind Bücher. Auch ohne Wein wäre ich todunglücklich. Und weit fliegen ist zuweilen auch ganz gut.

Diese Woche fliegen Sie nach Kanada, wo Ihr Film am Festival von Toronto gezeigt wird. Kompensieren Sie die Flugemissionen?
Nicht dass ich wüsste, aber ich fahre auch praktisch nie Auto. Ich habe erst vor drei Jahren meinen Führerschein gemacht. Ich fand Autofahren früher ganz böse. Ich war ein unglaublich moralistischer, strenger und superdogmatischer Linker.

Das klingt mehr nach grün.
Ja, das auch, das war Teil des ganzen Pakets.

Moralisch sind Sie jetzt nicht mehr?
Die Erfahrungen haben mich kuriert. Als Ultra war ich in der Rekrutenschule. Ich wollte mit einer Gun umgehen können; ich war nie Pazifist und glaube heute noch an Maos Prinzip: Die Macht kommt aus den Gewehrläufen. Damals dachte ich, in den Dreissigern sei jeder anständige Kerl nach Spanien in den Schützengraben gegangen. Und meine Generation müsse in Nicaragua gegen die Intervention von Reagan kämpfen. Das war jugendlicher Romantizismus und Heroismus, und ich habe ein halbes Jahr Guerillatourismus gemacht.

Wo?
In Kolumbien, Peru, El Salvador, Nicaragua und Kuba.

Mit Gun?
Nein. Ich habe alle möglichen Gruppen besucht, habe eine Weile beim Gründer der maoistischen Guerilla in Kolumbien gelebt und habe viel debattiert.

Was haben Sie dabei gelernt?
Ich wurde von diesem extrem Gestrengen kuriert. In der Schweiz tobte der Geschlechterkampf, und ich glaubte, das Patriarchat sei die Matrix des Imperialismus und der wiederum die Matrix des Kapitalismus. In Zürich war es so: Egal, was du gemacht hast, du hast ständig überprüft, ob das moralisch vertretbar sei. Die Latinos dachten, ich sei nicht ganz dicht.

Diese Erfahrung hat Sie verändert?
Nicht nur diese. Wichtig war auch zu sehen, was Bürgerkrieg bedeutet. Und den Sexappeal von funktionierenden Gesellschaften zu erkennen. Wenn du mal in die Dritte Welt gehst, merkst du, wie geil es ist, wenn aus einem Wasserhahn sauberes Wasser kommt oder ein Tram fährt. In El Salvador entdeckten die Guerillatheoretiker damals die parlamentarische Demokratie. Später kam die Erkenntnis dazu, dass der Markt ein gutes Instrument ist, um die Güterverteilung zu organisieren. Bis heute kenne ich keine bessere Wirtschaftsform als eine, in der private Initiative möglich ist. In welchem Rahmen das dann reguliert ist, ist eine andere Frage.

Aus dem Revoluzzer ist ein Kapitalist geworden?
Kapitalist ist, wer über Produktionsmittel verfügt. Ich glaube einfach an die Marktwirtschaft. Es wird oft darauf hingewiesen, was am Markt nicht funktioniert, aber die Einsicht dringt nicht durch, dass der Markt ein effizientes Distributionsinstrument ist.

Für alle?
Was für alle?

Auch für die Armen im Süden zum Beispiel?
In vielen Bereichen funktioniert er auch da. Aber ja, es ist ein Horror, dass der Süden Produkte nicht verkaufen kann, weil wir unsere Bauern so stark subventionieren. Eine der Hauptforderungen aus dem Süden ist, dass der Norden seine Märkte öffnet. Das ist auch mein Anliegen: mehr Markt und weniger subventionierte SVP-Bauern.

Aus Ihnen spricht Thomas Held.
Das war eine der brillantesten Avenir-Suisse-Studien, zu sagen: Städte verdichten, den regionalistischen Scheissdreck aufheben und etwas machen, das wirklich ökologisch sinnvoll ist. Wenn das ganze Bauerngesocks weg wäre, könnte man darangehen, die überkommenen konservativen Staatsstrukturen zu modernisieren.

Bleiben wir bei Ihren Kernkompetenzen. Wir bezeichnen Sie im Abspann stets auch als Strippenzieher. Das impliziert Macht. Konnten Sie denn schon etwas bewirken?
Bei dieser Geschichte mit der Polizeistunde, die die Zürcher Polizeivorsteherin Esther Maurer wieder einführen wollte, konnten wir die Meinung der Kommission, des Regierungsrats und der Parlamentsmehrheit kehren. Das ging, weil ich weiss, wie politische Apparate und die Medien funktionieren.

Thomas Haemmerli, 43, ist Journalist und Filmer. Er kennt in Zürich alle wichtigen Leute aus Kultur und Medien und ist gerne Strippenzieher. «Sieben Mulden und eine Leiche» ist sein erster langer Film.

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