Nr. 15/2007 vom 12.04.2007

Hinschauen endet im Spital

Als es nach einem Super-League-Spiel zu Ausschreitungen kam, wollte der Fanarbeiter Oliver Lemmke wissen, was genau passiert war. Jetzt droht ihm Stadionverbot.

Von Daniel Ryser

Vor und nach dem Spiel Young Boys gegen Grasshoppers am 31. März war es rund um das Stade de Suisse zu Ausschreitungen gekommen. Trotz erheblichen Polizeiaufgebots waren nach Spielende vor dem Gästesektor ungehindert vierzig Berner Hooligans aufmarschiert und hatten im Rücken der Polizei provoziert. Dann wurde der Sektor geöffnet, die Gästefans kamen heraus, es flogen Flaschen. Die Polizei schoss Gummischrot und Tränengas. Es waren absehbare Ausschreitungen, und Fankreise kritisierten die Stadtpolizei scharf, weil sie das Aufeinandertreffen der beiden Lager zugelassen hatte.

Im Zürcher Fanlager war auch Oliver Lemmke. Er war an diesem Tag, seinem Geburtstag, mit seinen drei Brüdern ans Spiel gereist, privat. Während sich Zürcher und Berner Anhänger mit Steinen und Flaschen bewarfen, kaufte Lemmke, unterwegs zum Bahnhof, an einer Tankstelle in der Nähe des Stadions Proviant für die Rückreise nach Zürich. Dann sah er, wie ein betrunkener Zürcher Fan einem Polizisten «den Vogel zeigte». Sofort stürzten sich Polizisten auf den Fan, rissen ihn zu Boden, legten ihm Handschellen an. Lemmke beobachtete die Szene, fragte einen Polizisten, der die Verhaftung bewachte, ob die Aktion nicht ein wenig übertrieben sei. «Es war offensichtlich ein Fehler, Position für den Fan zu beziehen», sagt Lemmke. Er wurde weggeschickt. Drehte sich um. Und dann lag er am Boden. Etwas hatte ihn am Kopf getroffen. Zwei Männer drückten ihn nieder. Er wehrte sich. Ein dritter Mann, alle waren sie uniformierte Polizisten, kam hinzu und sprühte ihm während mehrerer Sekunden aus kürzester Distanz Pfefferspray ins Gesicht. «Ich bekam kaum noch Luft. Das Verhalten der Polizei war nicht angemessen.» Ein Polizist legte ihm Handschellen an. Dann kam eine Polizistin hinzu, die die Szene beobachtet hatte. Sie liess Lemmke die Handschellen abnehmen, orderte Wasser, damit er seine Augen ausspülen konnte, und als er auch nach mehreren Minuten noch immer kaum Luft bekam, rief sie einen Krankenwagen. Mit der Überführung ins Spital wurde der Fanarbeiter denn auch umgehend wieder auf freien Fuss gesetzt. Warum er zu Boden gedrückt und kurzfristig in Handschellen gelegt wurde, weiss er nicht. «Niemand hat sich gerechtfertigt.» Zeuge des Vorfalls wurde auch der Berner PDA-Stadtrat Rolf Zbinden: «Ich sah, wie ein Mann plötzlich und ohne offensichtlichen Grund in den Polizeigriff genommen und zu Boden gedrückt wurde.» Als der Stadtrat sich erkundigte, was die «absurde Aktion soll», wurde ihm eine Wegweisung angedroht.

Vielleicht könne man ihm Naivität vorwerfen, sagt Lemmke heute, «dass ich einen kritischen Augenschein nehmen wollte, als es zu den Ausschreitungen kam». Doch er habe ja auch aus Erfahrung gehandelt: Oliver Lemmke war unter anderem offizieller Fanbetreuer des Schweizerischen Fussballverbandes an der Europameisterschaft 2004 in Portugal: Dort half er Schweizer Fans, die ihren Pass verloren hatten, die das Stadion nicht fanden, die einen Übersetzer brauchten. Er traf Samuel Schmid, und der Bundesrat lobte während der EM das Fanprojekt. Lemmke erstellte ein Fanarbeitskonzept für die Fachhochschule Luzern, schrieb seine Diplomarbeit zum Thema «Soziokulturelle Animation und Fanarbeit». Für das Sozialdepartement der Stadt Zürich, in Zusammenarbeit mit dem GC, dem FC Zürich, und dem ZSC, erstellte er eine Fanarbeitsskizze und lieferte eine Studie ab: Wünschen die Fankurven mehr Fanarbeit? Er sollte das herausfinden. Und er fand es heraus: Die Mehrheit der befragten Fans sprach sich dafür aus. Nicht nur deshalb sieht Lemmke Handlungsbedarf, sondern auch, weil Ausschreitungen rund um Fussballspiele seit den achtziger und neunziger Jahren nicht abgenommen hätten und «Polizisten in Fankurven zusehends nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden, sondern als Feindbilder, obwohl sie vielleicht auch einfach ihren Job machen und nicht zum Spass hier sind», wie Lemmke sagt.

Die Ausschreitungen rund um das Spiel Young Boys gegen Grasshoppers seien für ihn ebenfalls Beweis, dass professionelle Fanarbeit vonnöten sei. «Es gab an jenem Abend in Bern keine Ansprechpersonen für die Fans, und es gab keine Schnittstelle, die die Krawalle durch Kommunikation hätte verhindern können.» Er stellt sich heute eine Frage, die sich nach dem Spiel viele stellten - die Medien berichteten: Wenn das Einsatzkonzept der Polizei Deeskalation und die Trennung der Fangruppen beinhaltete, warum konnten sich dann nach Spielende vierzig Berner Hooligans vor dem Gästesektor versammeln?

Zu diesem essenziellen Punkt äussert sich die Berner Stadtpolizei nicht. Sie korrigiert aber ihr eigenes Communiqué, in dem sie geschrieben hatte, gewaltbereite GC-Fans hätten Stadiontore aufgebrochen und so zur Eskalation beigetragen. Man habe, als man die Hooliganansammlung bemerkt habe, den Stadionbetreiber angewiesen, die GC-Fans bis zwanzig Minuten nach Spielschluss im Stadion zu behalten. «Entgegen den Abmachungen mit den Verantwortlichen des Stade de Suisse wurden die Tore des Gästesektors bereits nach zwölf statt zwanzig Minuten geöffnet. Zurzeit finden klärende Gespräche statt», so ein Stapo-Sprecher gegenüber der WOZ.

Für Lemmke ist klar: «Das Polizeiverhalten an diesem Tag war chaotisch und nicht deeskalierend.» Für den Fanbetreuer könnte der «kritische Augenschein» ein böses Nachspiel haben: Im Zusammenhang mit einem Fussballspiel von der Polizei angehalten zu werden, genügt, um ein zweijähriges nationales Stadionverbot zu bekommen. Auch wenn Fragen und Antworten zum Warum fehlen. Die zuständige Sprecherin der Berner Stadtpolizei war laut einem Arbeitskollegen am Montag und Dienstag krank und für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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