Nr. 19/2007 vom 10.05.2007

Unter Römern und anderen Helden

Constantin Seibt beschreibt den grössten Schweizer Wirtschaftsprozess anregend und mit grosser Klarheit. Aber auch etwas gar romantisch.

Von Stefan Howald

Der englische Bestsellerautor Robert Harris hat kürzlich im Roman «Imperium» unübersehbare Parallelen zwischen der römischen Politik im ersten Jahrhundert vor Christus und der Gegenwart gezogen, und die amerikanisch-britische Fernsehserie «Rome» hat sich des Themas ebenfalls angenommen.

Auch in Constantin Seibts Buch «Der Swissair-Prozess» kommen Römer vor, oder zumindest einer. In umgekehrter Blickrichtung freilich. «Mario Corti hätte einen grossen Römer abgegeben», schreibt Seibt über den letzten CEO der Swissair. Damit meint er: heroisch, edel und tragisch.

Seibts Buch, eine leicht überarbeitete und ergänzte Fassung seiner täglichen Berichterstattung im Zürcher «Tages-Anzeiger», hat unbestreitbare Qualitäten. Über die anschauliche Sprache muss ich in der WOZ keine Worte verlieren [Constantin Seibt war von Frühjahr 1997 bis August 2005 WOZ-Redaktor]. Der komplexe Fall ist mit verdankenswerter Klarheit dargestellt. Seibt liefert treffende Vignetten von Wirtschaftsführern und Managementstilen. Er benennt die Schwächen einer Strafverfolgung, die Grauzonen wirtschaftlicher Tätigkeiten nicht ausleuchten kann. Zuweilen lässt sein Urteil an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die Konstruktion der Swissair-Gruppe unter Philippe Bruggisser war eine grössenwahnsinnige «Höllenmaschine». Der Verwaltungsrat war ein Gremium inkompetenter Jasager, die mangels Zeit und aus nicht hinterfragten Loyalitäten brisante Entscheide im Minutentakt sanktionierten. Die Bankenvertreter weideten die noch zuckende Swissair kühl und erbarmungslos aus.

Aber ein paar Seiten, oder zuweilen ein paar Sätze später, ist alles wieder ganz anders. Da arbeiten dann alle Chefs wieder hart, «nach bestem Wissen und Gewissen» und mit besten Argumenten. Die Höllenmaschine ist «aus gutem Grund» gebastelt worden. Überhaupt sollte man über diese einst mächtigen Leute nicht zu hart urteilen, weil sie ja nur die «Kinder ihrer Zeit» waren.

Es gibt, offenkundig, drei, nein vier verschiedene Perspektiven in diesem Buch.

Da ist der kritische Ansatz. Seibt weist selbst darauf hin, dass er sich in den luftigen Höhen eines Königsdramas bewegt, dem die Bauern abhanden gekommen sind. Er beschreibt distanziert, wie Corti in einem «tief romantischen» Verständnis von Wirtschaftsbeziehungen alles anhand - unzureichender - Kriterien von Treue und Verrat beurteilt. Er erläutert, wie durch die Argumente der Gläubigervertreter manche Behauptung der Angeklagten zerzaust worden ist.

Da ist der populistische Ansatz. Zweimal wird betont, wie Bruggisser, das kalte Genie im Umgang mit Zahlen, der achtzehn Stunden am Tag arbeitete, nach seiner Reaktion auf den Swissair-Absturz vor Halifax plötzlich «von seinen Leuten und der Öffentlichkeit geliebt» wurde. Die Manager sind Brocken von Männern, die ihren Unternehmen Glück oder Unglück bringen und sich bei langweiligen Erörterungen wie eine «verletzte Katze» auf ihren Stühlen winden. Seibt ist von diesen Bossen und Chefs, von diesem Gezerre in der Business Class bei aller Distanz und Ironie und Kritik fasziniert. Entsprechend Mitleid muss man mit den Angeklagten haben, deren «sozialer Tod» sie zu «Unberührbaren» werden lässt.

Da ist der heroisch-martialische Ansatz. Der tragische Römer Mario Corti meint einmal, ein Konzern in der Existenzkrise sei «wie Zweiter Weltkrieg». Seibt zitiert solchen Schweizer Schwachsinn, ohne mit der Wimper zu zucken. Er selber bevorzugt ein anderes Vokabular: Es sei, versichert er mehrfach, die Hölle gewesen, in der Höllenmaschine oder im Hexenkessel des Konzerns. Ob römische Heroen oder in der christlichen Hölle Gestählte: Helden braucht das Land.

Und da ist der psychologische Ansatz. Der zeigt sich nicht zuletzt in zwei grundlegenderen Texten, die Seibt dem eigentlichen Prozessbericht nachschiebt und in denen er eine kleine Geschichte der jüngsten Schweizer Wirtschaftsskandale sowie die Entstehung einer neuen Finanzplatzelite skizziert. Das ist in manchem aufschlussreich und anregend. Doch geht mir alles zu einfach auf. Vielleicht, weil Seibt dem wirtschaftlichen Wechsel einen Generationenkonflikt überstülpt. «Wenig erwärmt alte Männer mehr als der Tod von jungen Männern», raunt er, um dann die neuen Finanzjongleure «so fröhlich, grausam, unschuldig und ungeschützt wie die Kinder» zu beschreiben.

«Das alte System - die Dreifachkarriere in Politik, Militär, Firma» mag heute tatsächlich in Fetzen liegen und mit ihm ein Teil des Zürcher Freisinns. Aber die Schweizer Wirtschaftselite hatte sich schon länger gewandelt, und nicht nur im Finanzsektor. Seibts Analyse dieser Psychodramen in luftigen Höhen fehlt die Bodenhaftung, in zweierlei Hinsicht. Er vernachlässigt die Rückbindung des Finanzsektors an die produzierende Wirtschaft, wie sie etwa Oliver Fahrni in der WOZ Nr. 18/07 geliefert hat. Und er kümmert sich nicht darum, dass all diese schönen Dinge immer noch mit mehr oder weniger willigen Arbeitskräften und mit mehr oder weniger willigen StimmbürgerInnen rechnen müssen. Wie altmodisch ein solcher Einwand tönt. Wie nötig er ist.

War also der Zusammenbruch der Swissair die grosse Zeitenwende in Schweizer Politik und Wirtschaft? Wird es in der künftigen Geschichtsschreibung einen Zeitpunkt vor und nach dem Konkurs des Unternehmens geben, wie «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Peter Hartmeier im Vorwort des Buchs in unnachahmlichem Stil meint? Mir scheint, in seiner symbolischen Bedeutung ist der Untergang der Swissair überschätzt worden. Ja, die UBS wurde ein paar Monate lang beschimpft. Seither schmückt sie sich wieder mit Rekordprofiten und stellt die KleinaktionärInnen still. Ja, der Film «Grounding« zog ein beachtliches Publikum an. Seither hat der Swissair-Prozess in Bülach erstaunlich wenig öffentliche Wellen geworfen.

Der Prozess hat durchaus Geschichte gemacht, weil er die Verantwortlichkeit von Unternehmern, Managern und Verwaltungsräten ein wenig ins Rampenlicht gezerrt hat. Ob er zum Präzedenzfall wird, ist unentschieden und hängt von den politischen Möglichkeiten ab, das Urteil auszuwerten. Die Abzockerdebatte verläuft bislang im Auf und Ab. Die Absorptionsfähigkeit des Kapitalismus ist einmal mehr erstaunlich.

Ach ja, die Römer und ihre heroische Politik. Dazu empfehle ich die Lektüre von Bertolt Brechts «Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar».

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