Nr. 17/2007 vom 26.04.2007

Das Feuer, der Sauerstoff

Sie geistert durch die Medien als «A. S. vom Revolutionären Aufbau», als «Organisatorin der 1.-Mai-Nachdemo», als mutmassliches Mitglied einer terroristischen Vereinigung. Sie gibt keine Interviews. Ein Interview zum 1. Mai mit Andrea Stauffacher über Politik, den Schwarzen Block und revolutionäre Perspektiven.

Interview: Daniel Ryser

WOZ: Was erwarten Sie vom diesjährigen 1. Mai?

Andrea Stauffacher: Der 1. Mai ist nicht nur für uns wichtig, die organisiert sind und sich als KommunistInnen bezeichnen. Der 1. Mai ist der Tag, an dem weltweit die Anliegen der Klasse auf die Strasse getragen werden und auf Missstände hingewiesen wird. Daraus erkennt man, in welcher Situation sich die ArbeiterInnenklasse befindet und unter welchen Bedingungen gelebt wird.

In welcher Situation befinden wir uns?

In der Schweiz gab es einen kleinen Aufschwung. Doch der klingt bereits wieder ab, und nur wenige spürten davon etwas. Der Angriff auf die Errungenschaften der ArbeiterInnenbewegung geht weiter. Entlassungen oder Druck am Arbeitsplatz nehmen weiter zu, wie auch der Druck auf jene, die am Rande des Existenzminimums leben.

In den Zeitungen wird von ihren Inhalten nichts zu lesen sein. Es wird wie jedes Jahr heissen, Sie und der Revolutionäre Aufbau seien Anführer des Krawalls.

Wir werden in den bürgerlichen Medien als Anführer des Krawalls dargestellt. Doch wer am 1. Mai den Revolutionären Treff auf dem Zürcher Kanzleiareal besucht, sieht, dass dieser Ort ein Ort der politischen Information, Diskussion und des Handelns ist.

Das heisst?

Bildung ist zum Beispiel ein Thema. Das SchülerInnennetzwerk des Revolutionären Bündnisses zeigt auf, dass Bildung im Kapitalismus im Dienst von Markttauglichkeit steht und nicht im Interesse der SchülerInnen. Im Bildungsbereich wehren wir uns zum Beispiel gegen die Privatisierungsideen der Avenir Suisse, die Eliteschulen anstrebt. Wir stellen die Situation der Frauen dar. Der G8-Gipfel interessiert uns, die Befreiungsbewegungen wie zum Beispiel in Indien. Wir solidarisieren uns mit politischen Gefangenen wie Mehmet Esiyok, der in die Türkei abgeschoben werden soll. Hier rollen wir eine Kampagne an. Wir tragen Inhalte auf die Strasse. Am 1. Mai steht vor allem auch die Solidarität im Vordergrund, das ist eine Fähigkeit, die man sich erkämpfen muss. Solidarität kann zur Waffe werden, wie die Erkämpfung von Erdogans* Freiheit gezeigt hat.

Die Inhalte gehen unter im Krawall. Die Nachdemo prägt Begriffe: Erst waren es Chaoten, nun Secondos.

Natürlich kann man die Leute immer mit Begriffen abstempeln. Und man kann immer nach neuen Begriffen suchen - von Chaoten zu Secondos -, um die Vorgänge zu entpolitisieren. Um sich nicht die Frage stellen zu müssen: Warum passiert das auch in der Schweiz? Was sagen diese Konfrontationen aus? Woher kommt die Wut der Secondos, was sind die sozialen Ursachen? Sind die einfach geil auf Action? Oder sind das Leute, die das ganze Jahr «uf d Schnurre bechömed», in der Schule, bei der Lehrstelle, bei der Arbeit, die keine Lehrstelle finden in diesem Zweiklassenbildungssystem. Die Konfrontation auf der Strasse sagt viel über die soziale Situation in einem Land aus, deshalb ist es wichtig, dass sie vom Sozialen ins Politische wächst. Die Strasse ist ein Ort, an dem Klassenanliegen und Widerstandsformen zusammenkommen. Sie ist ein Ort der Klassenkonfrontation.

Sie gelten im Rahmen dieser Konfrontation als «Anführerin des Schwarzen Blocks» ...

Der Schwarze Block ist ein Gespenst, das ist keine Organisation. Der Schwarze Block ist einzig ein taktisches Element um der Repression etwas entgegenzusetzen, weil die Repression vor allem darauf setzte, mittels Film und Fotografie Leute zu fichieren. Klar war: Wenn alle gleich aussehen und vermummt sind, wird es schwieriger. Tatsächlich wurde dadurch die Kriminalisierungswelle gestoppt. Die Bewegung sucht und findet immer wieder Antworten auf Probleme, die sich ihr stellen.

Wohin führt der Kampf?

Ich werde es nicht erleben, dass wir die Revolution auf dem Bundeshausplatz feiern. Dass ist das, was Teile der 68er, also meiner Generation, nicht verstanden haben. Du kannst nicht erwarten, dass unsere Ziele sofort erfüllt werden. Wir sind Teil eines langen Prozesses. Der Kapitalismus hat heute nichts mehr zu bieten ausser Krieg und Verelendung. Es gab auf der Welt noch nie so viele Kriegsschauplätze. Die nächsten sind absehbar. Die Armut nimmt zu, auch in Europa. Diese Entwicklung wird verursacht durch das kapitalistische System selber, das keinen anderen Weg aus seiner Krise finden kann. Die Frage ist: Wie reagieren wir darauf?

Jetzt sind wir an einem heiklen Punkt.

Warum?

Wie ist Ihr Verhältnis zur Gewalt?

Ich habe ein klares Verhältnis zur revolutionären Gewalt. Für mich stellt sich die Frage, welchen Charakter sie hat. Aus welchem Kontext und mit welcher Zielsetzung sie stattfindet und auf welcher Ebene. Militanz ist ein Teil des Klassenkampfes. Alles andere ist naiv. Sie muss Teil eines aufbauenden Prozesses sein. Die politische Machtfrage kann man nicht stellen, ohne die Gewaltfrage im revolutionären Sinne positiv zu beantworten.

Die revolutionäre Perspektive bedeutet Tote?

Nein. Ich rede ja hier nicht von einem Bürgerkrieg. Ich distanziere mich nicht von einer gezielten Militanz. Das heisst nicht, dass man alles gutheisst oder es auch so machen würde. Der springende Punkt ist, dass diese Debatte verlogen ist. Die Frage nach all den Menschen, die täglich gewaltsam sterben, wird nicht ähnlich konsequent gestellt. Aktuell im Irak: Wer ist dort mitverantwortlich für den Tod Tausender Zivilisten? Da frage ich mich wegen ein paar Scheiben nicht, und davon reden wir, wenn wir von Gewalt an der Demo reden: Warum gibt es das?

Macht der Kommunismus dem ein Ende? Als Gegenargument muss ja oft Stalin herhalten ...

Wir haben ein sehr selbstkritisches Verhältnis zur kommunistischen Bewegung. Wir können aus der eigenen Geschichte nur lernen, wenn wir selbstkritisch sind. Das ist fundamental. Wie konnte es zu Stalin kommen? Wie und unter welchen historischen Bedingungen konnten solche Entwicklungen laufen?

Sie wurden 1968 politisiert. Von den 68ern kennt man heute vor allem die prominenten Aussteiger. Haben Sie nicht manchmal genug?

Auf keinen Fall. Wir leben in interessanten Zeiten. Die kommunistische Analyse ist immer davon ausgegangen, dass sich der Kapitalismus in diese Richtung entwickelt. Ganz im Sinne: Der Kapitalismus hat keine Fehler, er ist der Fehler. Doch was bedeutet das konkret und welche Anforderungen stellen sich daraus der revolutionären Linken, in der Theorie wie in der Praxis? Es muss gelingen, immer wieder Antworten zu finden, wie zum Beispiel auf die Frage, welchen Verlauf der revolutionäre Prozess heute hat. Welche Anforderungen stellt er an eine revolutionäre Linke? Das ist eine Herausforderung. Wie geht es weiter? Was lernen wir aus den Siebzigern? Aus den Achtzigern? Wie sieht die Kontinuität von der einen historischen Phase zur nächsten aus? Wir leben von dieser Kontinuität. Es ist im Moment vor allem eine Frage der Qualität, nicht der Quantität. Gerade die Frage, wie wir unsere Erfahrungen kombinieren mit den jungen Leuten, die in diesen Zeiten politisiert werden, ist extrem spannend. Ich bin alles andere als frustriert. Ich bin sehr optimistisch. Wir sind ein Teil einer weltweiten Bewegung. Wir suchen Alternativen zum Bestehenden. Wir üben eine fundamentale Kapitalismuskritik und versuchen sie mit einer revolutionären Perspektive zu verbinden.

Wie kommt man eigentlich zum Revolutionären Aufbau?

Indem man sich begegnet, auf der Strasse, bei Mobilisierungen, indem man unsere Zeitung liest, unsere Website, unsere Flugblätter, indem man in die politische Diskussion einsteigt. Wir haben einen Buchladen.

Wem steht der Aufbau nahe? Etwa den Gewerkschaften?

Wir haben zu den Gewerkschaften ein klares Verhältnis: Wir fühlen uns mit der Basis verbunden, ein Teil von uns ist gewerkschaftlich organisiert. Die Gewerkschaften sind ein erster Organisierungsschritt, der sehr wichtig ist. Eine andere Frage ist, was die Führung macht und was sie heute vertritt. Wir trennen das. Wir beteiligen uns an den Streiks, wir wurden auch schon angefragt, in Basel zum Beispiel, dann waren wir bei Gate Gourmet aktiv, auch im Jura. Das ist ständige, wichtige Arbeit.

Dann wiederum verstösst der Aufbau relativ unbesorgt gegen das Gesetz, in dem er zu nicht bewilligten Kundgebungen aufruft. Nie Probleme?

Ich lande ja immer wieder in der Kiste wegen kleiner Vergehen, zum Beispiel Anzeigen wegen Landfriedensbruch. Wir machen das nicht unbewusst. Wenn wir zum Beispiel an Demos illegal plakatieren oder sprayen, ist dies ein gutes Mittel, um zu zeigen, dass das bürgerliche Legalitätsverständnis nicht das Unsere ist und dass man es auch, auf tiefem Niveau, brechen kann. Wir finden es wichtig, dass man auf der Strasse sieht, dass es Menschen gibt, die für eine Alternative zum Bestehenden kämpfen.

Sie fordern Solidarität und erfahren, glaubt man der Presse, selbst ziemlich wenig Solidarität.

Das stimmt nicht. Ich erfahre viel Solidarität, ich spüre kaum Ablehnung, abgesehen von ein paar Faschos, die E-Mails schreiben. Oder von Seiten der Polizei. Die Leute auf der Strasse, auf der Post, beim Einkaufen, sind sehr entgegenkommend. Die Leute glauben den Zeitungen viel weniger, als man denkt. Viele sagen: Mach weiter. Gib nicht auf. Dabei geht es vielen nicht unbedingt um den genauen ideologischen Standpunkt. Es geht eher um eine Haltung: Das Bestehende nicht einfach akzeptieren, sondern aufstehen, widerstehen und nicht aufgeben. Sich nicht brechen lassen, sondern für das einstehen, was man wichtig und richtig findet.

Wie macht man das eigentlich, sich nicht brechen lassen?

Das ist mein Leben. Ich kann es nicht erklären. Um zurückzukommen zur Politik: Es ist keine hohle Phrase, wenn man sagt, die revolutionäre Entwicklung ist unaufhaltbar und historisch bedingt. Es ist ja nicht der einzelne böswillige Bush, es ist das kapitalistische System, das nicht anders funktionieren kann. Und dann kommt das ständig in mir auf: Welches sind die Fragen, die ich mir als moderne Marxistin stellen muss? Die Frage der Formierung, der Organisierung, die Frage der Klassenkonflikte, des revolutionären Verlaufs, sozialistische Errungenschaften, Kommunismus. Und ständig kommen neue Impulse: Indien, Italien, Mexiko. Wenn du Teil bist dieses Prozesses, wirst du von einer Welle getragen, das ist das Feuer, der Sauerstoff.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch