Nr. 13/2007 vom 29.03.2007

Was ist ein Messie?

Interview: Esther Banz, Foto: Ursula Häne

Thomas Haemmerli: «Wir haben bei meiner Mutter fünf Bohrer gefunden.»

WOZ: Wer räumt bei Ihnen zu Hause auf?
Thomas Haemmerli: Meine Putzfrau. Das ist so ein selbst gewähltes Terrorregime. Bevor sie kommt, muss ich selber aufräumen. Ich habe sie schon seit drei Wohnungen.

Eine Ersatzmama?
Eine bezahlte italienische Mama – mit dem Unterschied, dass sie nicht kochen soll.

Wie oft kommt sie zu Ihnen?
Alle zwei Wochen.

In Ihrem Film dreht sich alles ums Aufräumen. Beziehungsweise ums Nichtaufräumen. Die abwesende Hauptfigur ist Ihre Mutter.
Ja, sie war ein Messie.

Und sie ist gestorben. Als Sie ihre Wohnung betreten, finden Sie ein Riesenpuff, Leichengestank und auf dem Boden verkrustetes Blut. Sie haben aber keinen Gruselfilm gemacht. Was ist «Sieben Mulden und eine Leiche»?
Ich wollte einen lustigen Dokumentarfilm machen, der ein paar ernsthafte Themen drin hat. Er geht von der Zumutung aus, dass ich an meinem Geburtstag, zu dem ich 300 Freunde, Bekannte und Kunden eingeladen hatte, erfuhr, dass meine Mutter gestorben ist. Mein Bruder und ich mussten die Wohnung ausräumen. Das Ganze dauerte einen Monat. In der Zeit hab ich immer wieder gefilmt.

Sie haben ja sicher recherchiert: Was macht einen Messie aus?
Sammelwut und die Unfähigkeit, Dinge wegzuwerfen. Diese Unfähigkeit kippt in etwas, das man vermutlich pathologisch nennen muss. Was zur Folge hat, dass man nicht mehr richtig funktioniert, auch sozial nicht.

Im Film stellen Sie die Frage, ob das Messie-Syndrom genetisch bedingt ist.
Ja, denn ich habe herausgefunden, dass meine Grossmutter auch eine war.

Und Sie selber?
Viele Messies träumen vom perfekten Archiv und ertrinken im Versuch, dieses zu erstellen. Manche Journalisten haben dieses Problem, ich auch.

Gibt es Warnsignale?
Die fixe Idee, Möglichkeiten zu haben, ist bei Messies ins Pathologische gesteigert. Wo die Grenze verläuft – schwer zu sagen.

Das heisst?
Sie glauben von allem, es könnte vielleicht mal für etwas gut sein. Ein Beispiel: Meine Mutter hat alle Schlüssel, die sie je im Leben brauchte, bis ans Ende aufbewahrt. Typisch ist auch so ein Ökogroove.

Was hat ökologisches Bewusstsein mit der Unfähigkeit, aufzuräumen, zu tun?
Oh, viel! Meine Mutter war schon früh nicht nur Mitglied von diversen Tierorganisationen, sondern auch des WWF. Dahinter stand auch die Idee, nicht Teil der Wegwerfgesellschaft zu sein, sondern für eine gedeihliche Zukunft des Planeten zu sorgen. Paradox ist, dass es in der Praxis zum Gegenteil führt. Sie finden die Sachen, die sie aufbewahrt haben, nicht und kaufen wieder neue. Wir haben bei meiner Mutter fünf Bohrer gefunden. Auf dem Kantonsgebiet von Zürich standen sieben Autos, die ihr gehörten. Zwei funktionierten noch, der Rest nicht. Der Beweggrund war stets: Nichts wegwerfen, vielleicht ist es ja einmal für etwas gut.

Es gibt auch die These, dass Messies an Dingen festhalten, weil diese ihnen ein Geborgenheitsgefühl geben.
Ja. Ich bin auf drei Gründe gekommen, weshalb man Dinge nicht wegwirft. Erstens wegen dieser Überlegung, dass alles mal von Nutzen sein kann. Zweitens das Sammeln: Man glaubt, dass die Dinge einmal Wert haben werden. Und drittens behält man Dinge, weil sie Träger von Emotionen sind. Für viele Leute ist es wie ein Verrat, Geschenke, Souvenirs und andere Dinge mit Erinnerungswert wegzuwerfen. Man würde damit die Liebe wegwerfen, den Aufwand, der da hineingesteckt wurde.

In den Unterlagen, die man als Journalistin zu Ihrem Film kriegt, hat es ein Papier, in dem all die Punkte, die man Ihnen vielleicht vorwerfen könnte oder möchte, schon mal vorweggenommen sind.
Nämlich?

Da steht zum Beispiel: «Man könnte sagen, Sie seien pietätlos.» Darauf geben Sie eine wohlüberlegte Antwort.
Das gehört zu professioneller Kommunikation. Ich bin ja schon lange in diesem Business. Wichtig ist, dass man sich überlegt: Was will ich sagen, und wie sag ich es? Und dass man sich fragt, welches die härtesten Fragen sind, die kommen könnten. Zu jeder muss ich Vernünftiges sagen können. Die meisten Journis, die etwas zum Film schreiben, führen ja kein Interview mit mir. Also ist mir wichtig, dass ich meine Argumente irgendwo anbringen kann. Ich hab mir doch einiges überlegt dazu.

Thomas Haemmerli, 43, ist Journalist und Filmer. Er kennt in Zürich alle wichtigen Leute aus Kultur und Medien und ist gerne Strippenzieher. «Sieben Mulden und eine Leiche» ist sein erster langer Film. Er kommt am 5. April in die Kinos.

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